Wie bunt ist Coswig wirklich?

Spaziergang mit Carl Romer durch die Große Kreisstadt Coswig

Teil 3

Bild: I. Rau

Dieser Gartenbesuch strengte unseren betagten Herrn Romer doch sehr an, aber sein Kopf war voll von neuen Ideen, die er künftig seinen Coswigern mit auf den Weg geben wollte. Er bat mich, doch auf unserem weiteren Weg auf einen fahrbaren Untersatz zurückzugreifen. Ich ahnte schon, dass er jetzt auf eine weitere Coswiger Persönlichkeit und seinen Wegbereiter hinweisen wollte, nämlich Herrn Emil Hermann Nacke(1843-1933), den grandiosen Ingenieur und Entwickler des ersten sächsischen Automobils namens“Coswiga”, das sogar vom sächsischen Königshaus angeschafft wurde. “Lieber Herr Romer, unser Museum hat dazu in seiner Sonderausstellung auch an Herrn Emil Nacke gedacht und Frau Hamann widmete sich als Mitautorin des Buches Emil Hermann Nacke Sachsens erster Automobilbauer /1/ ausführlich seinem Wirken. Und nicht zu vergessen, in unserem Stadtarchiv gibt es über ihn viel zu lesen”. An unsere Umwelt denkend und um seine Fitness weiter zu fördern, schlug ich aber vor, dass wir uns erst einmal in einen Park setzen und uns dabei mit einem Coswiger Obstsaft aus dem Betrieb Görnitz oder von der Mosterei Sell erfrischen, oder wir gönnen uns einen Rebensaft, der ja angeblich die Geister erfrischt. Übrigens erwähnte Herr Romer beim Thema Wein, dass Herr Nacke an seinem Wohnhaus an der Ecke Johannisbergstr./Mittlere Bergstr. in Radebeul/2/ selbst einen Weinberg anlegte, der angeblich von der Reblaus verschont wurde. “Wie sieht es heute mit dem Weinbau in Coswig aus?” Ich schenkte ihm einen zufällig dabei habenden Schoppen eines Coswiger Winzers ein. Zur Auswahl hat man hier Weine der Weingüter Schuh, Matyas oder Henke. Mit ihrem fleißigen Wirken sorgen sie damit für den Erhalt der Kulturlandschaft unserer Stadt an der Sächsischen Weinstraße. Diese Worte oder vielleicht der Wein, denn bei dem einen Schöppchen blieb es nicht, röteten seine Wangen und frischten auch seinen Geist wieder auf, also verzichteten wir auf eine Mobilkutsche und zogen gemeinsam weiter.

Bild: I. Rau

Nebenbei berichtete ich ihm auch über die Landwirtschaft im Allgemeinen und die Coswiger Landwirte und Gärtner. Dabei schüttelte er sein greises Haupt sehr, als er von den Auflagen für die Landwirte und die einengende Agrarreform der Europäischen Union hörte. “Hut ab vor den Landwirten, die es trotzdem auf sich nehmen, für unser alltäglich Brot zu ackern” meinte er. Da musste ich dann wieder ärgerlich erwidern, dass sich viele Bürger aber dessen nicht bewusst sind. Selbst Kommunen entziehen den Bauern Land, um Raum für neues Wohnen zu schaffen oder um ihre Gewerbegebiete zu erweitern und damit wertvolles Land zu versiegeln.”Meinen Sie damit zufällig auch die Kötitzer Gärten”, wollte er von mir wissen,”oder haben sie was gegen Gärten?” “Im Gegenteil”, meinte ich, “ich finde es nur eigenartig, dass man nun sogar Wohngebiete als Gärten bezeichnet, denn bis auf wenige Quadratkilometer kann man dort kaum Gärten anlegen. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann machen Eigentümer an anderen Stellen in Coswig aus ihrem Garten eine Stein- oder Geröllwüste”. “Was ist denn das nun wieder?”, griff er mir in die Seite, “Gärten sind doch für Blumen und Gemüse da!” “Das war wohl in ihrer Zeit so”, heute geben manche Bürger den Bienen und anderen Insekten keinen Raum mehr, sich zu tummeln!”. “Aber da muss man doch als Kommune was dagegen tun”, erwiderte er verärgert. “Zu meiner Zeit im Stadtrat haben wir so etwas nicht zugelassen”! Na ja, erwähnte ich kleinlaut, auch unser Stadtrat hatte nicht den Mut, einen Satzungsbeschluss herbeizuführen, andere Städte sind uns da voraus. “Ich denke, Coswig ist eine grüne Stadt!”. Eigentlich ist Coswig ja auch grün mit seinem schönen alten Baumbestand, ob im Stadtpark, den strassenbegleitenden z.T. sehr alten Kastanien, Linden (Bild Straßenbäume) oder auch Obstbäumen, oder dem großen Bemühen des schon genannten Bauhofes, Farbe in die Stadt zu bringen(Bild Tulpenbild vor dem Rathaus).
Sie haben mir übrigens noch gar nichts über die landweit bekannten Blumenfeste erzählt!”, wollte er nun von mir wissen. Da traf er mich dann aber unvorbereitet. Wie ich später im Museum/3/ erfuhr, gab es diese Feste bis 1960 mit einer großen Besucherschar aus nah und fern. Ich zog mich aus der Affäre, indem ich die jährlichen bunten Straßenfeste erwähnte, die aber nicht den von Herrn Romer angesprochenen Charakter tragen. “Dann aber mal los, lieber Bürger”, animierte er mich, “bringen sie das mal vor, denn nicht umsonst trägt Coswig im Stadtwappen neben der Weintraube auch Getreideähren als Synonym für die Landwirtschaft und das Grün am Wasser für die Kulturlandschaft um uns”. Darauf erwiderte ich, dass wir uns wohl heute mit dem Motto “Coswig- Junge Stadt am grünen Rande Dresdens” zu sehr hinter der ehemaligen Königsmetropole Dresden verstecken. “Das haben wir nicht nötig, früher hatten wir den Slogan “Gartenstadt” (neben Industrie) in unserem Namen!”, meinte er. Das wird aber dauern, diesen Slogan wieder zu ändern!”, erwiderte ich ihm. Selbst in der neuen Broschüre “Kulturlandschaften des Landkreises Meißen/4/” haben sich bei Workshops Bürger aus dem Kreis verächtlich über die Industriestadt Coswig geäußert. Die sind ja wie Riesa, meinte einer und haben keinen Bezug zur Natur! Das ging dann selbst Herrn Romer über die Hutschnur, denn nach nur diesen wenigen Schritten durch seine alte Heimatstadt, kann er diesen Vorwurf nicht verstehen. “Ihr müsst eben mehr aufklären und euch interessant machen!”.

Eberhard Bröhl

/1/ Dana Runge, Petra Hamann, Thomas Giesel
Emil Hermann Nacke Sachsens erster Automobilbauer
Schriftenreihe des Verkehrsmuseums Dresden Bd.7 1.Auflage 2007

/2/ Petra Hamann, Coswig hat Geschichte, Wissenswertes und Amüsantes aus dem Stadtarchiv, NOT schriften-Verlag, Herausgegeben von der Großen Kreisstadt Coswig, 1. Aufl.2012 ISBN 978-3-94200-82-2

/3/ Dauerausstellung des Museums zur Geschichte von Coswig

/4/ Herausgeber LK Meißen, erarbeitet von TU Dresden, Lehr- und Forschungsgebiet Landschaftsplanung i.A. des LRA Meißen Dresden, Dezember 2020 CC-BY-NC-SA 4.0 de

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