Radebeuler Miniaturen

Wunscheinkauf

„Es begab sich aber zu der Zeit,“ da ist auch bei uns mit leisem Knacken, das freilich kaum jemand beachtet hatte, der September angebrochen.

Ist es, wird die aufmerksame Leserin, jetzt fragen, ist es nicht völlig unzeitgemäß, jetzt, kurz vor Weihnachten, vom September zu reden?

Ist es, lieber Leser, ist es! Es ist ebenso unzeitgemäß, wie im September das Weihnachtsgebäck.

Und das begegnete mir, als ich damals, der täglichen Besorgungen wegen, die heimische Kaufhalle frequentierte: Die ohnehin engen Gänge waren vollgestellt mit Paletten voller Spekulatius, Pfefferkuchenherzen und was der gleichen Köstlichkeiten mehr sind. Wer vorbei wollte, mußte schon eine gewisse Sicherheit im Navigieren der drahtigen Einkaufswagen erworben haben, um größere Zusammenstöße zu vermeiden.

Ich war zunächst völlig verunsichert, holte mir aber am Zeitungsstand Gewißheit: Es war tatsächlich erst September (Was das Datum angeht sind unsere Tageszeitungen meist sehr aktuell).

Leise grantelnd legte ich meine „Einkäufe auf das Kassenband“, wie es im Fachjargon so schön heißt. Dabei überlegte ich, wie ich meinen Unmut ob des unzeitgemäßen Angebots vorbringen könnte, ohne die Kassiererin gar zu sehr zu bedrängen – die kann schließlich auch nix dafür. Plötzlich aber, ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, geschah eine Erscheinung: Wie aus einem Nebel auftauchend saß ein in strahlendes Weiß gehüllter, mit einer Aureole umgebener und durch große weiße Flügel gezeichneter Engel an der Kasse und fragte die Kunden, ob sie nicht drei Wünsche hätten.

Oh, lieber Himmel, was sagst du da? Als erstes fiel mir das Angebot ein: Hasen in der Osterzeit, Erdbeeren im Juni und Spekulatius im Dezember. Richtig wichtig wäre natürlich ein europaweit geltendes Recht auf Kriegsdienstverweigerung – aber da ist der Engel sicher überfordert, das hat ja nicht mal das Kind in der Krippe geschafft.

Und für dich selber wünschst du nichts?

Das wäre durchaus auch was für mich selber, wollte ich antworten, da wiederholte die Kassiererin etwas lauter: „24,80 bitte“…

Was`n los, fragte Ulrike, als sie mich mit meinen Einkaufsbeuteln einfliegen sah.

Stell dir bloß mal vor, jetzt gibt’s schon wieder Lebkuchen!!

Und, fiel mir Ulrike ins Wort, haste Spekulatius mitgebracht?! Wir sind doch als Kunden selbst für die Lagerhaltung verantwortlich! Das ist wie weiland mit dem Klopapier: Was wir zu Hause haben, nimmt im Laden keinen Platz mehr weg!

Na dann, fröhliche Weihnachten, und vergeßt die Osterhasen nicht …

Thomas Gerlach

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