Wer im Vatikan in der Sixtinischen Kapelle steht, schaut gebannt nach oben und verliert sich in Michelangelos Weltenschöpfung. Wer sich hingegen bei den gegenwärtigen Sprit- und Flugpreisen nicht auf den Weg nach Rom machen möchte, kann einfach im Schloss Hoflößnitz in den Festsaal treten und dort ebenfalls den Kopf in den Nacken legen – kein Michelangelo, gewiss, aber ein echter Eckhout. Genauer gesagt: viele Eckhouts. Eine ganze Schar südamerikanischer Vögel, die seit dem 17. Jahrhundert über Sachsen kreist, ohne je müde zu werden.Ob ihr Schöpfer selbst ein „bunter Vogel“ war, verschweigen die Quellen höflich.
Albert Eckhout wird um 1607 in Groningen geboren und stirbt Ende 1665 oder Anfang 1666 auch dort – ein Leben, das geografisch im Kreis endet, aber einmal über den Atlantik und wieder zurückführt. Über seine Lehrjahre weiß man wenig; sicher ist nur, dass er zu gut malte, um ein Zufallstalent zu sein, und zu neugierig war, um brav im Atelier zu bleiben und Tulpen abzumalen. Dabei wäre das damals durchaus ein solides Geschäftsmodell gewesen: In den frühen 1630er Jahren wurden Tulpenzwiebeln so heiß gehandelt, dass einzelne Knollen den Wert eines Grachtenhauses erreichten. Eckhout war jung genug, um den Rausch mitzuerleben, und klug genug, sich nicht für eine angeblich nachtschwarze Zwiebel zu verschulden, die im Frühjahr dann doch nur gelb geblüht hätte.
Irgendwann beschließt er, dass die Welt größer ist als Holland – und dass er sie zeichnen möchte. In den 1630er Jahren reist er nach Nordostbrasilien, in das Herrschaftsgebiet des Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen, der aus dem Zuckerrohr nicht nur Rum, sondern auch Ruhm gewinnen wollte. Nassau-Siegen hatte früh verstanden, dass Kolonialmacht nicht nur aus Kanonen besteht, sondern auch aus Dokumentation: Man muss zeigen können, was man besitzt – und sei es auf Leinwand. Also holt er sich Eckhout als malenden Naturkundler und Ethnografen.
Eckhout streift fortan durch Mangrovensümpfe und Plantagen. Er porträtiert Menschen, Früchte, Pflanzen und Tiere in oft monumentalen, fast katalogartigen Bildern. Seine Vögel, die später in Radebeul an den Decken hängen, beginnen als Studien in einer Welt aus Hitze, Insekten und Regenwald. Mehr als tausend Skizzen, Zeichnungen und Ölgemälde entstehen. Der „Brasilianer“, wie man Graf Johann Moritz später nannte, hatte mit diesen Bildern noch anderes vor, als sie nur an die eigenen Wände zu hängen. 1652 verschenkte er einen ganzen Schwung Tropenstudien an seinen Vetter, den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Dessen Leibarzt Christian Mentzel machte daraus das mehrbändige Theatrum rerum naturalium Brasiliae – ein großformatiges Naturtheater auf Papier. Viele jener Vögel, die wir heute in Hoflößnitz sehen, treten dort bereits auf.
Die Tropen landeten schließlich als sieben dicke Folianten in der Preußischen Staatsbibliothek unter dem gelehrten Namen Libri Picturati A 32–38. Im Zweiten Weltkrieg ausgelagert, galten sie lange als verschollen – bis man Jahrzehnte später feststellte, dass sie keineswegs verschwunden, sondern lediglich nach Krakau „davongeflogen“ waren, in die Jagiellonische Bibliothek. Ein brasilianischer Farbtupfer auch als Zeichen des hoffentlich schlechten Gewissens im polnischen Bücherhimmel.
1644 kehrt Eckhout nach Holland zurück, bringt seine tropische Bilderbeute mit, heiratet, zieht nach Amersfoort – kurz: Er versucht, wieder ein sesshaftes Künstlerleben zu führen. Seine Brasilienbilder zirkulieren, werden gesammelt, verschenkt, bestaunt; ein großer Teil gelangt schließlich in das dänische Königshaus. Die berühmten Porträts und Stillleben hängen heute im Nationalmuseum in Kopenhagen, weitere Werke im Mauritshuis in Den Haag.
Doch 1653 ruft ihn ein neuer Auftrag: Der sächsische Kurfürst Johann Georg II. will ihn in Dresden haben. Wer Tropenbilder liefern kann, ist in einer Zeit, in der Wunderkammern boomen und Exotik zur Währung wird, ein gefragter Mann. Eckhout zieht nach Sachsen, arbeitet rund ein Jahrzehnt für den Hof und malt in dieser Zeit jene Deckenbilder mit brasilianischen Vögeln. Seine Skizzen und Ölstudien dienen ihm als Vorlagen, um in Sachsen Decken und Wände mit exotischer Fauna zu bevölkern. In Hoflößnitz verewigt er rund 80 brasilianische Vögel. Die Aktenlage zur Mitarbeit ist lückenhaft, aber die stilistische Einheit legt nahe, dass Eckhout selbst konzipiert und wohl auch den Löwenanteil der Ausführung übernommen hat.
Er malt die Vögel auf einzelne Leinwände und lässt sie dann mit Leisten an der Decke anbringen. Offensichtlich hatte er auch schon mal alleine eine Decke tapezieren müssen.
Einer der ersten Vögel, die den Blick fesseln, ist ein großer Papagei seitlich auf einem Ast: Kopf hell, fast weißlich, Körper in intensivem Scharlachrot, das nach unten in einen goldgelben Gürtel und schließlich in dunkle, blaugrünliche Flügel übergeht. Die langen Schwanzfedern beginnen rötlich und laufen in Rot- und Blautönen aus. Oben rechts steht in kräftigem Rot „ARARA“. Dieser Papagei ist nicht einfach ein Vogel – er ist eine kleine tropische Majestät, die damals über einem sächsischen Kurfürsten schwebte und heute noch so tut, als sei das die natürlichste Sache der Welt. Zwischen den lauten Stars der Decke gibt es leisere Gestalten: einen Vogel, den wir heute vermutlich als Ameisenwürger identifizieren würden – im tropischen Ökosystem der stille Angestellte, der die kleinen Dinge erledigt. Im Festsaal jedoch wirkt er fast wie ein kleiner Hochstapler, als hätte er sich, eigentlich ein Gärtner, in einen ballsaaltauglichen Smoking gezwängt. Eindrucksvoll auch ein einzelner Scharlachsichler im Hochformat, elegant und irgendwie ein wenig arrogant, auf zwei dünnen rosafarbenen Beinen über einem grün-braunen Uferhügel. Körper, Hals und Kopf leuchten in warmen Scharlach- und Lachsrosa-Tönen, am Flügel ein heller Bereich mit fast schwarzer Spitze. Der lange, sichelförmig nach unten gebogene Schnabel ist tief dunkel und kontrastiert mit dem hellen Kopf. Links oben steht in roten Großbuchstaben „GVARA“ (hab ich vergessen einzufügen, sorry).
Wer selbst mal zum Eckhout werden will, kann die Beschreibung nutzen, um die drei Bilder auszumalen:
Zeitgenössische Beschreibungen sprechen von „tropischen Pfauen“ und „brasilianischen Papageien“. Gemeint sind Trogone, Aras und andere spektakuläre Arten – alles, was bunt ist und einen halbwegs eindrucksvollen Schwanz trägt, wird zum „Pfau“, so wie alles Fremde schnell zum „Wunder“ wird, sobald es in der Nähe eines Throns auftaucht.
Ideengeschichtlich steckt hier ein größerer Anspruch: Der Saal inszeniert eine zweite Schöpfung. Gott hat die Vögel gemacht, aber der Kurfürst hat sie in seiner Kassettendecke sortiert. Der exotische Pfau braucht keinen Hof – der Hof braucht den Pfau, um sich selbst zu (v)erklären.
Alle diese Vögel existieren an der Saaldecke gleichzeitig als naturhistorische Notiz und als dekorative Kunst. Die Hoflößnitz ist aber keine gemalte Voliere: Auch in den kurfürstlichen Nebengemächern im Obergeschoss tauchen exotische Tiere, heimische Arten, Hunde, Weinranken und Blumen auf – höfische Selbstinszenierung im Bund mit Naturbeobachtung.
Ein Besuch im Schloss Hoflößnitz ist lehrreich, weil man schon in diesem einen Saal sehen kann, wie eng im 17. Jahrhundert Kunst, Naturkunde und Machtdemonstration ineinandergreifen. Und angenehm ist er außerdem, weil man nach all diesen Eindrücken unter den Kastanien im Hof noch entspannt einen guten Wein trinken kann. Also unbedingt mal wieder hingehen.
Volker Rönsch

