Der dreifache Thomas

Persönliche Worte zum Siebzigsten von Thomas Gerlach

Selbst von Anfang an in der Redaktion des Monatsheftes „Vorschau & Rückblick“ mit dabei, erinnere ich mich noch gut an ein kleines Gedicht von Thomas Gerlach in der ersten Ausgabe. Es besteht aus einer kurzen Strophe und endet mit einem Frage- als auch einem Ausrufezeichen. Schon damals überraschte es mich, ob seiner eigenwilligen Form. Seitdem ist Thomas in nahezu jedem Heft mit Beiträgen verschiedenster Art präsent.

Schweigen im Angesicht der Weite Foto: K. (Gerhardt) Baum

Zu unserer letzten Redaktionssitzung des vergangenen Jahres hieß es nun: „Der Thomas Gerlach wird bald siebzig, wer schreibt?“ Dass ich ihn bereits zu einer Zeit kannte, als er noch keinen Bart getragen hat, beeindruckte die anderen in der Runde sehr. „Aber ob das reichen würde, um über ihn zu schreiben…?“ Was Thomas und mich über all die Jahre verbindet sind Humor, Verlässlichkeit und die Liebe zu Radebeul. Vielleicht doch eine gute Grundlage, um über einen Mann zu schreiben, den gefühlt die halbe Stadt zu kennen meint, was wohl eher seinem langen Bart geschuldet ist.
Sowohl im höheren als auch im eigenen Auftrag hatte ich mich nun bei Thomas Gerlach zu abendlicher Stunde eingeladen, denn auch ich wusste nicht alles über ihn. Das Haus „Möbius“, welches er mit seiner Frau Anna bewohnt, gehört zu den ältesten Winzerhäusern in der Niederlößnitz. Eine abenteuerliche Stiege führte mich in die Wohnetage. Die winzige Stube wirkte gemütlich. Ein wärmendes Feuer loderte im Ofen. An den Wänden hing Kunst. Zwei Gemälde mit Thomas Gerlachs Konterfei dominierten den Raum. Und so blickte ich während der ganzen Zeit meines Besuches auf den dreifachen Thomas. Das war in der Tat eine recht eigenwillige Konstellation. Der Rotwein vom Gerlach´schen „Lieblingsitaliener“ löste die Zungen. Aber alles blieb im verträglichen Maße, denn der sechsfache Thomas wäre wohl auch für mich ein wenig zu viel geworden. Manches, worüber wir an diesem Abend sprachen, war mir neu. Die Fakten, Ereignisse und Histörchen häuften sich. Wo also anfangen und wo aufhören?
Natürlich könnte ich über unsere persönlichen Beziehungen schreiben. Mit meiner Familie wohnte ich in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir feierten gemeinsame Kinderfeste und diskutierten heftig über Literatur und Politik. Die Meinungen waren zwar oft kontrovers, doch das Vertrauen wurde nie missbraucht. Auch in den folgenden Jahren sollten wir uns zu unterschiedlichen Anlässen immer wieder in Radebeul begegnen. Da wo in der Stadt etwas in Bewegung war, da wo es um Kultur, Architektur, Denkmalpflege oder Stadtgeschichte ging, da war auch Thomas Gerlach anzutreffen.

Zur Eröffnung des Intermedialen Sommerprojektes »Heimat – die ich meine« 2006 in der Stadtgalerie Radebeul Foto: K. (Gerhardt) Baum

Aufgewachsen ist er in Hellerau. In einen Kindergarten hat er nie gewollt. Was er brauchte, fand sich hinterm Haus. Da waren Wiese, Acker und Bäume, auf denen man sitzen und träumen konnte. Auch was sich unter der Erde befand, zog ihn magisch an. Bereits als Elfjähriger hat er auf dem Heller bronzezeitliche Gräber geborgen. So war er dann auch 1965 als Schüler bei den Ausgrabungen einer früheisenzeitlichen Wallanlage dabei, wie in einschlägigen Fachpublikationen nachzulesen ist. Von da an stand sein Berufswunsch fest: Grabungstechniker. Voraussetzung dafür war eine abgeschlossene Lehrausbildung, die ihn zum Vermessungsfacharbeiter werden ließ. Dann begann seine berufliche Laufbahn beim Landesmuseum für Vorgeschichte.

Sich für andere einsetzen und Haltung zeigen ist wohl bei Thomas ein Wesensmerkmal, egal in welchem gesellschaftlichen System. Ab Mitte der 1980er Jahre engagierte er sich im Radebeuler Friedensarbeitskreis der Friedenskirchgemeinde.
Ab 1990 war er in seiner dann zum Amt mutierten Dienststelle Personalratsvorsitzender, davon die letzten vier Jahre hauptamtlich, bis er 2011 in den Ruhestand eintrat.
In Radebeul hat er familiäre Wurzeln. Die Schwester des Vaters, die Schriftstellerin Tine Schulze-Gerlach, lebte in Radebeul im Hause der Vorfahren. Ein Besuch bei der Verwandtschaft war von Hellerau aus mit einer zweistündigen Fußwanderung verbunden. Schließlich zog Thomas 1977 zu seiner Partnerin, der späteren Ehefrau, und den Kindern in das bereits erwähnte Haus „Möbius“ nach Radebeul.
Leicht wäre es möglich, alle weiteren Lebensstationen in chronologischer Folge aufzuzählen. Vermutlich würde es den Lesern dann aber so ergehen wie mir, dass sie ob der zahlreichen Verästelungen alles nicht mehr so genau zuordnen könnten. Deshalb werde ich mich auf einige wenige Aspekte beschränken, die mir wichtig sind und bei denen sich unsere Wege immer wieder gekreuzt haben; nicht zuletzt dank Vorschau & Rückblick!
Was bei Thomas bereits in frühester Jugend mit hand- oder schreibmaschinegeschriebenen Texten auf A4-Blättern begann, nahm allmählich kompaktere Formen an. Der erste schmale Band „zugefallen“ erschien zur Jahrtausendwende mit Lyrik und Kurzprosa in einer Auflage von 100 Exemplaren in digitalem Druck und Paperback im Notschriftenverlag. Kaum ein Jahr später erfolgte die zweite Auflage.
Die jüngste Publikation „einen Stern spüren“, veröffentlicht 2021, in Hardcover, von feinster Papier- und Druckqualität, ist sorgfältig und anspruchsvoll gestaltet. Die Texte von Thomas Gerlach korrespondieren mit den kraftvollen Farbholzschnitten von Michael Hofmann. Die Freude an beider Zusammenarbeit ist dem heiteren Büchlein anzumerken. In der Kurzvorstellung heißt es: „Thomas Gerlach … lebt und denkt in Radebeul“. Das klingt nach Ankunft und Heimat. Sich Autor zu nennen, ist Thomas Gerlach zunächst recht schwergefallen. Er fürchtete den Vorwurf der Hochstapelei. Doch mit wachsendem Bücherstapel fand er die Bezeichnung schließlich angemessen. Einen Überblick gibt das Verlagsprogramm des Notschriftenverlages, darunter Gedichtbände, Geschichtenbücher, Radebeul-Bücher, häufig auch in Zusammenarbeit mit Künstlern, Architekten und Denkmalpflegern.
Die Zusammenarbeit mit dem Architekten und Zeichner Thilo Hänsel war besonders ergiebig. Es entstanden gemeinsame Schriften zur Stadt- und Baukultur, Publikationen über die Baumeisterfamilie Gebrüder Zilller und die Mühlen im Lößnitzbachtal. Eine gemeinsame Schiffsreise auf der Elbe mündete im Band „Elbigramme“ und eine Wanderung vom Tal übern Berg führte zum Band „Höhenwind“.
Zu den engen Wegbegleitern von Thomas gehörten und gehören, u.a. der Landeskonservator Prof. Heinrich Magirius, die Architekten Tilo Kempe, Thilo Hänsel und Dr. Dietmar Kunze, die Maler und Grafiker Dieter Beirich und Michael Hofmann sowie der Pfarrer Wolfram Salzmann. Schon an dieser Aufzählung ist zu erkennen, dass Thomas Gerlach sich nicht nur einer Sache in seinem bisherigen Leben gewidmet hat.
Vor allem Radebeul und die Baukultur ist ein Kapitel, bei dem der Name Gerlach nicht fehlen darf. Bereits ab Mitte der 1960er Jahre gab es zwar, wie von Dietrich Lohse (V&R 1990/07) beschrieben, ein sehr engagiertes „Aktiv für Denkmalpflege“ in Radebeul. Doch der gesellschaftliche Umbruch bildete vor allem auch auf diesem Gebiet eine gravierende Zäsur. Dessen war man sich durchaus bewusst. Im März 1990 hatte sich in der Stadt eine Ortsgruppe des Bundes der Architekten konstituiert. Noch im gleichen Jahr wurde vorsorglich von diesem eine Ortsgestaltungssatzung angemahnt (V&R 1990/08) und im Mai 1992 rief der Architekt Dr. Dietmar Kunze zur Gründung eines Fördervereins für Denkmalpflege und Baukultur auf (V&R 1992/05). Die Gründung des Vereins mit dem eigentlich viel zu langen Namen „verein für denkmalpflege und neues bauen“ erfolgte am 25. Februar 1993 im „Haus Lotter“. Ab 1997 wurde, angeregt durch den Architekten Tilo Kempe, ein Bauherrenpreis zur Förderung von Architektur und Baukultur in Radebeul ausgelobt. Zehn Jahre später bemerkt Thomas Gerlach dazu mit feiner Ironie: „Vielleicht kann das ja doch eines Tages dazu führen, das allgemeine Unwohlsein innerhalb der Gesellschaft wenigstens beim Anblick eines preisgekrönten Hauses punktuell zu mildern.“
Erklärtes Ziel des Vereines war und ist es, zur Erhaltung des besonderen Charakters der Stadt Radebeul als Villen- und Gartenstadt beizutragen. Zum Vorsitzenden des Vereins wurde damals Thomas Gerlach gewählt, der zusammen mit den Mitgliedern eine Vielzahl von Initiativen ausgelöst hat. Wer sich dafür interessiert, kann das alles, sehr gut dokumentiert, in der Vereinschronik nachlesen. Den Vereinsvorsitz gab Thomas Gerlach nach 13 Jahren ab. Ihm folgte 2006 Dr. Jens Baumann nach, welcher die Funktion bis heute innehat. Dass es einen solchen Verein in Radebeul gibt, ist ein großes Glück für unsere Stadt, denn die zerstörerischen Begehrlichkeiten sind immens.
Nun hat sich Thomas Gerlach nicht nur als Autor und Vereinsvorsitzender einen Namen gemacht. Vielmehr kann man ihn auch als Redner zu den verschiedensten Anlässen erleben. So kreuzten sich unsere Wege immer wieder und sei es zu den Modenschauen der Ladengalerie Ulysses, die einstmals auch in der städtischen Galerie stattgefunden haben, deren Leiterin ich war. Die Moderation von Modenschauen durch Thomas Gerlach gehörte wohl zu den köstlichsten Missverständnissen in seinem Leben, denn in „Sachen Mode“ hatte er sich wahrlich nie hervorgetan. Sein Kommentar hierzu war entwaffnend knapp und direkt: „Von schönen Frauen umgeben zu sein, wer kann da was dagegen haben?“ Ja überhaupt, der Thomas und die Frauen! Da wundert sich so manch ein Leser der monatlichen „Miniaturen“ recht besorgt: Was treiben Sonja und Ulrike an des Dichters Frühstückstisch?
Als „Meister der kunstvollen Rede“ war und ist Thomas sehr gefragt. Aufgedrängt aber habe er sich nie und abgelehnt eher selten. Selbst einem Kuhstall vermochte er intellektuellen Glanz zu verleihen. Das Spektrum der Themen ist breit und Thomas fragte sich mitunter selbst: „Wissen die eigentlich, wen sie sich da als Redner eingeladen haben?“.
In schöner Regelmäßigkeit sprach er zu den thematischen Sommerprojekten der Radebeuler Stadtgalerie. Beschränkte er sich zunächst auf eine wortspielerische Rede zur Eröffnungszeremonie, verspürte er zunehmend Lust, sich mit einem eigenen Kunstobjekt an den Gemeinschaftsausstellungen zu beteiligen.
Thomas Gerlach hielt Reden zu Vernissagen, Jubiläen und Bauherrenpreisverleihungen. Es gibt von ihm Wortmeldungen zu Themen des Denkmalschutzes und der Stadtentwicklung sowie unzählige Vor-, Nach-, Geleit- und Grußworte. Den vollständigen Überblick hierüber hat wohl nur er selbst.
Man könnte ihn für einen umtriebigen Zeitgenossen halten, den es drängt, sich zu Vielem äußern zu müssen. Doch, und das lässt sich nicht leugnen, wurde durch dieses sich ständige Einmischen so manches in der Stadt bewegt. Selbst wenn wir beide bis heute nicht immer einer Meinung sind, hat das unserer Beziehung nie geschadet. Einigen doppelsinnigen Erkenntnis-Splittern des „denkenden Dichters“ stimme ich vollumfänglich und lächelnd zu, wie etwa „In Radebeul ist zusammengewachsen, was nie zusammengehört hat“ oder „Um die Kulturlandschaft erhalten zu können, braucht es Leute mit Geld UND Verstand.“.
Vieles wäre wohl noch zu erwähnen, wie etwa Thomas Gerlachs Bemühen um das Denkmal „Hohenhaus“ sowie die vielen kulturellen Aktivitäten, mit denen an dessen einstige Bewohner erinnert werden sollte. Höchst amüsante Anekdoten ließen sich erzählen über die „Spur der Steine“ oder die Gerlach´schen „zweiten Wohnzimmer“, von denen zurzeit nur noch „die schmiede“ existiert. Als Redner hat Thomas Gerlach über Jahrzehnte die wunderbaren Ausstellungen des Architekturbüros „Baarß+Löschner“ im Radebeuler Rietzschkegrund begleitet, wofür sie sich auf ihrer website bei ihm für „Die tiefgründigen, höchst unterhaltsam-heiteren Reden über die Kunst und das Leben …“ herzlich bedanken.
All das und so einiges mehr, gab letztlich den Ausschlag, dass Thomas Gerlach für sein Werk und Wirken im Jahr 2009 mit dem Kunstpreis der Großen Kreisstadt Radebeul ausgezeichnet wurde.

Am Ende des Abends wusste ich, dass – wie im eingangs erwähnten Gedicht – die Kunst im Weglassen besteht.
So gratuliere ich Thomas mit diesem kleinen Beitrag auch im Namen der Redaktion von „Vorschau & Rückblick“ zum runden Geburtstag am 26. März. Mögen ihn die Musen weiterhin so emsig küssen, was wohl – auch im Sinne unserer Leserschaft – nicht ganz uneigennützig wäre.
Karin (Gerhardt) Baum

Anmerkung: V&R Abkürzung für Vorschau & Rückblick

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