Radebeuler Miniaturen

1623-2023: Vierhundert Jahre Haus Möbius

I
Haus und Grund

Wer’s nicht kennt, wird das unscheinbare Putzrelief unterm wuchernden Wein schwer finden: Eine ursprünglich weiße Platte von etwa 17 auf 35 cm, trägt eingeritzt und ehemals schwarz eingefärbt die Jahreszahl 1623: das älteste Baudatum unseres Hauses in der Winzerstraße. Von wohl floral gemeinten Bogenwülsten eingerahmt, krönt es schlußsteinartig das mit drei Putzrillen angedeutete ehemalige Bogenportal.
Vierhundert Jahre! Ulrike staunt immer wieder aufs Neue. Wir wohnen nun schon so lange hier, doch jetzt erst beginnt sich mir die zeitliche Dimension richtig zu erschließen.
Naja, sag ich, vierhundert Jahre, das sind gut und gerne sechzehn Generationen.
Und, fragt sie, du mit deiner Fantasie, hast du Vorstellungen, was sich in der Zeit alles abgespielt hat?
Vorstellungen? Freilich hab ich Vorstellungen – auch wenn nicht viel Greifbares überliefert ist. Es sind ja gerade mal fünfundvierzig Jahre, als ein reichliches Zehntel, was wir überblicken.
Ulrike zündet ein Kerzlein an in der Dämmerung, setzt sich im Großmutterstuhl zurecht, blickt mich erwartungsvoll an und sagt: na los, erzähl schon!
Also: Am Anfang – –

Am Anfang kaufte der „Doktor der Heiligen Schrift Ägidius Strauch“ zwei nebeneinanderliegende Weinberge „im Mittelgebirge von Kötzschenbroda“, den einen von Hans Mehlich aus Wahnsdorf, den anderen von Caspar Schulz und seiner Schwester. Das war im Jahre 1622.
Die Weinberge lagen an der Hausgasse (heute Winzerstraße) und reichten bis zur Hangkante hinauf, dorthin etwa, wo heute die Obere Bergstraße verläuft. Sie umfaßten mindestens das Areal zwischen der heutigen Karlstraße und der Horst-Viedt-Straße. Die aktuelle Parzellierung ist eine relativ junge Erscheinung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Es gibt Grund zu der Annahme, daß damals zumindest schon ein Pressenhaus auf dem Grundstück vorhanden war. Bald nach Erwerb ließ der neue Besitzer unmittelbar daneben ein neues Haus errichten, das im Jahr 1623 fertiggestellt wurde.
Modernsten Anforderungen entsprechend wurde das Erdgeschoß in massivem Bruchsteinmauerwerk aufgeführt. Ein Fachwerkobergeschoß folgte. Für die Ausfachungen wurden vermutlich von Anfang an Ziegelsteine verwendet. Das Gebäude wurde durch ein einfaches steiles Zeltdach geschützt. Das im Untergrund befindliche Kellergewölbe ist von der östlichen Außenseite her zugänglich.
Hier hast du eine Ansicht von damals, wie sie von Mike Maderer in einer Studienarbeit an der TU Dresden 1997 angefertigt worden ist.

Ich reiche das Bild rüber, und greife nach meinem Weinglas. Darauf dürfen wir schon mal anstoßen …
Thomas Gerlach

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