21. Thematischer Filmclubabend

Das Wanderkino Filmclub mobil macht im Monat März Station im Kunststall Naundorf. Gezeigt wird der DEFA-Film „Bankett für Achilles“ aus dem Jahre 1975. Das Drehbuch stammt von Martin Stephan (* 1945), der selbst einige Jahre als Stahl- und Transportarbeiter in der chemischen Industrie von Wolfen und Leuna tätig war. Gedreht wurde in der Umgebung von Bitterfeld. Trotz mehrfacher Überarbeitung des Szenariums wurde der Rohschnitt des Films zunächst nicht abgenommen und erst nach ausdrücklicher Fürsprache des Kulturministeriums zur Aufführung freigegeben. Hatte man die Grundstimmung des Films zunächst als zu negativ eingeschätzt, erfuhr dieser feinfühlige Film rückblickend sehr viel Lob für die authentische Darstellung der arbeitenden Menschen in der DDR.

Für Roland Gräf (1934–2017) war es der zweite Film, bei welchem er Regie führte. Es sollten acht weitere folgen. Mit dem Kameramann Jürgen Lenz (1942–2025) und dem Filmkomponisten Gerhard Rosenfeld (1931–2003) standen ihm zwei ambitionierte Fachleute zur Seite. Auch die Zusammensetzung des Schauspielerensembles war bemerkenswert. Erfahrene Darsteller der älteren Generation wie Erwin Geschoneck (1906–2008), Elsa Grube-Deister (1926–2001) und Fred Delmare (1922–2009) balancierten zwischen Komödie und Tragödie mit spielerischer Leichtigkeit. In ihrer nahezu textfreien Rolle wirkte, die junge Absolventin der Schauspielschule Ute Lubosch (* 1953) nicht weniger überzeugend. Verschiedene Handlungsstränge sind sensibel miteinander verwoben. Die Tristesse der Industrielandschaft und die stark geschädigte Umwelt stehen im Kontrast zum Stolz der arbeitenden Menschen auf das Geschaffene.

Der technische Fortschritt bringt Gewinner und Verlierer mit sich. Das Bewusstsein für Umweltschutz ist zunächst nur schwach ausgeprägt. Und so scheint es auch kein Widerspruch zu sein, dass dicker gelber Qualm aus den Schloten steigt und in der nahe gelegenen Kleingartensparte geerntet und gefeiert wird. Missstände werden mit Schönfärberei übertüncht. Die Alten kollidieren mit den Jungen. Die Jungen kollidieren mit den Alten. Und das Wunschdenken kollidiert mit der Realität.
In einem Interview äußert Roland Gräf: „Wir wollten keine Kunstfilme machen, wir wollten mit unseren Filmen helfen, etwas zu verändern.“ Mit der Einheit Deutschlands trennte sich der mehrfach preisgekrönte Regisseur vom Medium Film. Er wendete sich der Fotografie zu, arbeitete als Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen und engagierte sich in der DEFA-Filmstiftung.

DEFA-Film „Bankett für Achilles“
1975, DDR, 84 Minuten, FSK 0

Regie: Roland Gräf; Drehbuch: Martin Stephan; Musik: Gerhard Rosenfeld, Günther Fischer; Kamera: Jürgen Lenz; Besetzung: Erwin Geschonnneck (Karl Achilles, Chemiemeister), Elsa Grube-Deister (Marga, Ehefrau von Achilles), Gert Gütschow (Walura, Betriebsdirektor), Jutta Wachowiak (Ursel, Tochter von Achilles), Fred Delmare (Kanarienvogel, Arbeitskollege), Ute Lubosch (Beate, Pflegetochter von Achilles), Carl-Heinz Choynski (Bare, Nachfolger von Achilles), Walter Bechstein (Wollschläger, Trauergast) u. a.

Handlung: Die Kamera ruht auf einer Industrielandschaft. Dumpfe bedrohliche Geräusche wechseln mit heiteren Dixiklängen. Ein Wecker klingelt unerbittlich schrill. Es ist der letzte Arbeitstag des Chemiemeisters Karl Achilles. Wie immer will er mit dem Rad zur Arbeit fahren, doch schon hier beginnen sich seine wohlmeinenden Kollegen einzumischen. Achilles soll ins Betriebsauto umsteigen, was er brüsk ablehnt. Das Abschiednehmen macht er sich selbst und machen ihm die Kollegen nicht leicht.

Als er in sein Arbeitszimmer kommt, sitzt der Nachfolger, ein junger Ingenieur, bereits auf seinem Platz. Das „Probesitzen“ kommt bei Achilles allerdings nicht gut an, denn er ist sehr dünnhäutig an diesem Tag. Mittags gibt es dann eine Feierstunde in der Betriebskantine. Es werden pathetische Reden gehalten und die Gewerkschafterin überreicht eine Wärmedecke und einen dicken Umschlag. Sie wünscht Achilles einen frohen und geruhsamen Lebensabend, den er sich als „Aktivist der ersten Stunde“ wohlverdient habe. Die Übertreibungen stimmen ihn misstrauisch. Danach geht es wieder an die Arbeit. Doch von Ruhe keine Spur. Mal gibt es eine Havarie, dann erscheint eine Delegation. Sein Abschiednehmen vom Betrieb zögert Achilles noch ein wenig hinaus.

Am Abend geben die Kollegen in der Schrebergartenkneipe für Achilles ein Fest. Wieder werden Reden gehalten und Geschenke überreicht. Zwei Jugendliche wollen Achilles mit einem selbstgedrehten „lustigen“ Film über seine Lebensstationen überraschen, was gründlich misslingt. Ein Disput zwischen Achilles und dem Betriebsleiter eskaliert in gegenseitigen Vorwürfen. Seit langem schwelende Konflikte brechen auf und keiner hatte bis dahin den Mut gehabt, klar auszusprechen, dass Achilles den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen war.
Achilles ist wütend und verlässt die Feier. Seine Frau Marga weint. Doch die Tränen trocknen schnell und die Feier geht weiter. Achilles wiederum versucht zu sich selbst zu kommen. Seinem Nachfolger rät er, auch mal mit dem Kopf durch die Wand zu stoßen. Aber was will Achilles? Sein Familienleben kam in all den Jahren zu kurz. Nun hätte er endlich Zeit für die Kinder, die Frau und ab und zu eine schöne Reise. Aber ist es wirklich das, was er will? Hatte er nicht immer davon geträumt, resistente Pflanzen zu züchten, eine Kreuzung aus Wegwarte und Kornblume, die die Halden von März bis Oktober mit leuchtendem Blau überziehen? Aber auch Pflegetochter, Tochter und Enkeltochter tun ihm gut, und die Angst vorm Alter beginnt sich aufzulösen.

Der erste Tag als Rentner beginnt. Der Wecker klingelt, die Aktentasche wird gepackt, Achilles setzt sich aufs Rad und fährt zu seinem am Vortag zerstörtem Versuchsbeet, dass er wieder neu anlegt. Die Beine will er nun doch noch nicht untern Tisch stecken.

Karin Baum und Michael Heuser
Sprecher der Cineastengruppe „Film Club Mobil“ im Radebeuler Kultur e.V.


Anmerkung: unter Verwendung von verschiedenen Filmbegleitmaterialien und Wikipedia-Eintragungen
Wann und wo: am 26. März 2026, um 19 Uhr
im Kunststall Naundorf, 01445 Radebeul, Altnaundorf 6,
Reservierungen ab sofort über 0160-1038663

 

 

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