Alle dürften die bekannte Kleinstadt Radeburg kennen, etwa 15 km nördlich von Radebeul, bekannt als Geburtsstadt von Heinrich Zille, in Berlin später Pinselheinrich genannt, Endstation der Lößnitzgrundbahn und hatte bis vor kurzem noch ein Flachglaswerk. Aber ein Künstler Glöckner, eher nicht.
Zwei Artikel in der Tageszeitung SZ aus dem Oktober 2025 brachten mich in die Spur, im Verbreitungsgebiet der Vorschau in Radeburg nach einer Sgrafittoarbeit von Hermann Glöckner zu suchen. Die beiden Artikel, das alte Rathaus in Radeburg betreffend, hatten jeweils
verschiedene Aspekte dazu. Der erste schilderte den baulichen Zustand des Denkmals am für eine Kleinstadt recht großen Marktplatz. Die Verwaltung ist längst in einen anderen, geeigneteren Bau unweit des Marktes umgezogen. Durch Leerstand war dann am alten Rathaus ein katastrophaler Zustand eingetreten, der Turm abgenommen, der Ratskeller längst geschlossen und ein zuletzt da betriebener Laden verwaist. Die schwache Hoffnung, dass es in nächster Zeit eine Verbesserung geben könnte, klang sehr zaghaft. Aber auf einem Foto in der SZ war auf der Längsseite des Gebäudes der Schriftzug „Zum Ratskeller“ im Putz noch zu erkennen, das interessierte mich. Die Art der Schrift und die gewählten Schrifttypen hatte ich ähnlich in Radebeul schon gesehen und dachte sofort an Glöckner, war mir aber nicht ganz sicher. Der zweite Artikel, ein paar Tage später, berichtete über die alte Glocke von 1581, die G. Biener aus Dresden gegossen hatte, die derzeit im Landesamt für Denkmalpflege in Dresden gereinigt und in Stand gesetzt wird und später nach Radeburg in den Turm zurückkehren soll. Voraussetzung ist natürlich als erster Schritt eine Sanierung des Rathauses, dann erst könnte der zweite Schritt, die Rückkehr von Turm und Glocke erfolgen. Diese Glocke ist älter als das Rathaus, vielleicht hatte sie vorher zu einer Kirche gehört. Solche Glockenübertragungen gab es im Laufe der Geschichte gelegentlich.
Ich aber war neugierig auf den Schriftzug am Rathaus, kann man ihn nun Glöckner zuordnen oder nicht. Das sollte man am besten vor Ort überprüfen, also fuhr ich an einem schönen Herbstnachmittag zusammen mit meiner Frau nach Radeburg. Hier bestätigte sich nun meine Vermutung: solche in der Art schwungvolle Buchstaben hatte Glöckner in der Zeit von den 30er bis in die 60er Jahre des 20. Jh. auch andernorts, z.B. Radebeul, verwendet. Die Farbe der vertieften Putzschrift, ein Umbra-Braun, ist auch typisch für Glöckner. Das Wetter an dem Tage ließ ein paar Fotos zu. Der Schriftzug befindet sich jedoch nicht an der zum Markt gerichteten Fassade, sondern an der Längsseite des Rathauses in einer Gasse. Die Zeit war so weit fortgeschritten, dass wir beschlossen, am Markt in einer Bäckerei Kaffee und Kuchen zu uns zu nehmen, durchaus zu empfehlen.
Wieder daheim, suchte ich die fast vollständige Übersicht von Herrn Dittrich aus den 80er Jahren zu den Sgrafittis von Glöckner heraus und fand da, dass die Glöckners (seine Frau war immer mit dabei) diese Schrift in Radeburg vom 26. Oktober bis zum 2. November 1949 ausgeführt hatten. Da muss es noch frostfrei gewesen sein, denn diese Putztechnik wird „nass-in-nass“ hergestellt. Das im Text erwähnte Radeburger Wappen von Glöckner gibt es auch noch, es befindet sich aber ein paar Schritte vom Schriftzug entfernt an der gleichen Wand über einer Toreinfahrt. Es ist in schlechterem Zustand als die Schrift. Bei der angestrebten Ertüchtigung des Rathauses sollte die Erhaltung von Schrift und Wappen geboten sein. Auch in dem Fall, dass der Ratskeller vielleicht nicht mehr bewirtschaftet werden könnte.
Hermann Glöckner (1889-1987) war ein Dresdner Künstler der Moderne, der aber in zwei politischen Systemen vor und nach dem Kriege ausgegrenzt war und nicht von seiner Kunst hätte leben können. Seine Gemälde, Faltungen und Plastiken wurden erst in der späten DDR ausgestellt und anerkannt. In gut der Hälfte seines langen Lebens fand er mit seinen Sgrafitti ein Arbeitsgebiet zwischen Kunst und Handwerk, von dem er und seine Frau halbwegs leben konnten. Ob sich Glöckner hier, wie auch andernorts geschehen, einen Teil seines Lohnes in Naturalien (Essen u. Trinken) auszahlen ließ, ist nicht bekannt aber gut denkbar, wenn man an das Entstehungsjahr 1949 denkt. Die Sgrafitti dienten als Geschäftswerbung, Information oder auch Schmuck einer Fassade, werden aber leider über die Jahre immer weniger. Deshalb wünsche ich mir von den Verantwortlichen in Radeburg die Erhaltung von Schrift und Wappen möglichst als Original am alten Rathaus.
Dietrich Lohse





