Als die Läden noch Namen von Leuten trugen

Es war letztes Jahr im Herbst, als sich sechs ältere Herren in der „Alten Apotheke“ trafen. Gemeint ist die Gaststätte in Kötzschenbroda, den Pharmazieladen gleichen Namens in Ost, den gibt es schon lange nicht mehr. Es war schon dunkel, als bei uns ein geradezu feuerzangenbowliger Gemütszustand eintrat, obwohl wir nur bodenständig Bier zum Essen bestellt hatten: Mein Gott, hatten wir eine schöne Kindheit! Wir gingen gedanklich durch Gänge unserer Schulen, wurden altersmild zu unseren Lehrern, rauchten wieder heimlich hinter der Turnhalle, schwammen im Bilz- oder Lößnitzbad und gingen sogar einkaufen in einer fern gewordenen Welt…ja, manchmal gab es sogar ganze Ananasfrüchte gegenüber der Lutherkirche bei Heides, hinten, in der Gemüsebaracke.
Gerade bin ich beim Bilderkriegen in den frühen 1970ern, in den Jahren zuvor ging es aber schon Milch holen zu Burkhardts, unverpackt natürlich, eine Kanne wurde mitgeführt. Einmal hatten Heides sogar Auberginen aus dem Frühgemüsezentrum abgezweigt, die sicher für Berlin gedacht waren. Aber niemand wusste, wie sich die Dinger aussprechen und erst gar nicht, wie sie zubereitet werden. „Sowas kaufen wir nicht mehr!“, verkündete resolut die Großmutter, gerade Kochfisch mit Senfsauce zubereitend. Natürlich schrieben wir „Soße“. Praktisch alle Kunden waren namentlich und mit familiären Hintergrund bekannt. Brot und Milch (es gab nur frische) konnte man vorbestellen. Wollte ich ein abgepacktes Eis, kletterte Frau Heide hoch auf die von oben zu öffnende, gleich neben der Tür im Laden vorne eingebaute Gefriertruhe und musste erst eine Weile umschichten, ehe sie das Gewünschte fand. Meist aß ich das dann vor der Ladentür und schaute dem Treiben an der Tankstelle zu (gerade erst abgerissen, nun also freie Fahrt für Karl May); der Tankwart befüllte damals selbst!

Sidonienstraße, Blick nach Westen, Bildnachweis: © Deutsche Fotothek / Paul Mehlig

Nebenan verkaufte die Bäckerei Pinkert Brot und Kuchen, in der Adventszeit trafen sich die Frauen der Umgebung in der Backstube, um die zu Hause kreierten Stollen ausbacken zu lassen. Jede Hygiene- und Seuchenkommission würde diese Art „Demo“ heute mit allerlei Gesetzestext auflösen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand an Stollen gestorben wäre. Bekam man etwas bei Heides nicht, lief man wenige Schritte zu Zumpes. Das Netz dieser kleinen Läden war engmaschig. Wir hatten stets eines der unendlich dehnbaren Einkaufsnetze – Perlon, Sie erinnern sich? – dabei und jetzt beim Schreiben habe ich, ohne einen Kopfhörer zu brauchen, Udo Jürgens mit seinem Song „Tante Emma“ im Ohr. Fräulein Haubold führte die in unserem Haus befindliche Filiale der stadtbekannten Färberei Märksch. Erwischt, der letzte Satz ist zitiert aus Als ich ein kleiner Junge war von Erich Kästner und Fräulein Haubold leitete den Laden auf der Königsbrücker Straße in Dresden, in Radebeul tat das Frau Klippstein, zu der ich, eine Etage über uns, bereits im Schlafanzug, das Sandmännchen schauen kommen konnte. O Wunder: sie hatte einen Fernseher. Und ich bekam meist noch ein Bonbon mit als Betthupfer. In unserem Haus gab es auch noch die Schneiderei von Herrn Kunath mit fleißigen Mitarbeitern, den Zigarettenladen von Frau Stur und das Gärtnereigeschäft der Albrechts. Man brachte die Reinigungsklamotten auch zu Schrapels oder Wäsche-Müller neben dem Augenoptiker Rosenmüller, heute Papst, auch in die Annahmestelle von Kelling an der Einmündung der Bilz- in die Ernst-Thälmann-Straße, der „Thäli“. Daneben gibt es immer noch die Volksbuchhandlung, die jetzt Thalia heißt und Herr Zeibig, früher Tomann, zog auch bald mit seinem Modelleisenbahnladen in die Einkaufsmeile. Besonders in der Weihnachtszeit drückten wir uns an seinem Schaufenster die Nasen blank, da lief eine liebevoll aufgebaute Anlage bis Ladenschluss. Daneben im Eiscafé der Nizzastraßenfirma Neumann kam die Kugel 15, Schoko 20. Die Rede ist von Pfennigen. Mir wurde ganz taschengeldmulmig, als ich beim ersten schüchternen Versuch, ein Mädchen auszuführen, feststellen musste, dass die Kugel im Becher drinnen ungeheure 10 Pfennig mehr kam und die Schlagsahne obendrauf sowieso schon eine ganze Mark. Jetzt langte das Budget nicht mehr für Herrn Zeibig, Basteldraht für die Eisenbahnplatte musste ja noch mit. Also das nächste Mal zu Frau Teplitz in den Laden „Bonbonniere“ und für 25 Pfennig ein großes Exemplar der Köstlichkeit gekauft, von der ich nicht weiß, wie man die noch politisch korrekt bezeichnen soll. Damals jedenfalls war das Wort Kuss enthalten und der hier war besonders süß.
Das Thema Mädchen streifte mich auch in der Drogerie Schreckenbach. Dort gab es so ziemlich alles und ich hatte beim An-dem-Zopf-Ziehen einer Mittschülerin – Kathrin W., bitte verzeihe mir nachträglich! – (im dritten Schuljahr?) solch einen Zusammenbindegummi zerstört und wurde vom Lehrer Herrn Ramm verdonnert, den schleunigst zu ersetzen. Herr Schreckenbach stand wie immer mit einem Kollegen im blaugrauen Kittel hinter seiner Ladentheke, als ich nachmittags roten Kopfes mit der Frage aufschlug, ob er solche komischen Gummis für Mädchen hätte. Ich habe seinen merkwürdig-forschenden Blick ewig in Erinnerung behalten, um seine Fürsorge erst in einer anderen Ewigkeit zu verstehen.
Der Fleischer neben uns hieß Fischer, der Fischladen Krebs, später Pietzsch. Kamen wir mit dem Roller vorbei und im Laden war gerade mal nichts los, winkte Frau Fischer fix rein und reichte uns Kindern eine Scheibe ihrer berühmten Jagdwurst mit der Gabel über die Vitrine direkt in den Mund. Frühe Kundenbindung. Es folgte bald ein Schuhmacherladen und daneben die Werkstatt eines Mannes, der auf sein Ladenschild „Fachmann für knifflige Angelegenheiten“ gemalt hatte. Außer Fernseher reparierte er alles, kam ggf. ins Haus. Schuhe kauften wir im legendären Schuhhaus Tröger. Das hatte es durch das Führen von Übergrößen (bis 51) zu republikweiter Berühmtheit gebracht und schaffte es in Presse, Funk und Fernsehen, u.a. in die TV-Sendung „Außenseiter – Spitzenreiter“. Der Chef war Onkel Walter. Es hieß, er hätte meine Mutter und mich in seinem schnittigen 311er Wartburg Kombi aus der Geburtsklinik in Dresden abgeholt. Jetzt fuhr er damit Pakete zur Post, er betrieb mit seinen Übergrößen einen privaten Versandhandel. Obwohl meine Oma die Fleischersfrau Fischer duzte, weil sie sich von Jugend auf kannten, ging sie oft die Runde zu -zig anderen privaten Läden, weil ihrer Meinung nach da dies und dort das besser war. Selbst meine betagte Klavierlehrerin Frau Bernhard pilgerte aus der Gutenberg- in die Ernst-Thälmann-Straße, um dort mit der Stimme einer einst gefeierten Operndiva eine Crémeschnitte beim Bäcker Füssel zu ordern. Neben dem erlesenen Laden von Spirituosen-Andrich gab es noch Möbel-Andrich. Der Chef höchstselbst klingelte punkt 9 Uhr an einem Geburtstag meiner Oma und stellte ihr einen Schaukelstuhl in die gute Stube, der ihr als Wunsch von ihrem Mann von den Augen abgelesen war. Opa meinte nur, Herr Andrich hätte sofort gesagt: „Geht klar!“. Lassen wir das 1969 gewesen sein.
1983 hatte sich mal jemand die Mühe gemacht und im Telefonbuch nachgezählt. Geht man davon aus, dass im Gegensatz zu privaten Haushalten wenigstens die Gewerbe alle Telefon hatten, gab es in Radebeul 13 private Fleischer, 22 Bäcker und 36 gastronomische Einrichtungen. Als mich die Tram neulich am Weißen Roß und der Goldenen Weintraube durch die Mitte Radebeuls fuhr, wurde mir bei diesem Gedanken etwas beklommen.
Erinnert sich jemand an den Laden der Kettners, Maxim-Gorki-Straße? Es roch nach Bohnerwachs und Seife, gab Bürsten, Besen, Lappen. Und als Knüller viereckige Bonbons in weiß-blauer Schachtel: Bayrisch Malz. Ab den 1970ern mussten die auf einmal Meißner Malz heißen. Küsschen.
Scheinbar schien in der Kindheit immer die Sonne, der Krieg war in Dresden geblieben, dort, nachdem die Straßenbahn am Palaisplatz, damals über die Rähnitzgasse, in die Ruinenstadt einbog. Aber dann kam doch Kampflärm indirekt nach Radebeul. Heiß war es, neues Stangeneis für den Eisschrank wurde vom LKW gekauft. Da donnerten Tiefflieger von Norden über das Kindheitsidyll. Es war der 21. August 1968 und ich wusste noch nicht, dass das Land knapp südlicher damals Tschechoslowakei hieß. Damals bei uns daheim – so lautet der Titel eines Buches mit literarischen Kindheitserinnerungen von Hans Fallada. Selber bin ich jetzt nur punktuell retrospektiv durch eine Welt gestreift, die mir Kindheit war. Es bedarf hier sicher der Ergänzung und Weiterführung, denn: Das schönste am Gedächtnis sind die Lücken (Buchtitel von Peter Ensikat)! Wer sich also, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Zeitkontinuum wiederentdeckt hat, sage sich bitte, WIR SIND DIE LETZTE GENERATION, die dazu noch etwas dokumentieren kann!
Mit der Redaktion der V&R besteht die Hoffnung auf Ihre Erinnerungen zum Abdruck in loser Form und Folge. Wie wäre es mit verflossenen Gaststätten in Radebeul und Anekdoten drumherum? Gerne bin ich dann Ihr Leser. Und vielleicht ergibt sich sogar ein Dialog. Vor einigen Jahren saß ich mal zufällig 5 Stunden neben einer älteren Radebeuler Dame im Flieger. Bald nach dem Start hatten wir bis Klotzsche nur noch Radebeul im Gespräch. Also, wenn das nicht als Liebeserklärung an die Stadt und unsere Erinnerungen taugt….

Tobias Märksch

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4 Kommentare

  1. Rosita Neef
    Veröffentlicht am So, 3. Sep. 2023 um 23:10 | Permanenter Link

    Es geht mir das Herz auf, mit jeder Zeile mehr! Ich bin Jahrgang ’55 und habe gleiche Bilder meiner Kindheit in Radeberg vor Augen. Sogar den Geruch der Radeberger Brauerei kann ich noch genau erriechen in Gedanken. Wenn ich die Bahnhofstraße entlang näher kam.

  2. Samiya Bilgin
    Veröffentlicht am Mo, 4. Sep. 2023 um 14:15 | Permanenter Link

    Es ist so unglaublich und schön und allzu berührend, dass schon nach den ersten Sätzen Bilder, Gefühle, ja sogar Töne und Gerüche aufkommen, die sich mehr und mehr differenzieren und vertiefen. Und das Verwunderlichste ist, dass Tobias und ich nur den Jahrgang, nicht aber den Ort teilen. Vielleicht ist die Weise, Bilder aufkommen zu lassen generationsspezifisch? Sicher aber trägt der wunderbare Schreibstil von Tobias zu dieser schönen Wirkung bei.

  3. Mohn Gudrun
    Veröffentlicht am Di, 5. Sep. 2023 um 12:13 | Permanenter Link

    Mein Sohn, Jahrgang 1966, schickte mir denn Artikel, und selbst ich, Jahrgang 1939, kannte noch viele, viele Namen. Bei Lehrer Ramm hatte ich Unterricht, mit Rosi Schrapel ging ich in die Klasse. Und natürlich wurde Brot bei Pinkerts gekauft und Schuhe bei Trögner. Und so könnte ich noch viele mehr ebenfalls kommentieren.
    Von 1945 bis 2001 wohnte ich in Radebeul.
    Danke für die schönen Erinnerungen.
    Gudrun Mohn

  4. Harald wennerlund
    Veröffentlicht am Fr, 8. Sep. 2023 um 13:02 | Permanenter Link

    Ein sehr berührender Artikel, der deckungsgleiche Erinnerungen bei mir hervorgerufen hat.
    Vielen Dank.
    Ich habe meine Erinnerungen zu diesem Thema aufgeschrieben und sie an die Redaktion geschickt.

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