Ein Sorbenjüngling als Wahrzeichen eines Industrieortes

Radebeul und seine vergessenen slawischen Wurzeln

Wappen am Rathaus, Foto: S. Hennig

Ein heimatkundlicher Wandertag von uns Erstklässlern der Oberlößnitzer Schule führte uns im Frühjahr 1980 vor das Rathausgebäude. Unser Lehrer gab hier eine sozial-romantische Erbauungsgeschichte über ein kleines Mädchen zum Besten, dessen Hunger durch die milde Gabe eines Brotes gestillt wurde. Die Details der Geschichte habe ich vergessen. Möglicherweise wurde sie auch absichtsvoll unbestimmt gelassen. Jedenfalls war sie eindringlich erzählt. Kinder haben kein Interesse an Tatsachen, Zahlen und Urkunden. Geschichten und Bilder jedoch wirken stark auf sie ein. Sooft ich in Zukunft hier vorbeikam, nahm ich den kleinen Strolch für ein verwildertes Mädel. Von den slawischen Gottheiten Radegast, Svantovit und Perkun hatte ich zwar damals schon gehört, wäre aber im Traum nicht darauf gekommen, das langhaarige Mädel im Kleidchen damit in Verbindung zu bringen.

Gemeindesiegel Radebeul

Als inzwischen regelmäßigem Wanderer durchs benachbarte Böhmen, dem Herkunftsland einiger meiner Ahnen, sind mir Darstellungen von slawischen Gottheiten aufgefallen, die eine Verbindung zur Figur am Rathausgebäude nahelegen. Indem ich der Sache nachging, offenbarten sich weitere überraschende Bezüge, von denen dieser Artikel Auskunft gibt.

Faszikel Radebeul

Von der Hand des Direktors des sächsischen Hauptstaatsarchivs Woldemar Lippert (1861-1937) findet sich in einer Mappe im Sächsischen Hauptstaatsarchiv folgende Notiz: „Mitte Oktober erschienen bei mir die Herren Bürgermeister Werner und Studienrat Meyer aus Radebeul; Besprechung der Stadtwappenfrage; auf den vor einigen Jahrzehnten angenommenen Sorben verzichteten beide gern, die Unmöglichkeit der Verkörperung der vielseitigen

Wappenentwurf I, 1924

Radebeuler Industrie sahen sie auch ein.“ Lippert wiederholt diese Bemerkung in seinem Begleitschreiben zu den von ihm angeregten Wappenentwürfen vom 19. Januar 1925: „Selbstverständlich kam dabei das ebenso törichte wie geschmacklose letzte Siegelbild, das erst in den neunziger Jahren angenommen war, nicht in Betracht: der etwas wüst ausschauende Sorbenjüngling oder gar Sorbengott Radegast (!) musste gebührendermaßen in der Versenkung verschwinden.“

Wappentwurf II, endgültige Fassung

Doch dass der romantische Wildfang in Radebeul inzwischen längst verankert war, erfahren wir vom Stadtchronisten Adolf Schrut. Der kommt 1935 in einer heraldischen Studie mit der Überschrift „Wappen und Farben der Stadt Radebeul“ im General-Anzeiger für die Lößnitz noch einmal auf diese Personifikation Radebeuls zurück. „Als dann in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine Art

Radegast auf dem Radoscht

Slawomanie bei uns grassierte, in der man sich u.a. auch darin gefiel, alle unsere alten Dorfformen als ‚echt sorbisch-wendisch‘ zu kennzeichnen, da schuf sich Radebeul das sonderbare Siegelbild des ‚wilden Mannes‘ eines wüsten Gesellen in Fellkostüm, der wieder in Anlehnung an den Ortsnamen als der Gott Radegast der wendischen Mythologie […] ausgedeutet wurde.

Radobyl, Neidenburg

Der „Geschichtsschreiber der Lößnitz“, Moritz Lilie, schreibt 1892 in seiner „Chronik“ (Seite 18): „Nach der slawischen Gottheit Radegast oder Radihorst (!) soll auch Radebeul seinen Namen führen. Auf einem Hügel oder Bühel soll die Bildsäule dieses Hauptgötzen gestanden haben, der als jugendlich kräftiger Krieger mit kraushaarigen Kopf dargestellt war.“ Und weiter

Aula des heutigen Loessnitzgymnasiums Radegast

schreibt Lilie die wunderbaren Sätze: „Vermutlich hat das Dorf ursprünglich Radegastbühel (!) geheißen, das ist der dem Radegast geweihte Hügel.“ Als Gegengewicht zu diesem bombastischen Unsinn führt Lilie, wahrscheinlich in der leisen Empfindung desselben, den Ausspruch eines Kenners der slawischen Sprache, Doktor Leskien aus Leipzig, an, der Radebeul als deutsche Form eines öfter vorkommenden

Radegasz, Götzenbilder der alten Sachsen und Lausitzer. aus Saxonia. Museum für sächsische Vaterlandskunde 1835

slawischen Orts namens „Radobyl“ bezeichnet: „Noch heute gibt es ja einen Radobyl genannten Berg bei Leitmeritz in Böhmen. Leider hat der Siegelbildunsinn des Radegast auch in zwei Wappendarstellungen an öffentlichen Gebäuden, dem Rathause an der Adolf-Hitler-Straße und der Hans-Schemm-Schule, dem städtischen Realgymnasium seinen Niederschlag gefunden.“ Die Rede ist hier vom oben bereits erwähnten Radebeuler Rathaus, dessen Fassade heute noch mit der Gestalt des Naturburschen aus dem damaligen Amtssiegel verziert ist. Das Glasfenster mit demselben Motiv in der Aula des heutigen Lößnitzgymnasiums ist den öffentlichen Blicken etwas entzogen. Während längs der Eisenbahnlinie auf den Ackerflächen des Dorfes Radebeul die Schornsteine emporwuchsen

und Maschinen aufgestellt wurden, trennten sich die Gemeinderäte von der bislang gebräuchlichen volksetymologischen Darstellung eines Rades über einem liegenden Beil zugunsten des slawischen Götzen, der hier eher ein Götzlein war, mit dem bis zur Einführung des Stadtwappens im Jahr 1924 die Schriftstücke der Gemeinde gesiegelt wurden. Es war die letzte eigenständig getroffene heraldische Entscheidung der Radebeuler. Denn am 18. Oktober 1912 wurde für das Königreich Sachsen verfügt, dass „die Annahme eines neuen Siegelbildes oder die Abänderung eines solchen dem Ministerium des Inneren zur Genehmigung vorzulegen ist.“ Allerdings hatten sich die hiesigen romantischen Fantasten die von ihnen nach Sachsen fantasierten Heidengötter viel zierlicher vorgestellt als der über die drei Meter große Radegast, der 1931 auf dem Radoscht in den Beskiden aufgestellt wurde. Bis zur Stadterhebung, die Radebeul zur Führung eines neuen Wappens berechtigte, entfaltete sich Radebeuls wirtschaftliche Dynamik im Zeichen „eines wüsten Gesellen in Fellkostüm“.

Der Autor als wilder Mann, 1979

Der seit 2022 in Radebeul ansässige gemeinnützige Kulturverein Radobyl/Neidenburg e. V. ist 2022 hervorgegangen aus der Meißner Jugendkunstschule, die sich im Jahr 2010 aus den damaligen Dozenten der 1992 gegründeten Jugendkunstschule der Stadt und des Landkreises Meißen gebildet hatte. Der Verein widmet sich der Beschäftigung mit Kultur, Geschichte und Natur der vormaligen deutschen Ostgebiete sowie anderer Landschaften mit einstiger oder verbliebener deutscher Besiedlung in Europa und weltweit, zum fruchtbaren Umgang und der schöpferischen Zusammenarbeit mit den gegenwärtigen Bewohnern der vormals deutschen oder deutsch geprägten Städte, Dörfer und Landschaften. Das Signet des Vereins stellt den wilden Mann aus dem Wappen des ostpreußischen Neidenburg neben den Radegast vom Gemeindesiegel Radebeuls. Dabei wird für das heute zu Polen gehörende Nidzica der alte (deutsche) Name verwendet und für das deutsche Radebeul der mutmaßlich slawische Name, um dadurch die bedeutungsvolle und kulturell fruchtbare Verschränkung der deutschen und slawischen Stämme in Mitteleuropa anzudeuten.

Sebastian Hennig

 

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