Empathie
In jenen Jahren hoffnungsvollen Neubeginns hatte ich das Vergnügen, so manche Mittagsstunde in einer ebenso hoffnungsvollen Gastwirtschaft verträumen zu können. Während noch die Sonne die Hauswand wärmte, fand ich meist Tisch und Stuhl unterm Fenster an der Straße, zog sich der Himmel zu, gabs im Innern ein zu dieser Stunde stilles Plätzchen.
Für den Wirt begann erst der Tag, die Gäste fanden sich zögerlich ein, und oft genug hatten wir Beide eine schöne Stunde ruhigen Einvernehmens. Da gab dann ein Wort das andere – mehr als diese beiden brauchten wir nicht, eine stille aber heitere Freundschaft wachsen zu lassen. Unsere Haltungen allem Leben gegenüber waren ähnlich genug. So war er etwa, wie er mit einer Prise Selbstironie bemerkte, ganz stolz darauf, durch seine Fähigkeit, Zahlen im Kopf addieren zu können, mindestens schon einen halben Baum eingespart zu haben. Was brauchts da noch Worte …
Eines grauen Herbsttages aber saß, als ich kam, schon eine Dame am Tresen. Sie blätterte eifrig in Papieren und Prospekten, und wurde nicht müde, auf den armen Gastwirt einzureden, ohne freilich auf dessen zunehmende Einsilbigkeit zu reagieren.
Ganz dem Spiel der von Ewigkeit zu Ewigkeit hin aufsteigenden Gasbläschen in meinem Glase hingegeben, war ich doch recht bald im Bilde: Die Dame war hoffnungsvoll jung und voller Elan. Sie hatte Angebote zu unterbreiten, Vorschläge zu machen, Prospekte zu präsentieren, die wie die scheinbar aus dem Nichts aufsteigenden Bläschen in meinem Glas, aus ihrem wichtigen Koffer quollen. Ich hörte Worte wie … Einbruch … Quadratmeter … Diebstahl … Sicherheit … es ging also um Versicherungen. Die Vertreterin war offenbar neu im Geschäft und spürbar bemüht, das in der letzten Schulung Gelernte wortgetreu an den Gastwirt zu bringen.
Mein Freund konnte seine Sympathie zu dem Menschenkind nicht verhehlen. Ihre Jugend und ihr Eifer rührten ihn. Doch grad das brachte ihn zunehmend in Bedrängnis. Ich sah, daß er die Versicherung, die sie für ihn ausfüllte, nicht wollte. Und ich sah auch, wie er sich vor dem Moment der Offenbarung fürchtete. Er bereitete nicht gern Enttäuschungen, doch er wußte, es würde nicht ohne gehen.
Ja, sagte sie nun, da hätten wirs schon – sie erläuterte noch einmal kurz die Striche und Kreuze – Sie brauchen nur noch hier zu unterschreiben.
Der Wirt holte zwei Tassen Kaffee, schob die eine zu ihr hin und sagte, liebe Dame, sagte er, große Nationen sind an ihrem Sicherheitsbedürfnis zugrunde gegangen.
Sie war sprachlos. Ich spürte, daß er sie am liebsten väterlich-tröstend in den Arm genommen hätte. Aber sie brauchte nicht seinen Trost, sondern seine Unterschrift.
Als mein Stündlein schlug, saß sie noch immer wie verloren vor ihrem Kaffee.
Ich hab Sie ja bewundert, sagte ich im Hinausgehen zu meinem Freund, ich hätte nicht an Ihrer Stelle sein wollen.
Sie tut mir ja leid, sagte er, aber ich kann doch nicht aus lauter Mitgefühl jede Woche einen neuen Staubsauger kaufen …
Thomas Gerlach

