Ein Interview mit Marie Dreßler, der jüngsten Mitwirkenden
Im reichhaltigen Veranstaltungsprogramm von „Radebeul liest“ entdeckte ich neben vielem anderen auch den Hinweis auf eine Veranstaltung am 14. März in der Kleingartensparte „Elblößnitz“, vis-à-vis vom Kaufland, die mein Interesse spontan weckte. Angekündigt wurde darin eine „preisgekrönte Dresdner Nachwuchsautorin“. Eine Recherche im Internet förderte tatsächlich zutage, dass Marie Dreßler nicht nur insgesamt dreimal den Lessing-Wettbewerb der Stadt Kamenz gewonnen hat, sondern sie sogar mehrfache Preisträgerin des Europäischen Literaturwettbewerbs ist, der alljährlich von der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz für Kinder und Jugendliche aus ganz Europa ausgerichtet wird. Kein Wunder, dass sie inzwischen auch beim Dresdner Emil-Verlag veröffentlicht, auf dessen Website Marie als „außergewöhnliches Schreibtalent“ bezeichnet wird. Freundlicherweise war Marie zu einem kurzen Gespräch im Umfeld der Lesung bereit, damit sie die Leser von „Vorschau & Rückblick“ kennenlernen können.
Marie, wann hast du angefangen zu schreiben?
Als ich in der 2. Klasse war, ist meine erste Geschichte entstanden. Aber eigentlich war das noch gar nichts „Richtiges“, denn ich habe das Buch, das ich damals las, einfach umgeschrieben und mich zur Protagonistin gemacht. In der 5. Klasse auf dem Gymnasium hatte ich dann später eine Deutschlehrerin, die mich gefördert und mir immer auch mal Zusatzaufgaben beim kreativen Schreiben gegeben hat. Zum Beispiel konnte ich freiwillig Märchen schreiben. Auf diese Weise habe ich das eigene Schreiben immer mehr vertieft.
Hast du Vorbilder, an denen du dein Schreiben ausrichtest, deren Texte dir Orientierung geben?
Ich glaube, ich bin immer davon beeinflusst, was ich gerade selbst auch lese. Wenn ich zum Beispiel ein Buch lese, in dem viele Dialoge vorkommen, dann habe ich auch selbst Lust, Dialoge zu schreiben. Es gibt natürlich einige Autorinnen und Autoren, die ich bewundere, Iris Wolff etwa, die sehr poetisch schreibt. Vieles fließt sicherlich unbewusst mit ein, aber es ist nicht so, dass ich konkret jemandem nacheifere.
Erzähle doch bitte darüber, wie bei dir Texte entstehen. Welche Bedingungen brauchst du dafür?
Wenn ich eine Idee für eine Geschichte habe, dann trage ich sie eine Weile mit mir herum und denke in unterschiedlichsten Situationen darüber nach, etwa auf dem Weg von der Schule nach Hause oder vor dem Einschlafen. Dabei entsteht so langsam ein Schreibplan. Am produktivsten bin ich in den Dämmerstunden, morgens oder abends. Die erste Fassung schreibe ich immer mit der Hand. Ich weiß zwar, dass es Autoren gibt, die sagen, wenn man gut ist, kann man immer schreiben, aber ich warte doch lieber auf einen Inspirationsschub.
Du schreibst noch mit der Hand?
Ja, dabei kann ich besser auf den Inhalt achten. Wenn man gleich auf dem PC schreibt, dann sieht es immer schon so fertig aus, aber das ist es ja noch gar nicht. Die zweite Fassung schreibe ich natürlich am PC, wobei ich mich da besonders auf den Ausdruck konzentriere, mit Sprache arbeite, was mir immer viel Spaß macht.
Was bedeutet dir das Schreiben an sich, was passiert da mit und in dir?
Ich habe schon sehr früh angefangen Tagebuch zu schreiben. Meine Geschichten sind oft in gewisser Weise verwandelte Tagebucheinträge, in denen ich Erlebnisse verarbeite und im Schreiben Distanz dazu gewinnen, sie verarbeiten kann. Das ist noch mal eine ganz andere Qualität der Auseinandersetzung mit den Dingen, mit denen ich konfrontiert bin. Ich versuche Bilder für etwas zu finden und gehe damit gleichzeitig auf Abstand zu dem, wofür die Bilder stehen. Und das tut mir gut.
Wenn ich das richtig verstehe, bist du 18 Jahre alt und machst gerade Abitur. Welche Rolle soll denn das Schreiben nach der Schulzeit einnehmen?
Das werde ich oft gefragt. Ich möchte es erst einmal so weitermachen wie bisher, also nebenbei schreiben, weil ich nicht den Druck haben möchte, etwas abliefern zu müssen, nur weil irgendetwas gerade im Trend ist. Und dann werde ich mal schauen, was sich daraus ergibt. Zunächst fange ich an zu studieren, Germanistik im Hauptfach und im Nebenfach Klassische Philologie an der TU Dresden. Aber natürlich ist es mein Traum, einmal als freiberufliche Autorin arbeiten zu können, wobei da auch viele glückliche Zufälle mitspielen müssen, damit das klappt.
Aus welchen Büchern liest du heute?
Ich habe zwei sehr unterschiedliche Bücher mitgebracht. Das eine ist schon ein paar Jahre alt und ist ein kleines Kinderbuch, es heißt „Zuhause“. Es bedeutet mir sehr viel, denn es ist mein erstes Buch und hat mir bewusst gemacht, wie komplex die Herstellung eines Buches ist, was es braucht, damit es gut wird. Zum Beispiel bin ich ganz glücklich darüber, dass eine Hamburger Künstlerin den Text so liebevoll illustriert hat. Das andere Buch „Spuren“ ist noch gar nicht veröffentlicht. Es besteht aus sechs einzelnen Erzählungen, die miteinander verwoben sind, nach und nach werden die Beziehungen zwischen den Figuren klar. Einige zentrale Ereignisse verbinden die Geschichten, werden von den einzelnen Protagonisten aber unterschiedlich wahrgenommen. Dieses Einnehmen verschiedener Blickwinkel fasziniert mich beim Schreiben. Zwischen der ersten und der sechsten Geschichte liegen 30 Jahre, aber der Protagonist Johannes ist derselbe.
Nun bist du ja heute hier bei einer Lesung vor gemischtem Publikum. Hast du damit schon Erfahrung?
Nein, noch nicht. Ich habe schon vor Kindergartenkindern und in Grundschulen gelesen, auch bei Schreibwettbewerben vor Gleichaltrigen, aber vor Erwachsenen noch nie. Vorlesen ist für mich grundsätzlich wichtig. Wenn ich etwas fertig habe, lese ich es immer zuerst meinen Meerschweinchen vor, die sehr gute Zuhörer sind (lacht).
Vielen Dank, Marie, für das Gespräch und viel Erfolg beim Abitur!
Bertram Kazmirowski



