Ein Moritzburger Original wird fehlen- Dieter Zenker (1932-2022)

Den älteren unserer Leser wird beim Erinnern an frühere Besuche im „Wildgatter Moritzburg“ sicher auch der damals nicht zu übersehende „Jäger“ einfallen, der dort als Tierpfleger tätig war und ziemlich regelmäßig Greifvögel im Fluge vorführte. Es war Dieter Zenker, der dort von 1958 bis zum Eintritt ins Rentenalter 1997 als Cheftierpfleger arbeitete. Fotos von ihm mit Adler oder Falke auf der Faust wurden auch häufig bei der Berichterstattung über jagdliche Veranstaltungen, z.B. Jagdmessen und Hubertusfeste, oder in der Fachpresse („Unsere Jagd“) zur Illustrierung der Falknerei verwendet. Insofern war er trotz seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung ziemlich populär. Wie wurde ein Tierpfleger eines relativ kleinen Wildparks zum wohl bekanntesten Falkner der DDR?

Foto: W. Gleinisch

Geboren war er am 15.12.1932 in Meerane. Nach der Lehre als Gärtner begann er 1951 in der Baumschule Teschendorf in Dresden-Niederwartha zu arbeiten. Das in der Nähe befindliche Staubecken und dessen Umgebung waren schon damals wegen der dort überwinternden Vogelwelt, insbesondere Wasservögel und Vögel der Feldflur, ein besonderer Anziehungspunkt für Naturfreunde und Ornithologen aus dem Raum Dresden/ Radebeul. Den Vogelreichtum nutzend überwinterten regelmäßig Wanderfalken, deren Jagdweise Dieter Zenker und seine Freunde faszinierten. Unter diesen Eindrücken begann wohl sein Interesse an der Falknerei.

Den Tieren näher zu sein war sicher der Grund, warum er 1953 begann als Gärtner im Dresdner Zoo zu arbeiten. Diesem Drang folgend, erlernte er dort fast zwangsläufig noch den Beruf des Zootierpflegers. Als 1958 die Wildzuchtstation Moritzburg gegründet wurde, war Dieter Zenker mit seinen Fähigkeiten eines „Zootier-Gärtners“ als Mitarbeiter besonders geeignet, so dass er von Anfang an als Cheftierpfleger dort arbeiten konnte, was letztlich zu seinem wesentlichen Lebensinhalt wurde.

1959 begann Dieter Zenker die Falknerei mit einem Habicht und widmete sich damit einer ca. dreitausend Jahre alten Jagdmethode, die auch im Mittelalter zur höfischen Kultur gehörte. Während nach dem 2. Weltkrieg in der BRD der 1923 in Leipzig gegründete Deutsche Falkenorden als Bund für Falknerei, Greifvogelschutz und Greifvogelkunde seine Arbeit fortführen konnte, dauerte es in der DDR bis 1958, dass die Falknerei einen offiziellen Status erhielt. Dem Radebeuler Biologen und Naturschützer Dr. Hans Schiemenz (1920-1990) gelang es schließlich, dass die Falknerei vom Deutschen Kulturbund übernommen und dem Gebiet Ornithologie und Vogelschutz zugeordnet wurde. Wer einen Greifvogel als „Jagdkumpan“ nutzen wollte, musste allerdings noch in die Gesellschaft für Sport und Technik eintreten. Erst mit der Neuorganisation der Jagd 1961 wurde an der Obersten Jagdbehörde eine Arbeitsgruppe Falknerei und Greifvogelschutz mit Untergliederungen in den Bezirken gebildet. Heute dürfen Falkner erst nach bestandener Jäger- und Falknerprüfung aktiv werden.

Alle diese Formalitäten gingen an Dieter Zenker wahrscheinlich mehr oder weniger vorbei, denn seine Form der Falknerei war ja mit den Aufgaben des Wildgeheges eng verbunden. Seine Vorführungen und Übungen zeigten eine ideale Verbindung zwischen Mensch und Tier. Dem Vogel den freien Flug zu gestatten, im Vertrauen auf seine freiwillige Rückkehr, ist die eigentliche Kunst der Falknerei. Dabei konnte Zenker auf irgendwelche Mätzchen verzichten, die heute in Greifvogelshows leider üblich geworden sind und sie zum Event, zur Unterhaltung machen. Er war ein Falkner, wie ihn sich wahrscheinlich auch der Stauferkaiser Friedrich II. (1194-1250), selbst begeisterter Falkner, in seiner umfangreichen Schrift „Die Kunst mit Vögeln zu jagen“ vorstellte. Zenkers Vorführungen wurden immer attraktiver, denn 1963 erwarb das Wildgehege vom Tierpark Berlin einen Steinadler, und 1966 konnte er noch einen Sakerfalken übernehmen, Vögel, die in der DDR sonst kaum frei fliegend zu sehen waren. Auf das Halten von Großfalken mussten die Falkner der DDR vor allem aus Schutzgründen verzichten. Wanderfalken waren vom Aussterben bedroht und Zuchtversuche noch nicht erfolgreich. Es war für viele Besucher der großartigen Kulturlandschaft um Moritzburg ein besonderes Erlebnis, wenn Dieter vor der Kulisse des Unteren Großteiches den Sakerfalken das Federspiel anjagen ließ. Die spektakulären Manöver des Vogels begeisterten die Zuschauer, was auch dem Falkner gefiel.
Da die von Zenker gehaltenen Greifvögel auf ihn geprägt waren, konnte er ihnen sogar tagelang Freiflug gewähren, bei dem sie sich auch teilweise selbst ernährten. Auf diese Weise war es möglich, die Jagdtechnik und das Leistungsvermögen dieser Vögel zu beobachten, was auch zu völlig neuen Erkenntnissen über die Stellung von Greifvögeln im System der Natur führte. Wer Dieters Vertrauen hatte, konnte an seinen Beobachtungen und Erlebnissen teilhaben, so dass sie letztlich auch Eingang in die wissenschaftliche Literatur fanden, wie z.B. in die Monographien über Steinadler und Sakerfalken. Zenker begnügte sich aber nicht nur mit der Beobachtung eigener Vögel, sondern wollte auch ihre Brutgebiete kennenlernen. Für die Begleiter der Exkursionen war seine Kenntnis von subtilen Verhaltensweisen der zu beobachtenden Vögel immer ein Gewinn, denn er konnte oft vorhersagen, was Falke oder Adler gleich machen werden, wie ich es in den bulgarischen Bergen mit ihm erlebt habe.

Dieter Zenker wurde nicht nur als Falkner bekannt. Mit der Handaufzucht von Wölfen und Luchsen wurde er richtig berühmt, weil auch das Fernsehen darüber berichtete. Einen solchen Aufwand konnte er sich nur leisten, weil er die richtige Frau an seiner Seite hatte, die seit 1964 das Leben mit ihm teilte. Ohne „seine Moni“ wäre die Haltung und Pflege von Greifvögeln und Eulen, von Hunden, Luchsen und Wölfen, Rehkitzen und Frischlingen niemals möglich gewesen. Ein ungewöhnlich tiefes Verständnis für die Lebensweise der Tiere stellte eine weitere Grundvoraussetzung dar. Dazu kam sein öffentliches Auftreten in Form von Führungen und der Mitwirkung an Tagungen und vielen jagdlichen Veranstaltungen – er war selbst Jäger. Seine Zeit – auch noch nach Rentenbeginn – war wirklich gefüllt und erfüllt.

Sein aufregendes Leben in der Natur und für die Natur ist am 30.1.22 zu Hause im „Gondelhaus“, unweit der Mole am Fasanenschlösschen Moritzburg, zu Ende gegangen.

Alle, die ihn kannten, werden ihn nicht vergessen. Vielleicht fühlen sich aber auch diejenigen Leser, die ihn bisher nicht kannten, durch diese Erinnerungen angeregt, sich nicht nur für den Schutz von Greifvögeln, sondern wie Dieter Zenker auch, für die Erhaltung der Natur als Ganzheit einzusetzen.

Waldemar Gleinich

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