Der Efeu des Vergessens

Bild: V. Rönsch

Manchmal ist es gut, wenn Gras über eine Sache wächst.
Wenn schon die bloße Erinnerung daran, die ab und zu herabfällt – in einer Memopause zum Beispiel, zwischen zwei E-Mails – auch einen Mann mit einer Hitzewelle fluten kann. Und gut, wenn nicht ein Kamel kommt, das das Gras wieder runterfrisst. (Hat es keine zwei Höcker, ist es meist ein Hornochse). Am Gras kann man nämlich nicht ziehen, damit es schneller wächst. Obwohl das mit dem Ziehen am Gras nach der Legalisierung der drei Blumentöpfe auch nicht mehr so ganz stimmt.
Hintergrund der Redensart ist aber ein Moment, in dem etwas Peinliches geschehen ist, ein Moment, in dem man mit beiden Beinen bis zu den Knöcheln in einem Fettnapf stand und es zu spät bemerkte. (Das Fettnäpfchen gab es früher tatsächlich, es stand in der Nähe des Ofens oder der Haustür, enthielt eine Mischung aus tierischem Fett und schwarzer Knochenasche und wurde benutzt, um bei matschigem Wetter die Stiefel zu imprägnieren. Blöd, wenn man da versehentlich reingetreten ist. Später hieß es „Bewunderung ein Schuh erregt, der ständig mit Eg-Gü gepflegt!“, denn 1919 begann Egbert Günter in seiner Firma auf der Augsburger Straße in Dresden als erstes Unternehmen weltweit die Schuhcreme in praktischen Bleituben zu produzieren.)
Manchmal wächst aber nicht nur Gras, sondern ein regelrechter Efeu des Vergessens und Verdrängens und dieses Vergessen ist nicht immer nur ein Versehen.
Beginnen wir mit einem Radebeuler Trauerfall: Am 9. September 1912 starb in Niederlößnitz eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Zeit: Wilhelmine Heimburg (Pseudonym für Bertha Behrens). Sie hatte über 40 Romane und Erzählbände veröffentlicht und war eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen der „Gartenlaube“. Damit war sie eine Kollegin von Eugenie John, einer anderen Bestseller-Autorin des 19. Jahrhunderts, heute bekannt unter dem „geschlechtsneutralen“ Namen E. Marlitt. Marlitt – zusammengesetztes Pseudonym aus „Meine arnstädter Litteratur“ – war die populärste Unterhaltungsschriftstellerin des 19. Jahrhunderts. Ihre Romane erschienen ebenfalls in der Gartenlaube und verkauften sich millionenfach, werden aber inzwischen vom „ernsthaften“ Literaturbetrieb weitgehend ignoriert.
Aber zurück zu Wilhelmine Heimburg. Deren Radebeuler Bezug ist unmittelbar: Sie lebte seit 1881 in der heutigen Hermann-Ilgen-Straße 21, übrigens in der Nachbarschaft Karl Mays. Das Haus nannten sie „Villa Heimburg“. 1910 erwarb sie in Niederlößnitz in der Borstraße 15 die heute denkmalgeschützte Villa, die sie „Haus Heimburg“ nannte.
Hier starb sie auch und wurde auf dem Friedhof Radebeul-West beigesetzt. Ihre Werke wurden millionenfach verkauft. Damals. Das materielle Vergessen spiegelt das literarische: Die Villa „Haus Heimburg“ verfällt seit Jahren, die Baukultur der Erinnerung folgt somit dem Schicksal der Autorin. (Vorschau und Rückblick hat mehrfach Stellung bezogen: 2010, 2011 und 2013)
Erwähnenswert ist auch das Schicksal einer anderen Bert(h)a, der Schriftstellerin Jeanne Berta Semmig (1867–1958). Zunächst als Hauslehrerin in der Familie von Minckwitz tätig, veröffentlichte sie 1897 einen ersten Lyrikband. Seit 1907 führte sie einen intensiven Briefwechsel mit Hermann Hesse, der sich über mehr als fünf Jahrzehnte erstreckte. Ab 1909 war sie dem Literarischen Verein Dresden verbunden, ebenso dem 1901 gegründeten Wilhelm-Raabe-Kreis. Sie war Präsidentin des Literarischen Bundes deutscher Frauen, bis die Gestapo diese Organisation 1944 auflöste.
Jeanne Berta Semmig arbeitete 40 Jahre lang als Lehrerin in Dresden, bis am 13. Februar 1945 auch ihre Wohnung ausgebombt wurde.
Sie fand Unterkunft bei Freunden und verbrachte ihren Lebensabend im Feierabendheim Altfriedstein in Radebeul – einen Ort, den sie in ihrem Gedicht „Altersheim“ verewigte: „Das Herrenhaus aus längst versunknen Tagen, …“
1947, Berta Semmig war da 80 Jahre alt, widmete ihr Hermann Hesse das Gedicht „Schicksalstage“, das er 1918 gedichtet hatte – eine der sehr persönlichen Gesten in Hesses späten Jahren, in denen er wiederholt Gedichte als poetische Botschaften an vertraute Menschen schickte:
Wenn die trüben Tage grauen, kalt und feindlich blickt die Welt, findet scheu sich dein Vertrauen ganz auf dich allein gestellt. Aber in dich selbst verwiesen aus der alten Freuden Land, siehst du neuen Paradiesen deinen Glauben zugewandt. Als dein Eigenstes erkennst du, was dir fremd und feind erschien, und mit neuem Namen nennst du dein Geschick und nimmst es hin. Was dich zu erdrücken drohte, zeigt sich freundlich, atmet Geist, ist ein Führer, ist ein Bote, der dich hoch und höher weist.
Das Gedicht knüpft an Hesses eigene Poetik des Einverständnisses an, des Annehmens, wie sie später im 1941 entstandenen Gedicht „Stufen“ einen suggestiven Höhepunkt erreichte. Es ist ein Trosttext für eine hochbetagte Freundin, die Krieg, Bombardierung ihrer Heimatstadt, Verlust ihrer Wohnung und den Alltag im Altersheim zu bewältigen hatte.
1957, ein Jahr vor ihrem Tod, schrieb Semmig den Entwurf der Festrede zu Hesses 80. Geburtstag – doch aus gesundheitlichen Gründen konnte sie sie nicht mehr halten. Im März 1958 erhielt sie, die „älteste lebende deutsche Schriftstellerin“, anlässlich des Internationalen Frauentags in Ostberlin die Clara-Zetkin-Medaille als Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Jeanne Berta Semmig starb am 28. Juli 1958 im Alter von 91 Jahren in Radebeul. (siehe auch Vorschau & Rückblick, Heft 7/2012)
Doch trotz ihrer Freundschaft mit dem Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse, trotz ihrer Präsidentschaft im Literarischen Bund, trotz ihrer 50-jährigen Schriftstellerei: Der Literaturbetrieb selbst nahm von ihr kaum Notiz. Ihre eigenen Gedichtbände („Aber es ging leuchtend nieder“, 1910; „Pilgerschaft“, 1926) verschwanden aus den Katalogen. Heute sind auch ihre Novellen Literaturfreunden kaum noch bekannt – ein stilles Zeugnis dafür, wie Kultur Frauen einfach vergessen kann, selbst wenn sie mit den Großen ihrer Zeit befreundet waren.
Der Kunstraum Dresden im 19. Jahrhundert war voll solcher talentierter Frauen, deren Karrieren jedoch systematisch kleingeschrieben oder zumindest ignoriert wurden:
Die Malerin Caroline Bardua (1781–1864): Sie wurde ab 1810 bei Kügelgen in Dresden ausgebildet und wohnte dort im heutigen Kügelgenhaus. Sie war eine gefragte Porträtmalerin und so erfolgreich, dass sie als eine der ersten Malerinnen in Deutschland ein wirtschaftlich unabhängiges Leben führte.
Die Malerin Louise Seidler (1786–1866): Ihre Malerei und ihre Rolle als erste Kustodin einer deutschen Gemäldesammlung (in Weimar, durch Goethes Fürsprache) machten sie zu einer Ausnahmeerscheinung. Auch sie war Schülerin von Gerhard von Kügelgen in Dresden und eine der bedeutendsten Malerinnen der Romantik.
Die Schriftstellerin Nataly von Eschstruth (1843–1920), deren Leben und Wirken eng mit dem Dresdner Umland – insbesondere den Stadtteilen Pillnitz und Blasewitz – verbunden war, gehört zu den erfolgreichsten, aber heute fast vergessenen Autorinnen des wilhelminischen Zeitalters. Ihre sogenannten „Frauenromane“, die im Milieu des Adels und hoher Hofbeamter spielen, verdienen gerade durch die Faszination für historische Details eine Wiederentdeckung.
Sicher, ihr restaurativer didaktischer Anspruch und mitunter sehr klischeehaften Handlungsverläufe mindern aus heutiger Sicht die literarische Qualität. Doch da sie, zum Beispiel im Vergleich mit ihrer Radebeuler Kollegin Wilhelmine Heimburg, ein gleichwertig hohes Veröffentlichungsniveau in Bezug auf die erreichten Auflagen und die Dauer des Erfolgs erreichte, sollte auch sie aus dem literarischen Schatten geholt werden. Zumindest sollte man die Möglichkeit haben, sich selbst ein Urteil zu bilden.
Auch Louise Otto-Peters (1819–1895) aus Meißen veröffentlichte ihre frühen politischen Schriften getarnt unter dem männlichen Pseudonym „Otto Stern“. Sie gehörte ebenfalls zu den wenigen Frauen, die von ihrer Schriftstellerei leben konnten, aber nur durch den Schachzug des männlichen Pseudonyms konnte sie in der politischen Presse gehört und ernstgenommen werden.
Damit kommen wir zum Thema Camouflage.
Dieses Problem beginnt dort, wo der Mainstream (oder besser der Menstream) festlegt, wer als Künstler(in) anerkannt wird. Dass die männliche Bevorzugung im Kulturbetrieb kein regionales Phänomen war, zeigt schon der Blick auf einige große Namen der Weltliteratur: Mary Ann Evans wurde zu George Eliot, Aurore Dupin wurde zu George Sand, Charlotte Brontë wurde zunächst zu Currer Bell. Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen wurde zu Isak Dinesen. Marie d’Agoult, eine bedeutende französische Musikpädagogin und Denkerin, wurde zu Daniel Stern und veröffentlichte Romane und Memoiren unter diesem Namen – eine zweite, geheime Existenz neben ihrer Musik.
Das wiederkehrende Muster: Talent war vorhanden, Texte waren da, Öffentlichkeit teilweise auch – aber nur selten Akzeptanz als weibliche Künstlerin. Literaturgeschichte nennt das später „große Autoren“. Mitunter schwindet die Anerkennung auch rapide nach der „Enttarnung“. Talent allein reichte nicht. Der Name musste stimmen. Und vor allem das Geschlecht.
Der Mechanismus des Vergessens traf auch die Musik.
Emilie Mayer (1812–1883) aus Mecklenburg komponierte acht Sinfonien, zwölf Konzertouvertüren, Kammermusik, Orchesterwerke – insgesamt ein beachtliches Werk.
Die Etikettierung als „weibliche Beethoven“ ist bezeichnend, war sicher als Kompliment gemeint, zeigt aber das Dilemma: geniale Größe war dann akzeptabel, wenn sie männlich war. Im regionalen Umfeld ist das Schicksal von Clara Schumann (1819–1896) ein solches Beispiel. Sie verbrachte ihre Sommer oft in Maxen, südlich von Dresden. Obwohl sie eine überragende Komponistin war, wurde sie in der Rezeption primär zur Muse und Interpretin des Werkes ihres Mannes Robert reduziert. Ihr eigenes kompositorisches Schaffen wird erst in jüngster Zeit angemessen gewürdigt. Aber wer kennt schon noch die ebenfalls komponierende Halbschwester Marie Wieck? Oder die Gastgeberin der Sommerwochen im Rittergut Maxen, Friederike Serre, die nicht nur Gastgeberin, sondern auch selbst künstlerisch tätig war? Sie malte und dichtete. Zwei ihrer Gedichte – „O du mein Stern“ und „Beim Abschied“ – wurden von Clara Schumann vertont. Zum Kreis der Gäste des Ehepaar Serre gehörten neben Ottilie von Goethe auch die heute eigentlich vergessene Autorin Elfriede von Mühlenfels (1810 – 1884).
Auch in Sichtweite der Reformbewegung der Gartenstadt Hellerau, im angrenzenden Klotzsche, findet sich das Muster wieder: Gertrud Caspari (1873–1948), eine der bedeutendsten Kinderbuchillustratorinnen, deren Malweise den Jugendstil in der Buchillustration mitprägte, wird im Kanon des „ernsthaften“ Jugendstils kaum geführt.
Kultur vergisst durch Unterlassung. Nicht edieren, nicht lehren, nicht spielen, nicht lesen. Was fehlt, gilt als nebensächlich, wird nicht veröffentlicht. Was nicht veröffentlicht wird, verschwindet aus der Wahrnehmung. Was nicht wahrgenommen wird, wird auch nicht nachgefragt, ist somit auch nicht profitabel. Ein perfekter Kreislauf, bis heute. Kultur muss ins Bild passen und sich rentieren.
Es geht nicht um Toleranz. Es geht um die Frage: Wer wird erinnert und wer nicht? Eine Kulturgeschichte, die systematisch oder zumindest fahrlässig Frauen „vergisst“ (weil sie sich auf einem Gebiet verwirklichten, das von Männern dominiert wurde, auch in der Rezension), ist nicht einfach nur lückenhaft.
Sie ist unwahr.
Radebeul, Dresden, Maxen und Hellerau waren Orte, an denen Frauen malten, schrieben, komponierten. Ihre Namen sollten nicht verschwinden. Das Vergessenwerden ist hier die eigentliche Peinlichkeit, funktioniert jedoch so lange, bis wir uns bewusst die Zeit nehmen, hinter den historischen Efeu zu schauen…

 

Volker Rönsch

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