Besuch bei alten Bekannten

Viele bedauern es, aber es ging nicht anders: Sachsens, wahrscheinlich sogar Deutschlands größte Puppentheatersammlung musste das Radebeuler Hohenhaus im Herbst 2003 verlassen. Seither ist die Sammlung von Marionetten, Stab- und Handpuppen sowie Bühnen aus zwei Jahrhunderten, die bekanntlich schon lange zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehört, in einem Seitenflügel der Garnisonskirche an der Stauffenbergallee im Dresdner Norden untergebracht und zurzeit leider nicht zu besichtigen.

Kasper ruft zur Ausstellung im Jägerhof (Foto K. Funke)
Kasper ruft zur Ausstellung im Jägerhof (Foto K. Funke)

Ein gutes Jahr lang war bis Ende Januar eine kleine Schau daraus im Dresdner Museum für Sächsische Volkskunst zu sehen. Weithin sichtbar saß ein langnasiger wetterfester Kasper vor dem 2. Stock des Jägerhofs, um auf sich bzw. die Ausstellung »Kasper – eine deutsche Karriere« aufmerksam zu machen. Wenn der Konservator der Sammlung, Lars Rebehn, erklärt: »Diese Sonder-Ausstellung zeigt nur ein Prozent des Bestandes«, dann kann man sich vorstellen, wie riesig die Sammlung insgesamt sein muss, etwa 100.000 Exponate, schätzt er. Das Gästebuch des Museums am Carolaplatz zeugt jedenfalls von der Begeisterung von Jung und Alt.

Gleich als erster Blickfang war der »subversive Kasper« in einer Art Blechkastenbühne zu sehen, der Hauptdarsteller der Berliner »Gruppe Zinnober«. Zu DDR-Zeiten brachte die Gruppe – in Anspielung auf den damals aktuellen Abenteuerfilm »Jäger des verlorenen Schatzes« – das Stück »Jäger des verlorenen Verstandes« als aktuelle Polit-Satire auf die Bühne. Ein Amateur-Video von damals belegt anhand der vielen Lacher aus dem Publikum, wie gut die Anspielungen verstanden wurden.

Blickfang Blechkasten (Foto K. Funke)

Auf Veranlassung des Dichters und Gelehrten Gottsched ließ die Theaterdirektorin von Leipzig, Caroline Neuber, 1737 die Harlekinfigur symbolisch auf der Bühne verbrennen, um deutlich zu machen: mit ihr ist es vorbei. Um diesen Skandal nachzuspielen, gestaltete Tilla Schmidt-Ziegler genau 200 Jahre später Handpuppen in Kostümen jener Zeit und ließ die Geschichte nachspielen unter dem trotzigen Titel: »Kasper stirbt nicht!«, was zumindest für die Puppenbühne gelten sollte und wohl nach wie vor gilt.

Marionetten Kasper der Familie Ritscher (Foto K. Funke)

Kasper und Co. gibt es in allen erdenklichen Materialien: Holz, Stoff, PVC und Pappmaché. Im 19. Jahrhundert war Holz vorherrschend, vor allem aus dem leicht zu bearbeitenden Lindenholz wurden die Köpfe geschnitzt. Der hierzulande berühmte »Hohnsteiner Kasper« – auch das erklärte die Ausstellung – entstammt der Wandervogel-Bewegung. Deshalb trat der Hohnsteiner Kasper ohne Knüppel auf und überzeugte den Gegner lieber mit Klugheit und moralischen Argumenten. Auch Seppel war dabei, der seinen Freund Kasper immer wieder in heikle Situationen brachte.

Gewöhnlich wird eine Marionette an sieben Fäden geführt, um alle wichtigen Bewegungen zu erzeugen. Beim Kasper waren es aber oft mehr, so dass man ihn auch die Augen rollen und die Kinnlade herunterklappen lassen konnte. Er war damit beweglicher als Prinzesssinnen und Räuber. »Die Führung von Marionetten ist eine Kunst für sich, denn sie sind schwer wie ein Eimer Wasser«, sagte die Museumsmitarbeiterin Frau Friedrich. Im Elbtal war neben Heinrich Apel vor allem die Familie Ritscher bekannt, die um 1930 zu den fleißigsten Gestaltern von Marionetten und Kaspern für Komödien gehörte.

Die Ausstellung ist vorbei (leider), nun wird im Jägerhof umgebaut. Ab Ende November 2010 soll aber die Kasper-Schau hier wieder zu sehen sein. Derweil wird in der Garnisonskirche gezählt, geschrieben, erfasst. Eine Art Volkszählung ist angesagt. Unter dem Namen »Daphne« läuft das Projekt. Alle Puppen und Bühnen werden fotografiert und im Computer registriert. Alle Kollegen helfen mit, auch die Restauratorin Ines Handel. Sie prüft den Zustand der wertvollen alten Puppen und beseitigt nach Möglichkeit die behebbaren Schäden, bevor die Objekte wieder eingewickelt und einsortiert werden. »Zu jeder Figur gibt es eine Geschichte«, erklärt Lars Rebehn. Wenn die bekannt ist, muss sie natürlich mit erfasst werden. Die älteste Puppe ist 220 Jahre alt. Ihr damaliger Besitzer, Franz-Anton Lorgis, soll sie dabei gehabt haben, als er anno 1798 im Schloss Pillnitz vor der königlichen Familie aufspielte.

»Es gibt in Deutschland noch fünf weitere große Puppentheatersammlungen«, sagt Museumsleiter Rebehn, »aber unsere Dokumentation wird einzigartig sein.« Das macht die Dresdner Sammlung so wertvoll. Leider kann sie derzeit nicht von jedermann besichtigt werden, was in Radebeul noch möglich war. Ab und zu gibt es aber auch öffentliche Depot-Vorführungen, so wahrscheinlich zur Dresdner Museumsnacht am 10. Juli und dann noch einmal im Herbst 2010 im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Puppenspiel in der Garnisonskirche«. Auf Anfrage werden zwar auch Führungen gemacht, jedoch momentan nur für Fachpublikum, Archivare, Studenten und Wissenschaftler.

Karin Funke

[V&R 3/2010, S. 13-15]

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