Einem keramischen Detail der historischen Gartengestaltung auf der Spur

Die Geschichte fing ganz alltäglich an. Wir, ein Radebeuler Bekannter und Grundstücksbesitzer und ich, ein zur Ruhe gesetzter Denkmalschützer, sagten uns auf der Bahnhofstraße Hallo und wie geht`s. Ich dachte für mich, ist doch schön, dass es noch Denkmaleigentümer, respektive Miteigentümer, gibt, mit denen es früher keinen Krach gegeben hatte! Und dann sagt mein Gesprächspartner noch, gut dass er mich treffe, ich sollte doch mal bei ihm in der Borstraße 27 vorbeikommen, er hätte was in der Erde gefunden, also Archäologie (?), worauf er sich keinen Reim machen könne. Das machte mich neugierig, aber es vergingen ein paar Tage mit täglichen Einkäufen und einem Arztbesuch, ehe ich da hin radelte. Wieder freundliches Hallo zur Begrüßung und wir müssten mal um`s Haus (es ist die Hildebrandt-Villa des früheren Dresdner Stahlbauunternehmers, der sich dann hier zur Ruhe setzte) rumgehen, da könne er mir seine rätselhaften Fundstücke, die Fragen aufwerfen, zeigen.

Schlosspark Babelsberg – hier Anwendung von Beetziegeln
Bild: Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg


Als wir vor den keramischen Platten (25cm lang, 12cm oben / 5cm unten breit, 1cm dick) standen, waren wir beide immer noch ratlos und tauschten zunächst unsere Vermutungen aus – solche keramischen, teilweise verzierten, Dachziegeln entfernt ähnliche Gegenstände, wofür könnten sie mal verwendet worden sein? Mein Bekannter dachte in erster Linie, dass die keramischen Platten mal am Haus, z.B. als ein Fassadenelement oder eine Simsabdeckung gewesen sein könnten. Meine Gedanken gingen dagegen mehr in Richtung Garten. Da wir heute keine Übereinstimmung zur früheren Verwendung der Gegenstände fanden, fotografierte ich ein solches Stück und wir vertagten das Thema ohne zeitlichen Druck erst mal.

Inzwischen gab es bei mir wieder ein paar Einkäufe – Brot, Käse und Möhren – und ich überlegte, wen ich zu dem rätselhaften Fund (es waren etwa 40 heilgebliebene und 5 kaputte Keramikplatten) noch befragen könnte. Mir fiel eine Radebeuler Landschaftsarchitektin ein, mit der ich mal dienstlich zu tun gehabt hatte. Bei Frau Dr. Grit Heinrich klopfte ich eines Sonnabend früh an. Obwohl mein Besuch nicht angekündigt war, wurde ich hier freundlich begrüßt und wir schauten gemeinsam auf mein mitgebrachtes Foto. Von dem Moment an war das Rätselraten zu den keramischen Platten beendet: die Landschaftsarchitektin bestärkte mich in meiner Vermutung und nannte für den Gegenstand den Namen: BEETZIEGEL! Beet deshalb, weil früher damit ein besonderes Beet eingefasst wurde und Ziegel, weil der Gegenstand aus dem gleichen Material wie Dachziegel, gebrannter Ton, besteht und auch ähnlich groß ist wie ein Biberschwanzziegel. Die geringe Stückzahl könnte auch ein Bestand von Ersatzziegeln für ein größeres, heute verschwundenes Rundbeet gewesen sein, der jetzt wieder gefunden wurde, schätzte Herr Mertens ein. In der Form kann man aber Unterschiede sehen: unten erkennen wir einen schmaleren, lanzettförmigen Teil und oben eine breitere Halbrundform, die auf einer Seite geschwungene Verzierungen aufweist. Die Platten haben in der Längsrichtung eine leichte Krümmung, die Farbe differiert von hellgrau über graubraun bis rötlich. Im Normalfall wurde ein Rundbeet mit solchen Beetziegeln umrandet, das Erdreich liegt etwas (ca. 10 …20cm) höher als das Umfeld. So ein Beet wurde mit unterschiedlichen Sommerblühern bepflanzt, außen die kleineren, innen die etwas höheren Blumen. Ein derartiges Rundbeet lag im Pleasureground eines Landschaftsparks, wie das Babelsberger Foto zeigt, oder in einer Parkachse oder war axial auf eine Villa oder ein Schloss ausgerichtet. Eine Steigerung der Gestaltung konnte dadurch erreicht werden, dass in o.g. Rundbeet mittig ein zweites Beet wieder mit Beetziegeln und erhöhter Erdfüllung angeordnet wurde. Es soll sogar dreifach in der Höhe gestaffelte Beete gegeben haben! Die Grundform ist m.E. immer der Kreis bzw. in wenigen Fällen ein Halbkreis, wenn das Beet vor einer Mauer stehen sollte. Ich bezweifle aber, dass es auch eckige Beete mit Beetziegeleinfassung gegeben haben könnte.

Bild: D. Lohse


Bild: D. Lohse


Fundstücke aus der Borstr. 27
Bild: D. Lohse


Derartige Rundbeete mit Beetziegeln am Rand waren eine landschaftsgärtnerische Modeerscheinung in der ersten Hälfte des 19. Jh., also vom Klassizismus bis zum Biedermeier, auch als Zeit der Empfindsamkeit bezeichnet. Diese Mode war in England entstanden, kam schließlich in deutsche Landschaftsgärten und von da aus in der 2. Hälfte des 19. Jh. auch in hiesige Villengärten. Frau Dr. Heinrich sah solche Beete auf Reisen in Brandenburg, so im Schlosspark von Babelsberg und Glienicke – noch von früher erhalten oder nach historischem Vorbild wieder errichtet, ist unklar. Unser Fundstück hat einen oberen Abschluss in Akanthus form, es gab aber auch zahlreiche andere Gestaltungsformen und Oberflächenbehandlungen, z.B. mit farbigen Glasuren. Überraschend für mich war, dass solche Formstücke auch als Eisengusselement oder seltener aus Porzellan hergestellt und in Gärten im gleichen Sinne verwendet worden sind, da träfe dann der Name Beetziegel nicht mehr zu. Hierfür war sicher entscheidend, welche Betriebe in der Nähe waren. Von den Herstellern der keramischen Beetziegel wurde empfohlen, die Ziegel vor dem Winter auszugraben und im Frühjahr darauf erneut einzusetzen. Sie waren offensichtlich nicht frostsicher. Durch diesen hohen Aufwand zeichnete sich bereits das Ende der Beetziegelzeit ab. In Einzelfällen wirkte diese Mode wohl auch nach, so dass in der Gartengestaltung der Borstraße 27 um 1872 von Advokat Julius Witschel ein solches angelegt worden sein könnte. Oder sollte der Industrielle Emil Hildebrandt 1895, nachdem er sich in Niederlößnitz niedergelassen hatte, noch so ein Beet angelegt haben? Auf jeden Fall wurde 1895 die zuvor kleinere Villa durch Baumeister Bernhard Große vergrößert und ein gusseiserner Balkon, der vorher auf der Weltausstellung in Paris gezeigt worden war, an die Villa angebaut. Nicht mehr nachvollziehbar sind auch Grund und Zeitpunkt, als man die Reste (s.o.) der Beetziegel als Füllmaterial unter dem Terrassenbelag eingebracht hatte. Die Zahl von knapp 50 derartigen Ziegeln hätte auch nur für ein kleineres Beet gereicht; wahrscheinlich waren es ursprünglich mehr gewesen. Leider konnte in den Fotoalben der Hildebrandt-Erben heute kein älteres Foto des Rundbeets im Garten entdeckt werden. Es darf vermutet werden, dass es auch in anderen Gärten von Ober- oder Niederlößnitz Rundbeete dieser Art gegeben hat – über eine Rückmeldung würden sich Redaktion und Autor freuen. Im 20 Jh. dürften wohl keine Rundbeete mit Beetziegeln mehr angelegt worden sein und die, die es mal gegeben hatte, sind verschwunden und diese Mode einer Beetgestaltung ist in Vergessenheit geraten. Es soll aber keramische Betriebe geben, die diese Beetziegel als Sonderproduktion heute noch herstellen. Die Preise dürften hoch liegen, wie bei „Sonder-…“ zu vermuten ist. Mit dem Artikel wollte ich nur mal an diese Mode erinnern. Das Rätsel wurde gelöst und die Fundumstände sind nahe bei Archäologie, aber nicht wirklich.

Bei meinen Gesprächspartnern, Frau Dr. Heinrich und Herrn Mertens von der Eigentümergemeinschaft Hildebrandt möchte ich mich herzlich bedanken.


Dietrich Lohse

Literatur:
1. „Katechismus der Ziergärtnerei“, H. Jäger, Verlagsbuchhandlung J. J. Weber, Leipzig 1889
2. „Fürst von Pückler-Muskau“, H. L. Heinrich, Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1989, darin 3. Kapitel Anne Schäfer „Zur Ausstattung von Landschaftsgärten im 19. Jh.“
3. Stiftung Preußische Schlösser u. Gärten: „Wasserspiele im Park Babelsberg gehen wieder ans Netz“, davon eine Fotoverwendung entspr. https // www.spsg.de / presse-foto-film / 2016-08-16-wasserspiele-babelsberg/

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