Leserpost

Liebe Redaktion von „Vorschau & Rückblick“, lieber Herr Lohse,

mit Freude habe ich im Juli-Heft den Beitrag zur feierlichen Begrüßung des als „Vindobona“ bekannten Zuges in Radebeul gelesen, die am 14. Juni auf dem Gelände von Arevipharma stattfand. Als Kind in Radebeul in den 1960er und 1970er Jahren aufgewachsen, hatte ich seither über Jahrzehnte Erinnerungen an den durch Radebeul-West rauschenden Schnellzug mit mir herumgetragen. Hinzu kommt, dass mein Großvater sein ganzes Leben als Ingenieur im Görlitzer Waggonbau bzw. dem Vorgängerbetrieb WUMAG tätig war. Zu der Zeit, als der SVT 18.16 „Görlitz“ entwickelt wurde, hatte er eine leitende Funktion inne und war somit vermutlich an den Arbeiten beteiligt. Deshalb war ich euphorisiert, als ich vor einigen Jahren von der geplanten Restaurierung eines VT 18.16 erfuhr! Ich entschloss mich, dem Förderverein beizutreten, der das Vorhaben der SVT Görlitz gGmbH unterstützt, und war in dieser Rolle im vergangenen Jahr selbst dreimal als Teil eines Teams bei Restaurierungsarbeiten am Zug in Halberstadt dabei. Ich würde mich also inzwischen als Insider bezeichnen, der über fachliche und sachliche Details womöglich besser Auskunft geben kann, als es Artikel in lokalen Tageszeitungen oder Veröffentlichungen im Internet vermögen, auf die Herr Lohse sich vermutlich gestützt hat. Mir steht außerdem ein ausgesprochen ausführliches Fachbuch zu diesem Thema zur Verfügung, auf das Herr Lohse sicherlich keinen Zugriff hatte. Deshalb erlaube ich mir, einige Präzisierungen aufzuführen, die den Beitrag ergänzen und, wo nötig, richtigstellen.

Die Überschrift ist insofern ungenau, als dass die offizielle Bezeichnung der Baureihe nur VT (oder SVT) 18.16 ist. Die letzte Zahl ist die Seriennummer der Züge. In Radebeul befindet sich je ein Motorwagen aus den Einheiten .10 und .07 (wie man auch auf dem Foto erkennen kann). Die Entwicklungszeit des Zuges umfasste eine deutlich längere Zeit, sie begann bereits 1957 (nicht erst 1963), ursprünglich sollten die Konstruktionsarbeiten bereits 1960 abgeschlossen sein. Der Ersteinsatz erfolgte sogar ein Jahr früher als im Beitrag erwähnt: Als „Neptun“ fuhr der Zug am 31.05.1964 zwischen Berlin (Ost) und Kopenhagen. Die Ära des Zuges wiederum dauerte gar nicht sehr lange, im Planverkehr war schon Ende des Sommerfahrplans 1985 Schluss, als „Vindobona“ fuhr der SVT sogar letztmalig bereits 1979. Im von Herrn Lohse angegebenen Jahr 2003 fuhr der SVT seine letzte Sonderfahrt, bevor er abgestellt wurde, konkret am 12.4.2003 von Berlin nach Prag und zurück.
    
Es dauerte 15 Jahre, bis 2018, bis erste Ideen zur Aufarbeitung und Wiederinbetriebnahme geboren wurden. Im Folgejahr wurde der Zug am 23.3.2019 vom DB-Eisenbahnmuseum nach Dresden überführt. Die jetzt wieder betriebsfähigen Triebköpfe und Wagen gehören dem DB-Museum bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten, nicht erst seit 2019. Der SVT Görlitz gGmbH wurde der Zug im Rahmen einer Leihe mit diversen Auflagen übergeben.

Beim im Beitrag erwähnten VIS handelt es sich nicht um Inspektionen, sondern um eine Abkürzung des Unternehmens „Verkehrs Industrie Systeme GmbH“ in Halberstadt, bei der die Fahrzeuge aufgearbeitet wurden – teils auf kommerzieller Basis (Karosserie, Lackierungen, Bremsen,..), teils durch zehntausende Arbeitsstunden von Freiwilligen. Dass der Zug nach Abschluss der Instandsetzungsarbeiten in Radebeul seine Heimstatt gefunden hat – worüber ich mich natürlich besonders gefreut habe! –, ist das Ergebnis einer intensiven Suche nach einer Abstellmöglichkeit und des Entgegenkommens der Arevipharma, nachdem die vorgesehene Halle im Bahnbetriebswerk Dresden-Altstadt wegen Baufälligkeit nicht mehr in Frage kam. Dass zur Deckung der Kosten für die Errichtung der Leichtbauhalle hier in Radebeul auch ehemalige „Parteigelder der DDR“ verwendet wurden, ist zwar nicht auszuschließen, allerdings wurde der Löwenanteil durch private Spenden aufgebracht, weshalb ja auch der Förderverein gegründet wurde.

Allen an diesem Thema interessierten Lesern von „Vorschau & Rückblick“ sei übrigens noch ein Tipp gegeben: Das Dresdner Reisebüro Maertens kooperiert mit der SVT Görlitz gGmbH und bietet Fahrten zu verschiedenen Terminen auf verschiedenen Strecken an. Zugegeben, eine Mitfahrt kostet mehr als ein reguläres Ticket der Deutschen Bahn, aber welcher moderne Zug strahlt schon die klassische Eleganz des VT 18.16 aus, der für viele von uns zu DDR-Zeiten einen Hauch der großen weiten Welt vermittelte?

Viele Grüße, Christian Kazmirowski

Quelle: Wolfgang Dath: Die Schnelltriebwagen der Bauart „Görlitz“, EK-Verlag Freiburg, überarbeitete und ergänzte Auflage, 2024. 

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