Ein Jahr »Arbeitsgemeinschaft Geschichte Radebeul«

Für die Stärkung von Erinnerungskultur und Vermittlung regionaler Geschichte des 20. Jahrhunderts
Im Herbst 2022 jährt sich zum ersten Mal die Gründung der »Arbeitsgemeinschaft (AG) Geschichte Radebeul«. Engagierte Bürger der Stadt und aus der Stadtverwaltung haben sich 2021 zu dieser AG zusammengeschlossen, um im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur sowohl Forschung und Wissensvermittlung zu regionalen oder lokalen Ereignissen und Epochen des letzten Jahrhunderts zu unterstützen wie auch Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an Opfer aus Radebeul und der Region zu organisieren. Im Mittelpunkt stehen dabei die Zeit des Nationalsozialismus und seine Opfer in und um Radebeul sowie der Einbezug von Schülern Radebeuler Schulen in die Auseinandersetzung mit diesem Themenkreis.
Die AG Geschichte hat sich aus zwei Gruppen gebildet, die hinsichtlich ihrer engagierten Mitglieder und thematischen Schwerpunkte eine große Schnittmenge aufwiesen, einmal einer Arbeitsgruppe zur Organisation des Gendenkens an den 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945, zum anderen einer Gruppe von Bürgern, die sich bereits 2009 zusammengefunden hatten, um jährlich an zentralen Gedenktagen wie dem 9. November (Novemberpogrome 1938) und dem Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz 1945) Veranstaltungen durchzuführen.
Im Jahr 2020 beging die Bundesrepublik Deutschland den 75. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges. Ende 2019/Anfang 2020 trafen sich mehrere Aktive mit dem Oberbürgermeister und entwarfen ein Veranstaltungsprogramm zu diesem Anlass (Themen: Gedenktag 27. Januar 2020, Schulmann-Gedenken an die kampflose Übergabe Radebeuls an die Rote Armee am 7. Mai 1945, Erinnerung an die Befreiung des Kriegsgefangenenlagers Zeithain am 23. April, Friedensgebet zum 8. Mai, Erinnerung an die Novemberpogrome an den Stolpersteinen in der Moritzburger Straße und weitere). Die Corona-Pandemie führte jedoch zur Streichung vieler geplanter öffentlichen Veranstaltungen. Erst im Mai 2020 konnte sich die Gruppe wieder treffen und beschloss, bis zum September 2020, anlässlich der 81. Wiederkehr des Kriegsbeginns vom 1. September 1939, eine Ausstellung zu einem zentralen Verbrechenskomplex der NS-Herrschaft zu erarbeiten und zu präsentieren, dem Einsatz ausländische Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft, der auch in Radebeul stattfand. Auf der Grundlage bereits längerer Forschungen von Klaus-Dieter Müller zum Thema Zwangsarbeit (das Buch dazu ist im Herbst 2021 erschienen, Amtsblatt Radebeul, Mai 2022, S. 35) und zusätzlichen Archivrecherchen wurde von diesem und Frank Andert eine Ausstellung zum Thema »Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Deutsches Reich – Sachsen – Radebeul« erarbeitet und mit einer Vortragsveranstaltung am 18. September 2020 im Gymnasium Luisenstift eröffnet. Da im Herbst 2020 die Pandemie wiederum zu verstärkten Einschränkungen des öffentlichen Lebens führte, blieb dies unsere einzige öffentliche Veranstaltung in geschlossenen Räumen. 2021 wurde die Ausstellung vom 23. Juli bis 5. September im Weinbaumuseum Hoflößnitz in erweiterter Form erneut gezeigt; am 1. September 2021 gab es dazu in der Hoflößnitz zwei Vorträge zum Thema. Schon am 15. Juli 2021 hatte die AG an den 80. Jahrestag des am 22. Juni 1941 erfolgten deutschen Überfalls auf die UdSSR mit der Vorführung des Films »Das Wunder von Leningrad« erinnert, der die dreijährige Blockade von Leningrad thematisiert.
Das andere »Standbein« der AG Geschichte bilden Mitunterzeichner eines 2009 von Thomas Berndt entworfenen offenen Briefes, in dem die mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Radebeuler Einwohnerschaft für Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus beklagt und eine breitere gesellschaftliche Basis hierfür eingefordert wurde. Aus den 25 Ernstunterzeichnern des offenen Briefes kristallisierte sich ein Arbeitskreis heraus, dem u.a. die Radebeuler Courage-Preisträger Ingrid Lewek und Thomas Berndt sowie Ingrid Claußnitzer und Roland Hering angehörten und der von einigen Stadträten unterstützt wurde. In den folgenden Jahren organisierte dieser Arbeitskreis jeweils am 27. Januar Gedenkveranstaltungen an verschiedenen Orten sowie zu verschiedenen Opfergruppen und Verbrechenskomplexen des Nationalsozialismus (Vernichtungslager Auschwitz, »Euthanasie«-Verbrechen, Kriegsgefangenenlager Zeithain, »Judenlager« Hellerberg, Ghetto Theresienstadt, frühes KZ Hohnstein, um nur einige zu nennen). Das Neue an diesen Veranstaltungen war, dass der Arbeitskreis bei der Vorbereitung ganz bewusst auf die Radebeuler Oberschulen und Gymnasien zuging, die im jährlichen Wechsel eigene Projekte entwickeln sollten, was dank des Engagements der Geschichtslehrerinnen und -lehrer auch gelang. Zum Teil konnten zu den Themen beeindruckende Recherchearbeiten von Schülern der Klassenstufen 9 bis 11 präsentiert werden. Die Kreismusikschule unterstützte diese Veranstaltungen. Als weiteres Thema kamen Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Novemberpogrome jeweils am 9. November hinzu. Gleichwohl war die Basis für eine gelingende Gedenkarbeit nicht stabil (Belastung der wenigen Aktiven, Aufwand für die Motivation und Betreuung von Schülerprojekten, finanzielle Unterstützung), so dass die Gruppe um Thomas Berndt 2018 dem Ältestenrat des Stadtrates eine kritische Bestandsaufnahme ihrer bisherigen Bemühungen vortrug und Änderungen anmahnte.
In dieser problematischen Lage entwickelte sich dann die schon beschriebene Initiative zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, die ebenfalls nur einen kleinen Teil ihres Programmes verwirklichen konnte. Im Herbst 2021 gab es daher erste konkrete Überlegungen, das Nebeneinanderbestehen zweier Initiativgruppen zu beenden und eine auf Dauer und Stabilität ausgerichtete neue »AG Geschichte Radebeul« unter Beteiligung von Mitarbeitern der Stadtverwaltung zu gründen. Eine erste gemeinsame Veranstaltung konnte am 11. November 2021 im Kulturbahnhof mit einem Vortrag des Radebeuler Historikers Daniel Ristau (inzwischen Mitglied der AG) »Pogrom / Gewalt. Die Novemberpogrome in und um Radebeul 1938« durchgeführt werden; eine umfassende, von ihm konzipierte Ausstellung zu den sächsischen Novemberpogromen war gleichzeitig im Kulturbahnhof zu sehen. Zum traditionellen Gedenken am Rosa-Luxemburg-Platz trugen Schüler Radebeuler Schulen Textpassagen aus einer Publikation über die verfolgte Dresdner Jüdin Henny Brenner vor, umrahmt von Musik.
Eine weitere Veranstaltung fand im März 2022 statt. In Erinnerung an die Entstehung wilder und früher Konzentrationslager im März 1933, wo auch Radebeuler Bürger inhaftiert und umgekommen waren, wurde am 11. März 2022 der aktuelle Film unter dem Titel »Folterkeller in Wohnquartier« gezeigt, der auch die Radebeuler Opfer im Konzentrationslager Hohnstein/Sächsische Schweiz beleuchtet. Im Anschluss gab es eine lebhafte Diskussion unter Beteiligung der beiden Regisseure des Filmes, des Oberbürgermeisters und der Besucher. Die Veranstaltung konnte am 24. Mai 2022 im Riesaer Stadtmuseum wiederholt werden. Im weiteren Jahresverlauf wird es wie gewohnt am 17. September eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Sturz Salvador Allendes am 11. September 1973 geben; am 9. November 2022 folgt noch eine Vortragsveranstaltung im Kulturbahnhof, wo die von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erarbeitete Ausstellung »Lichter im Dunkel: Frauen während des Holocaust« zu sehen sein wird. Gleichzeitig blicken wir schon auf das Jahr 2023 voraus (27. Januar, 23. April, 7./8. Mai, 9. November) und wollen uns für die Verlegung weiterer Stolpersteine in Radebeul einsetzen. In der Diskussion sind auch Veranstaltungen zu geschichtlichen Ereignissen der Zeit ab 1945.
Die AG Geschichte Radebeul versteht sich ausdrücklich nicht als unpolitisch, aber als strikt überparteilich. Weil sie nicht als Verein organisiert ist, bestehen auch keine inneren Hierarchien. Einzelne oder mehrere sind jeweils für bestimmte Veranstaltungen verantwortlich und führen sie federführend durch. Die AG umfasst inzwischen rund ein Dutzend Mitwirkende, unter ihnen auch Frau Dr. Gabriele Lorenz und Alexander Lange vom Kulturamt der Stadt Radebeul sowie Romy Leidhold vom Stadtarchiv. Informationen zu den Veranstaltungen werden regelmäßig im Amtsblatt veröffentlicht, zudem nach Möglichkeit auch in der regionalen Presse. Weitere Informationen zur AG Geschichte können in Kürze über die Website des Stadtarchivs Radebeul abgerufen werden.

Für die AG Geschichte Radebeul: Dr. Klaus-Dieter Müller

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Wir würden uns sehr freuen, wenn noch andere an diesen Themen und diesen Anliegen Interessierte zu uns stoßen könnten; insbesondere wollen wir die Kooperation mit interessierten Lehrern und ihren Schülern verstärken (Kontakt: Stadtarchiv Radebeul, Romy Leidhold, Tel. 0351-8305252).

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