Radebeuler Miniaturen

Sommerabendbierosophie

Immer wieder und – wie Ulrike unkt – immer öfter (aber der Schein trügt natürlich!) sitze ich auf meinem Stammhocker am Faß. Wenn das allgemeine Wachstum gelingen soll, müssen wir alle schon ein bißchen mittrinken. Meist perlt auch gleich, ich bin immer pünktlich, ein kühles Frischgezapftes vor mir im Glas. Diesmal jedoch heißt es warten: Der Gastwirt meines Vertrauens erscheint mit einem leeren Faß in der Tür. Ich muß erstmal wechseln, sagt er. Ich sehe schon, sage ich, der „Biererhaltungssatz“: Die Summe aller Fässer ist immer gleich, aber aus einem leeren kannste nix mehr rausholen.

Genau, sagt er, wie im richtigen Leben. Wo nix ist, geht selbst der Kaiser leer aus.

Doch schon wenig später ist die Welt wieder rund, sprichwörtlich „aus dem Vollen geschöpft“ leuchtet mir das Erhoffte entgegen.

Ein neues Fasss macht richtig Spasss …

Wieder ein Gleichnis: Brunnen, Kiesgrube, Steckdose, oder eben Bierfaß: Du kannst nur rausholen, was drin ist. Nichts ist unendlich verfügbar. Die einfachste Stammtischlogik führt so den Traum vom ewigen Wachstum ad absurdum.

Der Wirt zieht sich wortlos hinter seine Hähne zurück. Er hat sich den Nachmittag mit Steuerunterlagen verdorben und keine Lust, nun auch noch über Mark-Wirtschaft zu bierosophieren.

Bleibe ich also allein mit meinen Weltgedanken, die sich einfach um Schwieriges ranken. Manchmal ist es auch umgedreht, könnte Ulrike jetzt sagen, da verdrehst du das Einfache so, daß es schwierig wird. Schwierig ja, könnte ich kontern, aber dadurch wird’s interessant. Die Tür zur Gaststube zum Beispiel hat, wie ich sehe, eine Klinke. Es bedarf also lediglich der Energie eines Kindes, die Klinke erst runter- und die Tür dann aufzudrücken. Da muß kein fernes Atomkraftwerk aktiviert werden, die automatische Gasterkennungs- und Türöffnungs-mechatronik in Gang zu setzen. Die Tür geht auch nicht ständig auf und zu, nur weil draußen jemand vorüber läuft, der gar nicht rein will. Und sie läßt sich auch bei durchgebrannter Sicherung ganz einfach öffnen und schließen. Klingt nach Steinzeit, funktioniert aber immer und hilft sparen, ohne daß es auffällt.

Wir, also ich und ich, könnten so am Faß eine Klinken-Initiative gründen und damit landesweit ungefähr so viel Strom einsparen, daß die Schließung des Pumpspeicherwerkes Niederwartha nicht mehr ins Gewicht fällt – aber die fällt ohnehin nicht ins Gewicht. Aber viele kleine Dinge könnten schon, wenn sie …

Seufzend nehme ich einen großen Schluck aus dem formschönen Glas. Da stößt mir auf, daß es diesen Trank nie wieder so geben wird: Das zum Getränk vergorene Getreide wird zwar tiefgekühlt zur Köstlichkeit, dann aber in Energie umgewandelt, die sich speziell in Bauchform äußert: Metamorphose ins Megaformlose … So jedenfalls haben es die Götter beschlossen, als sie die Menschheit listig auf den verhängnisvollen Weg der Seßhaftigkeit lockten. Göttlicher Braukunst kann sich – die Biergärten beweisen es – noch heute kaum jemand entziehen. Nur schade, daß dabei die ästhetische Komponente so gründlich aus den Augen verloren wurde.

Wie ich so am Faß darüber meditiere, was „wir“ alles könnten, sehe ich eine Ameise das Glas erklimmen. Sie umrundet zwei, drei Mal den Rand, findet schließlich den ihr offenbar zugedachten Tropfen. Dann richtet sie sich auf, breitet die Flügel aus und fliegt davon.

Woher die Flügel plötzlich kamen?

Egal – es sind die kleinen Dinge, die uns beflügeln, denke ich auf dem Heimweg. Jetzt zum Beispiel wartet Ulrike mit dem Abendbrot.

Thomas Gerlach

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