Nachruf auf Gerold Schwenke

Die richtige Mischung, der richtige Brand

Erinnerungen an Gerold Schwenke (9. März 1944 – 2025)

Bild: I.Bielmeier


Bereits 2025 ist Gerold Schwenke gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. Ich kannte ihn seit mehr als vierzig Jahren. Zunächst begegnete er mir als einer der Maler aus dem Umfeld meines Vaters, des Bildhauers Walter Howard. Später wurde daraus eine persönliche und fachliche Nähe: Uns verband eine gemeinsame Sprache aus Ton, Glasur und Brenntechnik. Daran haben wir über Jahrzehnte gearbeitet – jeder in seiner eigenen Werkstatt und doch immer wieder im Austausch miteinander.

Geboren wurde Gerold am 9. März 1944 in Radebeul. Er lernte Dreher, ging dann an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee, studierte dort bei Fritz Dähn, Walter Womacka, Arno Mohr und Günther Brendel und kehrte anschließend in seine Heimatstadt zurück. Hier traf er auf eine Künstlerschaft, die zum Teil eine ganze Generation älter war als er, Johannes Thaut etwa, Jahrgang 1921, oder mein Vater, Jahrgang 1910. Gerold war der Jüngere in diesem Kreis und fand früh seinen Platz darin. 1975 schuf er gemeinsam mit Thaut das Wandbild „Frohe Zukunft für die Jugend“ für die damalige Polytechnische Oberschule „Hermann Matern“ an der Kottenleite, die in den 1990ern abgerissen wurde, eine großformatige Arbeit auf Aluminiumtafeln, wie sie Schulen und Betriebe damals in Auftrag gaben. Aus demselben Jahr stammt der Farblinolschnitt „Moritzburger Teichlandschaft“, von mehreren Platten gedruckt: der Blick von einem bewaldeten Ufer über das Wasser mit seinen kleinen Inseln. Bis 1990 war Gerold Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR.

Radebeul verdankt ihm dabei mehr als Bilder. Als Mitglied der Ständigen Kommission Kultur der Stadtverordnetenversammlung begleitete er die Gründung der „Kleinen Galerie“ 1982 in Radebeul-Ost, später gehörte er dem Galeriebeirat an. Den Ausstellungen der heutigen Stadtgalerie blieb er bis zuletzt verbunden; 2013 zeigte er dort seine keramischen Gefäße, 2021 die Arbeit „Corona-Schrei“, mit der er dem ersten Pandemiejahr ein Bild gab.

Die Wende veränderte sein Arbeitsleben grundlegend. Der Verband löste sich auf, die freischaffende Existenz trug allein nicht mehr, und Gerold verdiente sein Geld fortan in einer Verwaltung. Der Keramik tat das keinen Abbruch; er beschäftigte sich neben dem Beruf weiter intensiv mit dem Material und seinen Möglichkeiten. Der Ruhestand gab ihm dann die Zeit, die diese Arbeit verlangt, und brachte den Gerold zum Vorschein, an den ich mich am liebsten erinnere: einen ruhelosen Tüftler, der sich Brenn- und Trockenöfen ebenso selbst baute wie die Kugelmühlen, mit denen er Fritten und Glasuren aufbereitete, weil ihm nichts Fertiges die gewünschte Perfektion bot. Die Segerformel benutzte er dabei so selbstverständlich wie andere einen Kochlöffel.

Seine Gefäße und Stelen baute er dünnwandig in Plattentechnik auf, die Oberflächen entstanden aus fein abgestimmten Glasurkompositionen. Eine Zeitlang standen wir in intensivem Austausch über die Entwicklung von Schrumpfglasuren und Kupferreduktionsglasuren. Seine Detailkenntnis hat mich damals beeindruckt, mehr noch seine analytische Art: Wo andere auf den Zufall des Ofens hoffen, wollte Gerold verstehen, warum eine Glasur kriecht oder ihr Rot entfaltet. Diese Verbindung aus Systematik und Neugier hat er sich bis in seine letzten Jahre bewahrt.

Vierzig Jahre sind eine lange Zeit für ein gemeinsames Thema. Ich werde die Gespräche über die richtige Mischung, den richtigen Brand vermissen – und einen Freund, mit dem ich sie führen konnte.

Mario Howard

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