EinSatz mit NachSatz zum PflegeFall
Ja – nein – ja – nein – ja – nein – ja – millionenfache schlüssige Entscheidungen in Sekundenbruchteilen lenken die Gestalt, die sich über dich beugt, ihre milde angenehm temperierte Hand sanft wie von Kalbsleder auf deine Stirne legt, 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – in genau berechneten Algorithmen Körpertemperatur mißt, Blutdruck, Herzfrequenz, Nährstand und Flüssigkeitsbedarf (von Durst keine Rede mehr), die Daten leuchten zur gleichen Zeit in der Leidzentrale auf, erscheinen in Tabellen, schwarz – weiß – schwarz – weiß – schwarz – weiß – die keiner liest, weil sie nur Rechtfertigung sind, Absicherung, Vorbeugung, Vermeidung von Streitfällen, millionenfach in Sekundenbruchteilen erstellt, ohne wenn und aber, ohne vielleicht, mal sehen, eventuell, ich weiß nicht, nur ja – nein – ja – nein – ja – nein – ja – glasklar und messerscharf, die Decke zurückschlägt, dich dreht, wäscht, für Entwässerung sorgt (nach der morgendlichen kurzen Vielleichtjadochnochmalhoffung hat sich der Wasserknubbel längst wieder in sich selbst zurückgezogen), spricht, deinem Augenwunsche folgend, ja – nein – ja – nein – ja – mit betörender Frauenstimme oder samtenem männlichen Baß schwarz – weiß – schwarz – weiß – schwarz – weiß – 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – 0 – vorprogrammierte Banalsätze voller Vulgärtrost, packt dich sanft, hebt dich in den Stuhl, kontrolliert 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – 0 – 1 – die Wäsche, wechselt, was nötig, jeder Griff, jedes Wort, in millionenfach schlüssigen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen berechnet und ausgeführt, schwarz – weiß – schwarz – weiß – schwarz – kein grün, kein rot, kein blau, in stupider Monotonie, die Millionen begeistert, Millionen entsetzt und in Schach hält, weil sich die Maschine ja – nein – ja – nie verrechnet, nie irrt, womit sie dich an die Wand drückt, überflüssig macht mit deinen Fehlern, deinen Unentschiedenheiten, deinem unberechenbaren Eigensinn, dich zurückbettet, dir übers Haar streicht soweit noch vorhanden, deine Decke glatt zieht, dir die Nahrungszufuhr regelt und schließlich abstellt, wenn die Leidzentrale die wohlabgewogene ja – nein – ja – nein – in Sekundenbruchteilen schlüssig berechnete Entscheidung trifft, daß es keinen Zweck mehr hat, als hätte es je einen Zweck gegeben, ohne wenn und aber, eine Entscheidung, ohne vielleicht, ohne dawärejanoch, ohne Bedauern, glasklar und messerscharf und am Ende der Kette, wenn das Licht ausgeht, weiß – schwarz – weiß – schwarz – die alte Erde aufatmend und mit neuem Schwung ihre Runden dreht.
Wir müssen wissen, ob wir das wollen.
Thomas Gerlach

