Versuch einer Glosse

Licht im Tunnel?

Da sitze ich nun an unserem Küchentisch und versuche mir monatlich eine Glosse abzuquälen, mit der Ungewissheit im Nacken, ob sie überhaupt im neuen Heft erscheint. Diesmal ist das alles noch um einen Zahn schärfer, da ich mich unter die Weissager mischen muss, wenn ich Mitte September über etwas schreiben will, was vermutlich erst im kommenden Monat spruchreif ist. Aber so ist es eben in diesem Metier, man bewegt sich halt immer auch etwas im Spekulativen.

Fangen wir aber mit dem Positiven an, das macht sich immer gut: Es scheint am Ende des Tunnels tatsächlich Licht zu sein – hoffen wir, dass es nicht der Gegenzug ist. Welcher Tunnel…? Richtig, der in dem das Lügenmuseum seit geraumer Zeit verschwunden ist.

An einem Montag mitten im September feierte das Museum trotz aller Probleme mit einer kleinen Schar illustrer Gäste im Saal des ehemaligen Serkowitzer Gasthofes den 10. Jahrestag seiner Existenz in Radebeul mit zwei Ausstellungseröffnungen und einer „Podiumsdiskussion“ über seine Zukunft. Den prominenten Persönlichkeiten, Künstlern und Freunden sah man den Ernst der Stunde nicht an. Im Gegenteil, es herrschte eher eine heitere, gelöste Stimmung, die besonders durch die aufspielenden Musiker beflügelt wurde.

Nun soll dieser Text keine Beschreibung der Veranstaltung werden. Auch hatte ich nicht den Eindruck, dass sich Zweckoptimismus unter den Gäste ausgebreitet hätte oder diese ihre Köpfe in den Elbtalsand gesteckt hätten. Denn alle waren sich einig, dass über Kunst nicht verhandelt werden kann. Freilich hat besonders ein freundlicher Herr aus dem Podium wesentlich dazu beigetragen, dass dieses Licht im Tunnel zu scheinen begann. Er erklärte einfach, den Gasthof erwerben zu wollen, damit das Museum weiter bestehen bleiben könne. Man wird abwarten müssen…

Nun mag dieser überaus freundliche Akt in Zeiten der Geschmacksverfinsterung noch lange keine Garantie dafür sein, dass der „Museumszug“ aus dem Tunnel herausfindet. Wer weiß, wer sich da noch an den Weichen zu schaffen macht. Aber alles andere, als die Erhaltung des Lügenmuseums in Radebeul – wer eigentlich kann sich anmaßen zu wissen, was ein „richtiges“ Museum ist? – würde den Weg in die kulturelle Barbarei öffnen.

Und da bin ich bei dem Grundsätzlichen und Unangenehmen in diesem Land angelangt, von dem es ja nicht wenig gibt. Die Fragen der Preissteigerungen, der Energiekrise, der verkorksten Regierungspolitik sollen ja in diesem Heft nicht angesprochen werden. Es reicht auch so, wenn ich mich nur einem speziellen Trend zuwende, einem kulturellen. Seit geraumer Zeit sind Kräfte aktiv, die für sich die Deutungshoheit beanspruchen oder doch zumindest die Diskussion zu beliebigen Themen an sich reißen wollen. Diese Manie zieht sich durch alle Bereiche der Gesellschaft, löst Thematiken und Begrifflichkeiten aus ihren ursächlichen Zusammenhängen und lenkt die Menschen von den eigentlichen Problemen der kapitalistischen Gesellschaft ab. Die unsäglichen Diskussionen zu Genderfragen, die Streichungsversuche von angeblich „nicht mehr zeitgemäßen“ Namen (Mohrenstraße) oder die aberwitzige Erörterung, ob der Roman Winnetou eine Verunglimpfung indigener Völker darstelle, mögen dafür als Beispiele genügen.

Das Typische, wie Lächerliche, aber eben auch Gefährliche an diesen Diskussionen ist, dass sie mitunter den Realitätsbezug verloren haben. Karl May beschrieb eben keine realen Begebenheiten und er stellte nicht die damalige Situation der indigenen Bevölkerung dar. Seine Romane sind Fiktionen, also etwas Vorgestelltes, Erdachtes, etwa so, wie wenn ich mir am Küchentisch die nächste Glosse auskaspere. Es sind jene Fiktionen, die das künstlerische Schaffen hervorbringen. Wer diese angreift, rüttelt an den Grundlagen der demokratischen Gesellschaft. Die Freiheit der Kunst ist in der Bundesrepublik sogar im Grundgesetz verankert.

Da will ich mal hoffen, dass dieses Licht am Ende des Tunnels auch andere sehen, damit mit dem Lügenmuseum nicht noch ein Stück Kunst verloren geht, meint

Euer Motzi.

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Ein Kommentar

  1. Th. Berndt
    Veröffentlicht am Mo, 17. Okt. 2022 um 13:46 | Permanenter Link

    Lieber Motzi,

    vielen lieben Dank für die pointierten Glossen in diesem lesenswerten Monatsheft. Allerdings habe ich nach diesem Versuch einer Glosse mich gefragt, warum wohl sich viele Frauen, Journalist*innen, der Gesundheitsminister, LBTQ Menschen und Menschen mit migrantischem Hintergrund so bedroht und nach dem Leben getrachtet sehen? Angesichts der tätlich Angegriffenen oder gar ums Leben gekommenen nicht unbegründet. Scheint es doch nach Eindruck der Glosse gefährlicher zu sein, Diskussionen zu führen, die durchaus Entwicklungen in der Gesellschaft widerspiegeln. Die tatsächliche Gefahr unserer Diskussionskultur kommt allerdings mit Gewalt und Geschrei von rechts und in aller Öffentlichkeit, lautstark unterstützt durch ihre parlamentarischen Vertreter. Das diskutiere ich doch lieber gepflegt weiter.
    Herzlich,
    Th. Berndt

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