Lügenmuseum bald obdachlos?

Keine Kulturkonzeption für Radebeul in Sicht

Wann, wenn nicht jetzt, sollte man die Programme der drei Radebeuler Oberbürgermeisterkandidaten Bert Wendsche, Oliver von Gregory und Jörg Hüsken gründlich studieren? Bei Freiherren von Gregory ist mir folgender Satz besonders aufgefallen: „Ich möchte, dass die Kultur Stoff für unsere Träume ist und der Kitt für unser Zusammenleben.“ Das klingt doch gut! Aber wer, so frage ich mich, hat nun eigentlich die Deutungshoheit über das „uns“, über den „Kitt“, über die „Kultur“ und besonders über die „Träume“?

Hatte zum Beispiel das Lügenmuseum den Museumsstatus in Brandenburg erhalten, so wurde dieser dem selbigen in Sachsen verweigert. Wohlwissend, dass die Folgen für die Einrichtung gravierend sind und sich diejenigen bestätigt sehen, die schon immer gewusst haben, was ein „richtiges“ Museum ist und es total unmöglich finden, den Begriff „Lüge“ mit dem Begriff „Museum“ zu verbinden.
Über den Spruch „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ habe ich zugegebenermaßen auch schon gelacht, doch so lustig ist das mitunter gar nicht gemeint. In Bezug auf das Lügenmuseum finde ich die Bemerkung kulturlos und gefährlich. Bedeutet das nicht, dass all das, was man nicht sofort versteht, eliminiert werden müsste?

Es sollen hier weder die Landesbühnen Sachsen, das Karl-May-Museum, das Sächsische Weinbaumuseum, die Radebeuler Stadtgalerie oder das Lügenmuseum gegeneinander ausgespielt werden. Das wäre nicht fair und völlig kontraproduktiv. Jede dieser Einrichtungen hat ein spezielles Profil und spricht damit einen speziellen Besucherkreis an. Trotzdem sollte man auch einmal analysieren, unter welchen speziellen Bedingungen diese Einrichtungen arbeiten. Damit meine ich u. a. das Budget, das Personal, das Angebotsspektrum, die Besucherstatistik, die Raumsituation sowie mögliche Synergien, die sich aus einer partiellen Zusammenarbeit ergeben könnten.

Zweifellos scheiden sich beim Lügenmuseum die Geister und die Reaktionen reichen von Unverständnis bis Euphorie. Doch ein Blick in das Besucherbuch offenbart Erstaunliches. Selten habe ich bei Besuchern so ein ausgeprägtes Bedürfnis erlebt, Gefühle, Gedanken und Eindrücke derart phantasie- und wortreich mitzuteilen. Die Inspiration dieses heiteren Ortes mit seinem ganzheitlichen (nahezu philosophischen) Ansatz, mit den begehbaren Rauminstallationen, den bizarren Objekten, Bildern und Collagen, den vielfältigen Klängen und Lichteffekten, bereichert durch Filmsequenzen und Sprüche, entfaltet seine Wirkung bei denen, die hierfür offen und aufgeschlossen sind. Stoff zum Träumen fände sich reichlich, aber vermutlich haben die maßgeblichen Entscheidungsträger völlig andere Vorstellungen von der Kultur, die zum Träumen anregen soll.

Aber, wo lassen sich denn nun auf der Wichtigkeitsscala zwischen „Hoch- und Basiskultur“ die Abenteuerromane eines Karl May oder die Kunstwerke von Zabkas Kunst- und Dissidentenmuseum einordnen? Ist ein Sinfoniekonzert kulturell höher einzustufen als ein Jazzkonzert, eine Ballettaufführung höher als eine Performanceaktion, die Ernste höher als die Heitere Muse?

Wäre es nicht sinnvoller, wenn wir uns als menschliche Gemeinschaft solidarisch und unvoreingenommen zeigen, gegenüber denen, die unser Leben durch Kunst und Kultur bereichern, wovon wir doch letztlich alle profitieren? Aber halt – ist das nicht gestriges Denken? Liegen nicht Effizienz und Selbstoptimierung im Trend? Also jagt den letzten Dadaisten aus der Stadt! Der stört nur und rechnet sich nicht!

Der Immobilienwert des ehemaligen Gasthofes wird gegenwärtig auf 310.000 Euro geschätzt. Der Betrag sei bereits, laut SZ vom 4.4.2022, im städtischen Haushalt für 2023 als Einnahme geplant. Aber warum wissen wir als Bürger nichts davon? Was passiert da hinter verschlossenen Türen? Eigentlich ist das doch ganz klever: Als Stadt 10 Jahre mit einem Museum geworben. Dabei 10 Jahre Personal- und Betriebskosten gespart. Ersteigert für 10.000 Euro. Beim Verkauf voraussichtlich 300.000 Euro gutgemacht. Dachdeckung und Überputzelektrik sollten fairerweise gegengerechnet werden. Selbst schuld, wer sich so etwas antut und privat ein Museum betreibt!

Auch Hans-Joachim Stephan vom ehemaligen DDR-Zeitreisemuseum, welches jährlich zwischen 40.000 bis 60.000 Besucher anzog, musste die Suppe, die er sich privat eingebrockt hatte, privat auslöffeln. Wie war das doch gleich mit dem „uns“, mit dem „Kitt“, mit den „Träumen“ und mit der „Kultur“? Eine Stadt wie Radebeul als Konzern führen zu wollen, sollte zu denken geben.

In einem Schreiben vom 11. Januar 2022 teilte der amtierende Oberbürgermeister Bert Wendsche Reinhard Zabka u.a. Folgendes mit: „Die zuständigen Gremien des Stadtrates haben vor kurzem nochmals bekräftigt, dass wir als Stadt den Gasthof auch weiterhin nicht im eigenen Bestand halten wollen, da die dafür notwendigen Investitionen angesichts der sonstigen finanziellen Herausforderungen unsere Leistungsfähigkeit übersteigen. Auf dieser Grundlage bereiten wir als Verwaltung derzeit eine erneute Ausschreibung in steter Rückkopplung mit den Stadtratsgremien inhaltlich vor. An dieser können Sie sich natürlich dann jederzeit beteiligen. Einem Direktverkauf an Sie als Mieter ohne Ausschreibung sind die Gremien jedoch nicht näher getreten. Wir werden Sie als unserem Mieter nach Abschluss der internen Beratungen umgehend über das weitere Vorgehen in Kenntnis setzen und den weiteren Prozess soweit möglich und vertretbar mit Ihnen abstimmen.“

Dieser „Neujahrsgruß“ aus dem Rathaus hatte es in sich und fand schnelle Verbreitung. Also wann, wenn nicht jetzt, muss Klartext gesprochen werden. Das Lügenmuseum als Ort der Inspiration, der Kreativität und Vielfalt mit überregionaler Ausstrahlung und Anerkennung soll durch den Verkauf der Immobilie obdachlos werden und der Künstler Reinhard Zabka verlöre seine Wirkungs- und Arbeitsstätte, die gleichermaßen für viele Künstler eine zentrale Anlaufstelle bildet, wo künstlerische Gemeinschaftsprojekte ihre Konzipierung und Umsetzung erfahren.

Will denn wirklich niemand dem Lügenmuseum und dessen Betreiber in der Not beiseitestehen? Handelte es sich bei der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka etwa nur um ein Versehen? Wurde die Vermietung der Immobilie seitens der Politik und Verwaltung immer nur als eine Zwischenlösung für deren Erhalt und Wertsteigerung angesehen?

Natürlich sind Straßen, Kindereinrichtungen, Schulen, Spielplätze, Sportstätten, Gewerbe- und Wohngebiete wichtig. Aber betrifft das nicht alle Kommunen? Warum spricht in Radebeul keiner darüber, was es für eine Stadt mit 34.000 Einwohnern bedeutet, wenn der Stadtgesellschaft leise und gleitend drei Kinos, sechs Kulturhäuser und fünf Museen (Heimatmuseum, Puppentheatersammlung, Zeitreisemuseum, Schmalspurbahnmuseum und Lügenmuseum) verloren gehen?

Eine öffentliche Diskussion in der selbsternannten Kunst- und Kulturstadt Radebeul hat es über diese Prozesse nie gegeben. Eine Kulturkonzeption wird seit Jahren angemahnt. Angebote daran mitzuwirken, wurden ausgeschlagen. Auf der einen Seite tagen Politiker hinter verschlossenen Türen, auf der anderen Seite schreiben Bürger Offene Briefe und starten Petitionen. Soll das so weitergehen in der Großen Kreisstadt Radebeul?

Circa 250 Bürger haben bereits den Offenen Brief des Radebeuler Kultur e.V. vom 29. März 2022 zur Situation des ehemaligen „Gasthof Serkowitz“ und des Lügenmuseums unterzeichnet. Außerdem wurde am 9. März 2022 eine Petition unter dem Motto „Das Lügenmuseum soll im Gasthof Serkowitz ein zu Hause finden“ eingereicht, welche noch 3 Monate läuft. Statt immer wieder zu argumentieren, warum etwas nicht funktionieren kann, sollten endlich alle Möglichkeiten geprüft werden, wie etwas funktionieren könnte!

Sich vorzustellen, was geschieht, wenn der Künstler Reinhard Zabka als Mieter des ehemaligen „Gasthof Serkowitz“ das Kündigungsschreiben von der Radebeuler Stadtverwaltung erhält, dazu braucht es nicht allzu viel Fantasie. Knapp kommentiert: Verwaltungstechnisch korrekt, finanziell ein schneller Gewinn, aber kulturpolitisch ein immenser und dauerhafter Schaden!

Wer sich hierzu eine eigene Meinung bilden will, der ist herzlich eingeladen zum Schauen und Diskutieren. Von 15 bis 20 Uhr werden am 2. Juni 2022 die Türen des Lügenmuseums geöffnet sein. Der Eintritt ist an diesem Tag frei. Ehrenamtliche „Kunsterklärer“ stehen als „Dolmetscher“ bereit. Und natürlich werden Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow und Sixtina von Güterfelde jeden Gast persönlich mit einem frisch gebrühten Lügentee willkommen heißen.

Karin (Gerhardt) Baum

Das kulturelle Monatsheft „Vorschau und Rückblick“ wird das weitere Geschehen rund um das Lügenmuseum sowie das allseitige Bemühen um eine praktikable und zukunftsorientierte Lösung redaktionell begleiten. Red.

 

EINLADUNG
Der Vorstand und die Redaktion des kulturellen Monatsheftes „Vorschau und Rückblick“ laden, wie in der Mitgliederversammlung beschlossen, für den 2. Juni alle Vereinsmitglieder und Leser herzlich ins Lügenmuseum ein, um vor Ort miteinander ins Gespräch zu kommen. Anwesend sein werden voraussichtlich auch Vertreter des Radebeuler Kultur e.V., des Radebeuler Fremdenverkehrsvereins sowie zahlreiche Künstler, Kunstfreunde und Kulturorganisatoren.

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