Radebeuler Miniaturen

In eigener Lache
Eine Danksagung

In der Nacht zum Hmmstag ist Schloß Castlewood vollständig ausgebrannt. Der alternde Lord hatte, einer guten Gewohnheit folgend, vor dem Zubettgehen die Kerze auspusten wollen. Allerdings nahm er zuvor, einer ebenso guten Gewohnheit folgend, einen kräftigen Schluck eines diesmal hochprozentigen Whiskys. Die Atemluft über der Kerze erzeugte eine Stichflamme, die sofort die Gardine erfaßte. Der Lord versuchte, nachdem er sich mit der erforderlichen Würde einen weiteren Schluck eingeschenkt hatte, mit der Flasche auch sich selbst in Sicherheit zu bringen. Indessen hatte das Feuer von dem Raum Besitz ergriffen. Ein Fenster barst. Das Weitere erledigte der Wind. Die Ortsfeuerwehr war überfordert.
Bereits am nächsten Morgen gab es in Castlewood Forest eine malerische Ruine zu besichtigen. Das Tourismusamt entwarf ein Marketingkonzept mit profunder Werbung. Feuergegerbt bot der Lord selbst, die Flasche noch immer in der Hand, Führungen durch die verrußten Mauern an…

Sag mal, was geht denn in dir vor? ruft Ulrike, während sie mir verbotener Weise bei der Arbeit über die Schulter schaut.
Ich blicke auf und lache ihr ins Gesicht. Ulrike zieht erschrocken den Kopf zurück und schüttelte sich: Wie spät ist es jetzt?
Es ist elf durch, sag ich, die richtige Zeit für den ersten Schluck.
Paß wenigstens auf, daß du unsere bescheidene Hütte hier nicht auch so abbrennst, Touristen lockst du so jedenfalls nicht an. Sie zieht die Flasche hinter der Vase vor, die ich dort gut verborgen geglaubt hatte.
Keine Sorge, sag ich, 40%iger brennt nicht …
Sieh mal, rede ich weiter, das jüngst in diesen Blättern angekündigte Ereignis meine Unwichtigkeit betreffend, ist dank strahlender Sonne in schöner Heiterkeit vorübergegangen. Es hat mir eine Fülle guter Wünsche eingebracht und zahlreiche erlesene Flüssigkeiten die nicht nur bedankt, sondern auch gewürdigt und vor allem genossen werden wollen.
Ich denke, kalauert Ulrike, du wolltest nie „Genosse“ werden …
Bin ich auch nicht, damals, aber heute geht es um die Gegenwart, ums Ge – Nies – Sen! Das ist doch der einzige Grund, weshalb diese Köstlichkeiten immer wieder neu geschaffen werden! Und es ist die beste Möglichkeit, den Schenkenden den schuldigen Dank zu sagen: Hat geschmeckt!
Weiß schon, lacht Ulrike, dir hat es noch nie an einem Grund zum Trinken gefehlt.
Und das bleibt auch so, zumal in diesen Tagen, die, nüchtern betrachtet, kaum zu ertragen sind. Oder soll ich das alles schnöde in den Keller tragen und schimmeln lassen?
Das nicht, aber wie wärs, wenn du nicht alles auf einmal trinkst? Langsamkeit ist die Mutter des Genusses.
Der Wein ist offen, nutze den Tag, wie es der unvergessliche Horaz formuliert hat (so ähnlich jedenfalls), und dieser altehrwürdigen Tradition darf und will ich mich jedenfalls nicht entziehen.
Entziehen, ha – ruft Ulrike, das ist das Stichwort: die Kur wirft ihre Schatten voraus…
Oh, mit dem Schatten käme ich klar, sage ich, allein die Kur kann warten – noch ist nicht aller Dank vollbracht …

Thomas Gerlach

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