Glosse?

„Der grüne Heinrich“

Vielleicht kann sich der Eine oder Andere noch an den „Grünen Heinrich“ erinnern. Wer das war und wo der lebte? Nicht nur die Radebeuler, die einst vom Dresdner West-Hang in die Lößnitzstadt zogen, werden ihn nicht vergessen haben, verbrachten sie doch im „Grünen Heinrich“ vermutlich so mache vergnügte Stunde.
Dort in Gorbitz wurde am 21. August 1981 für das größte Neubaugebiet Dresdens der Grundstein gelegt. Genau an dieser Stelle entstand weder ein Wohngebäude noch eine Schule, nein, sondern die spätere Wohngebietsgaststätte „Grüner Heinrich“. Wie die Gaststätte, die zunächst Bauarbeiter und Schulkinder mittags verpflegte und in der später bis zu 450 Gäste Platz gefunden haben, zu ihrem Namen gekommen ist, weiß ich eigentlich nur aus der Zeitung.
Für dieses für 45.000 Menschen konzipierte Wohngebiet soll es auch ein Kunst-Konzept gegeben haben. „Kunst am Bau“ muss offensichtlich auch schon in der DDR eine Rolle gespielt haben. Von derartigen Ideen habe ich bezüglich der Siedlung an der Waldstraße oder des Villenparks Altradebeul in unserer Stadt bisher noch nichts gehört. Im Nachhinein wurde von Privat ein Gedenkstein in der Waldstraßensiedlung aufgestellt. Sei es drum.
Den Namen „Grüner Heinrich“ hatte man sich von einem gewissen Gottfried Keller ausgeliehen. Der soll 1855 von Berlin kommend, nach Zürich reisend, in Dresden einen Zwischenstopp eingelegt haben. Da waren bereits die ersten drei Bände seines Romanzyklus Der grüne Heinrich erschienen, einer autobiografisch eingefärbten Lebensgeschichte von einem Mann, der als Kind den Spitznahmen „Grüner Heinrich“ wegen seines eigenartigen Mantels erhalten hatte.
Nun kam die Stadt Dresden 1904 auf die Idee, eine Straße nach dem Autor jenes Romans zu benennen, der mittlerweile zu einem der bedeutendsten Schriftsteller des bürgerlichen Realismus aufgestiegen war. Und wie es der Zufall so wollte, führte diese Straße ausgerechnet auch durch das spätere Baugebiet, auf dem 15.000 Wohnungen entstehen sollten.
Obwohl aus der Schweiz kommend, ist nun Gottfried Keller wahrlich kein unbedeutender Schriftsteller in deutschen Landen, auch wenn er in seinen jungen Jahren noch nicht so richtig wusste, was er mit sich anstellen sollte und seine Jugendzeit regelrecht verträumt und vertrödelt haben soll. Man kannte ja damals noch keine Discoschuppen oder Parkplätze vor Supermärkten. Aber einfach mal in Dresden aus dem Zug steigen und schon wird eine Straße nach dir benannt, das ist schon gewaltig. Wie oft bin ich schon  am Neustädter Bahnhof ausgestiegen…
Allerdings gibt es noch Steigerungen ungeahnter Art: Udo Lindenberg beispielsweise war nie in Radebeul und bekommt trotzdem ein hoch nobles Wandbild. Da strampelt man sich jahrzentelang ab und es merkt keiner! Da kannste warten bis de grün wirst! Aber offensichtlich fehlt mir dazu das entsprechende Likörglas.
Der Keller hingegen, das muss man ihm lassen, war schon ein feiner Mann. Der hat sich für seine Schweiz eingesetzt und die Neutralität gegenüber Napoleon verteidigt. Der Körner wiederum hatte den „Grünen Heinrich“ verteidigt – also der Matthias Körner, der Gorbitzer Stadtteilchronist – auch ein Dresdner. Genutzt hat es nichts. Abgerissen wurde die beliebte Wohngebietsgaststätte 2021 trotzdem. An deren Stelle steht heute ein großer Klotz mit 179 Studenten-Apartments.
Was das alles mit Radebeul zu tun hat? Es war auch ein Radebeuler Architekt, der beratend mit an der Umsetzung des Bauvorhabens beteiligt war. Daran kann man schon mal erinnern, meint

Euer Motzi.

 

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