Glosse

Sklave des Systems?*

Neulich habe ich mal wieder in einer größeren sächsischen Stadt mit der Chefin eines Veranstaltungshauses geplaudert und mich mit ihr über die Probleme des gegenwärtigen Kulturbetriebes ausgetauscht. Neue Technik soll es da richten. Und so nutzen die Leute zwar das eingeführte elektronische Kartenbestellsystem, erzählte sie, aber, mal abgesehen von den ständig auftretenden technischen Pannen, lässt sich eine halbwegs aussagekräftige Besucherplanung damit eben nicht herzaubern. „Mitunter werden die Karten erst kurz vor Vorstellungsbeginn auf dem Weg zum Veranstaltungsort gebucht“, ließ mich die Frau wissen.
Also, langzeitige Planung war gestern! Kurzfristige Entscheidungen sind heutzutage angesagt. „Was weiß ich denn, was ich in einer halben Stunde mache und wo ich da überhaupt bin?“ Ja nicht festlegen, es könnte noch in allerletzter Sekunde ein Anruf über ein verlockenderes „Meeting“ geben. Immer auf dem Sprung! Immer am Ball! Nur nichts verpassen! Dran sein am neuesten Hit!
Natürlich gibt es auch die andere Sorte von Menschen. Unlängst erst scrollte ein neben mir sitzender Unbekannter kurz vor Beginn einer Show alle auf seinem Smartphone gespeicherten privaten Termine für das nächsten halben Jahres herunter und das auch noch seiner Begleiterin lautstark erklärend. Da wird er ganz schön zu tun haben, dachte ich mir. Dazwischenkommen – beispielsweise das Leben – darf da nichts.
Einerseits Planung bis ins Kleinste, andererseits Unverbindlichkeit und Egozentrik! Wie lässt sich da ein verlässliches Miteinander, ein gemeinsames Leben aufbauen? Immer mehr Menschen scheuen vor einer dauerhaften Beziehung zurück. Das Single-Dasein nimmt erschreckend überhand. Fast ein Drittel der Männer unter 30 Jahren wollen aus Bindungsangst allein bleiben, viele auch aus Existenzangst. Ist doch das Leben im Laufe der letzten 30/40 Jahren immer komplizierter geworden. Für alles und jedes gibt es Gesetze, Bestimmungen, Vorschriften, Verordnungen, Maßregeln, Instruktionen, Gebote, Hinweise, Ratgeber … In der Bundesrepublik – bezogen allein auf das Bundesrecht – existierten 2024 1.797 Gesetze und 2.866 Rechtsverordnungen mit insgesamt 96.876 Einzelnormen! Wer hier nicht durchdreht ist selber schuld.
Wie oft bin ich schon an der Bestellung einer Ware im Internet gescheitert, weil es an irgendeiner Stelle nicht weiter ging oder ich bei den vielen Zwischenschritten einen übersehen hatte. Dabei will ich mich nicht einmal über die vielen Nötigungen im Netz oder seitenlangen Fragebögen von Behörden auslassen.
Für Otto-Normalverbraucher ist das Leben einfach zu kompliziert geworden. Der immer stärkere Einsatz von Elektronik im Alltag spaltet auch deshalb die Gesellschaft, weil deren Handhabung angeblich permanent verbessert werden muss. Ständig muss ich wieder verlernen, was ich gerade begriffen habe! Nun ist es schon so weit gekommen, dass den Erwachsenen eine helfende Kraft, z.B. Schüler von Grund- und Mittelschulen, an die Seite gestellt werden muss, damit sie den Alltag bewältigen. Erst kürzlich war der gesamte Text meiner Webseite einfach verschwunden. Ich war völlig hilflos. Zum Glück hatte ich mir schon seit längerem einen Elektronik-Betreuer angelacht, der die Sache mit einem Handgriff erledigte. Er hat‘s mir erklärt: Ich hatte einfach zu wenig nach der Seite geschaut! Unglaublich! Bin ich jetzt schon Sklave des Systems?!
Neulich aber hatte ich doch noch eine kleine Freude erleben dürfen. So war ich zugegen, wie sich der Einlassdienst jenes anfänglich erwähnten Veranstaltungshauses mühte, das elektronische Kartenbestellsystem in den Griff zu bekommen, denn Eintrittskarten im klassischen Sinne gab es ja nicht mehr. Wer seinen Eintritt bezahlt hatte, bekam einen schlichten Kassenbon mit Scan-Code. Dieser wiederrum musste vom Einlass in ein Handy übertragen werden, damit zweifelslos nachgewiesen werden konnte, dass alle Besitzer von Karten auch in der Vorstellung saßen. Natürlich lief das alles andere als zügig ab, da mindestens die Hälfte der Besucher den Kauf ausschließlich über ihr Handy abgewickelt hatte. Über die Frage, wann, wo und unter welchem Begriff man die Daten gespeichert hatte, konnten quälende Minuten vergehen. Als sich letztendlich auch noch das Handy des Einlassdienstes „aufgehängt“ hatte, war die „Butter braun“ und die Besucher stauten sich bis vor die Tür. Da lob ich mir doch den Einlassdienst vergangener Tage, der die Karte entwertete und mir dazu noch ein freundliches Lächeln schenkte, meint

Euer Motzi

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