Ich – glossiert

Das Erste, was ich in dem gedrehten Staat nach dem 3. Oktober 1990 begreifen musste, war die nun geltende absolute Priorität des ICHs, also symbolisch gesprochen. Wobei ich zugeben muss, dass es solche und solche ICHs gibt, also es mit dem Absoluten eben relativ ist. Hier zwei Beispiele, die sicher jeder schon zur Genüge auskosten konnte: Schreibe ich aus irgendeinem Grund an eine x-beliebige Behörde, so muss diese auf meinen Brief noch lange nicht antworten. Sendet aber ein Mitarbeiter der Gemeinde oder gar des Finanzamtes eine Anfrage an mich, habe ich diese bis zu einem bestimmten Termin zu beantworten. Komme ich dieser Aufforderung nicht nach, muss ich meist eine Strafgebühr entrichten. Irgendwie doch ungerecht? Warum eigentlich kann ich nicht auch gegen den säumigen Mitarbeiter einer Einrichtung eine Strafgebühr verhängen? Fünfundzwanzig Euro wären durchaus angemessen! Wo doch heutzutage alles ökonomisiert wird und ständig mit dem Begriff „Konzern Stadt“ hantiert wird? Schließlich kostet mich die Anfertigung des Schreibens auch Zeit und Geld, von Nerven mal ganz abgesehen. Dabei ist mein Stundensatz mit 35,00 € noch niedrig. Aber so ist das eben mit der Gerechtigkeit im Rechtsstaat. Nix ist absolut.

Mit diesem ICH haben sich ja schon ganz andere Leute als unsereins herumgeschlagen Von einem gewissen René Descartes ist der Satz überliefert „Ich denke, also bin ich.“. Nun ist das auch schon über 370 Jahre her, als der gute René diesen Gedanken hatte. Aber ganz zu Ende hat er ihn offensichtlich auch nicht gedacht. Denn jeder kennt doch den weisen Volksspruch „Der Mensch denkt und Gott lenkt.“ Mit dem Lenken scheint‘s aber heutzutage auch nicht mehr weit her zu sein. Die „Schäfchen“ fallen ja reihenweise von der „himmlischen Herde“ ab.

Ein Anderer wiederum hat sich gleich ganz in sein ICH versenkt und am Ende gar nicht mehr herausgefunden. Schließlich kam er 1923 zu der Erkenntnis, dass er mit seinem ICH nicht allein ist, es noch ein ES und gar ein Über-ICH geben soll. Sie ahnen, wen ich meine: Siegmund Freud! Seither ist der Erfinder der Psychoanalyse der umstrittenste Forscher aller Zeiten und hat die Welt in zwei Lager gespalten – in Freunde und Kritiker. Letztere gehen sogar soweit, ihn als „Scharlatan“ zu verunglimpfen. Nun ist es freilich unumstritten, dass Freud am meisten mit sich selber zu kämpfen hatte, dem Kokain und übermäßigen Tabakgenuss zugeneigt war und es mit der Wahrhaftigkeit seiner Forschung nicht so genau nahm. Ist halt alles Ansichtssache. Aber irgendwie reifte dem praktizierenden Nervenarzt dann doch eine nachvollziehbare Erkenntnis, als er formulierte „[d]er Hauptpatient, der bin ich selbst“.

Dieser Satz hat sich leider bisher noch nicht genug herumgesprochen, sonst würden sicher nicht so viele Egomanen auf der Straße herumlaufen, Menschen, die hauptsächlich nur an sich selbst denken. Manche von ihnen liegen jetzt freilich auf den Intensivstationen. Wenn das dortige Personal genauso denken würde, sähen sie ganz schön alt aus… Ist eben alles relativ.

Nach Freud liegt derartiges Verhalten an dem dominanten Über-ICH, oder anders formuliert, am eignen Lustprinzip, welches auf Realisierung drängt. Hier gerät das ICH offensichtlich in Bedrängnis und bekommt sich nicht mehr in den Griff. Deshalb die vielen „hochroten Köpfe“, auch bei „hoch gestellten Persönlichkeiten“. Mit dem gesellschaftlichen System hat das natürlich dank Freud nichts zu tun. Hier wußte der Meister sicher wovon er sprach. „Wer‘s glaubt wird selig, wer nicht, kommt auch in den Himmel“, würde da meine Mutter anmerkten.

Nun wäre Freud nicht Freud, wenn er dafür nicht auch eine Erklärung beziehungsweise einen Schuldigen gefunden hätte: den Ödipuskomplex! Diese Vater- und Mutteridentifikation der Delinquenten muss seither für alles Mögliche herhalten. Selbst in der Kunst hat jenes Phänomen „Karriere“ gemacht. Da sollte ich mir doch schon mal die Psychogramme von Olaf Scholz, meiner Gattin und anderen bedeutende Persönlichkeiten anschauen, damit ich später keine bösen Überraschungen erleben muss, meint

Euer Motzi

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