Glosse

Senf, mittelscharf

„Herzblut ist das Kostbarste, was ein Mensch besitzt“, meinte immer meine Oma. Und wo sie recht hatte, da hatte sie eben recht. Deshalb sollte man in Sachen Herzblut keine vorschnellen Versprechungen abgeben. Da verhält es sich mit einer Niere schon ganz anders. Gibt man sie weg, kann einem so manches nicht mehr „auf die Nieren gehen“, was in heutiger Zeit ja auch nicht ganz so verkehrt ist. Denn, es läuft so vieles in dieser Welt nicht so wie es sollte. Klug handelt deshalb, wer sich in schweren Zeiten zurück hält.

Einfacher gesagt als getan, auch weil einem die Zeiten oder doch wohl die vermeintlichen Zwänge nicht in Ruhe lassen wollen. Dann fühlt man sich verpflichtet, zu jeder Sache „seinen Senf dazugeben zu müssen“, wie mein Berliner Freund hier schmunzelnd einwerfen würde. Dabei aber hat der Schelm natürlich immer nur den „Bautz‘ner Senf, mittelscharf“ im Hinterkopf. Nicht so bei jenen, die sich gern an der vorderen Kante der Rampe sehen. Denen löckt da mitunter schon mal der Stachel und sie setzen noch einen obendrauf, wollen vermutlich hoch hinaus. Superlative werden dann bemüht, himmelschreienden Begriffe ausgedacht, etwa wie megagalaktisch oder auch Premiumsegment, nur um zu suggerieren, was man für ein toller Hecht sei und warum man bei ihm kaufen sollte.

Und wie rein zufällig tröpfeln diese Begriffe in alle „Segmente“ des täglichen Lebens. Irgendwann können wir uns vor lauter Premiumsegmenten nicht mehr retten und sind am Ende selber eins. Da will ich jetzt überhaupt nicht auf aktuelle Ereignisse anspielen. Der Leser (Es sei mir gestattet, hier das generische Maskulinum zu verwenden.) ist meiner Ansicht nach pfiffig genug, die Verbindungen selbst herzustellen. Da habe ich vollstes Vertrauen.

Manchmal frag ich mich aber, wo all diese Begriffe herkommen, die vorgeben, unsere Sprache verbessern, schöner und reicher machen zu wollen. Premium kommt zwar aus dem Lateinischen, trat aber zunächst im Englischen auf. Die Wirtschaft und besonders die Werbebranche hatte das Wort gekapert. Auch auf bundesdeutschen Straßen war der „Renaut Premium“, ein französischer Lastkraftwagen, unterwegs. Das Wort selber steht für eine „besondere“ oder gar „beste“ Qualität eines Erzeugnisses, was an sich ja schon ein Witz für sich ist. Denn, wenn es tatsächlich so wäre mit der Qualität, die sich nicht mehr steigern ließe, würden wir ja am Ende unserer Entwicklung stehen und der französische Lastwagen, der 2000 von den schwedischen Volvo Group übernommen wurde, würde immer noch in Saint-Priest bei Lyon aus den Werkhallen rollen. Ist aber nicht so, da die Produktion 2013 eingestellt wurde. Also, doch nicht „beste Qualität“?

Erhellend sind auch die Synonyme, die man für das schöne Modewort Premium einsetzen kann wie zum Beispiel exquisit – hochwertig – qualitätsvoll – exzellent – erste Wahl, um nur einige zu nennen. Natürlich würde ich niemals im Traum daran zweifeln, dass ich nicht die „erste Wahl“ für meine Gattin bin. Aber sonst…? Zu diesem Sachverhalt fallen mir gleich mehrere Sprüche meiner Frau Mutter ein, mit denen ich aber jetzt nicht langweilen will. Fakt ist, dass die Sache mit den Superlativen eben eine relative ist und wohl sehr stark vom Blickwinkel des Betrachters abhängt. Diesen Superlativen klebt ja auch der unangenehme Geruch des Selbstlobes an. Das wiederum ist kein Modewort, war zu allen Zeiten gang und gäbe und ist gegenwärtig wieder unheimlich in Mode gekommen. „Wenn mich schon keiner lobt, muss ich es halt selber tun!“ Hier sollte man aber aufpassen, dass man nicht abhebt. Immer schön auf dem Boden bleiben!

Wie sagt man wenn‘s genug ist?: „Aller guten Dinge sind drei.“ Das hatte offensichtlich der populäre Liedermacher Reinhard Mey schon 1988 erkannt. Damals brachte Mey das gleichnamige Lied von einem überforderten Mann heraus. Es schloss mit eben diesem Spruch und der Erkenntnis, dass es auf keinem Fall mehr sein sollten, meint auch

Euer Motzi

schlechtbescheidenmittelmäßiggutexzellent (Noch nicht bewertet)
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