Gasthaus Grundmühle

Dreißig Jahre Gastlichkeit

Vielleicht beginne ich diese Zeilen etwas pessimistisch, aber der Niedergang der alten Radebeuler Gaststättenkultur ist nicht von der Hand zu weisen. Da sind ehrwürdige Gasthäuser abgerissen (ich erinnere stellvertretend an die „Rosenschänke“ und den „Heiteren Blick“), es sind liebgewordene Lokalitäten umgenutzt („Gasthof Serkowitz“ oder das „Weiße Roß)“. Oder aber es wurde ganz einfach der Betrieb eingestellt wie z.B. „Zur guten Quelle“ oder die „Kleine Einkehr“.

Gastwirtin Christine Schenkel
Bild: C. Grün


Umso mehr ist es mir an dieser Stelle ein Bedürfnis, meine Reverenz einer jener fleißigen und unermütlichen Wirtinnen zu erweisen, die sich jahrein jahraus dem leiblichen und seelischen Wohl ihrer Gäste annehmen.

Dreißig Jahre bewirtschaftet Frau Christine Schenkel das idyllisch am Eingang des Lößnitzgrundes gelegene „Gasthaus Grundmühle“, so dass man sie mit Fug und Recht als dienstälteste Gastwirtin Radebeuls bezeichnen kann. Ob man zur Weihnachtszeit im üppig dekoriertem Schankraum seinen Glühwein genießt oder in der Sommerhitze im schattigen Biergarten beim Gezwitscher zahlloser Sittiche sein Frischgezapftes zu sich nimmt (wahlweise darf es auch der „Schenkel-Wein sein), stets ist man willkommen. Nicht zu vergessen ist auch die typisch sächsische Hausmannskost, die selbst dem verwöhntesten Gaumen Rechnung trägt. Und für Events und Gesellschaften gibt es den Gastraum und die urige Kutscherstube, an deren Fenstern in schöner Regelmäßigkeit der Lößnitzdackel vorüberschnauft.
 
Dreißig Jahre nun sind eine lange Zeit für uns Menschen, in der Geschichte des alten Hauses jedoch nur eine kurze Spanne

Denn schon 1471 wird die heutige Grundmühle erstmals urkundlich als „Mühle unter Wahnsdorf“ genannt. Auch ist sie als eine der sieben Mühlen entlang des Lößnitzbaches in der Karte des Landvermessers Georg Oeder 1570 verzeichnet. Ob sie damals als Carlowitzmühle oder Urban Genzers Mühle bezeichnet wurde, darüber können sich Heimatforscher noch heute streiten; bekannt wurde sie im neunzehnten Jahrhundert als Grundmühle.

Im Gastraum hängt ein altes Bild, welches das Anwesen in alten Zeiten zeigt; nichts davon ist mehr erkennbar. Denn schon 1878 setzte eine muntere Bautätigkeit ein, was Wunder, wenn der Besitzer des Grundstückes Eisold hieß, der bekannte Bauunternehmer aus Serkowitz. Das Gasthaus an der Mühle wurde errichtet, 1881 wurde die Veranda angebaut. Mühle, Bäckerei und Gastwirtschaft florierten.

1905 wurde das Gebäude komplett aufgestockt und 1908 das hölzerne Mühlrad durch eine Turbine ersetzt.

In der DDR-Zeit war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten. 1960 gaben die Wirtsleute auf (dieselbe Zeit, derselbe Grund wie auch meine Großeltern im „Weißen Roß“ kapitulierten) und seitdem verfiel der Gebäudekomplex mehr und mehr, so dass schon an Abriss gedacht wurde.

Herrn Roland Galle ist es zu danken, dass er sich dieses Kleinodes annahm und Stück für Stück wieder aufbaute. Zusammen mit Rainer und Christine Schenkel, die schließlich am 5. Dezember 1992 Ihr Gasthaus „Zur Grundmühle“ im alten Bäckereigebäude eröffneten. Und dies (Ich muss auf meine Eingangszeilen verweisen) in alter Radebeuler Schanktradition.

Nun hat Christine Schenkel zwar schon das Rentenalter erreicht, jedoch ans Aufhören denkt sie nicht, trotz widriger Zeiten. „Ohne das würde mir die Decke auf den Kopf fallen“, meint sie und verweist auch mit auf die Stammgäste, die sich dann eine neue Bleibe suchen müssten.

Das der Gastwirtsberuf kein leichter ist, kann man bei größeren Gesellschaften oder gar beim Karl-May-Fest sehen, wenn sich die Menschen am Ausschank drängen. Dass er auch Spaß machen kann, das sieht man an Christine Schenkel.

Und so wollen wir der dienstältesten Wirtin Radebeuls noch viele schaffensfrohe Jahre wünschen. Denn in der Grundmühle kann man sich nicht nur wie zu Hause fühlen, da ist man zu Hause.

Christian Grün
 
 

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