Coswiger Luther-Stein-Verwirrung

Am 31. Oktober jährte sich nun zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Martin Luther an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll.

Ehe das Luther-Jahr 2017 ganz zu Ende ist, möchte ich noch etwas Coswiger Lokalkolorit zum Thema beisteuern.

Die Sächsische Zeitung veröffentlichte in diesem Sommer einen interessanten Artikel zu Luther-Bäumen in Sachsen. Er war für mich sozusagen der Stein des Anstoßes, eine Recherche aus meiner früheren Stadtarchivarbeit zu vollenden und zu veröffentlichen.

Auf den ersten Blick kann Coswig gleich mit zwei Linden aufwarten, die zu Ehren Martin Luthers gepflanzt wurden. Die meisten Luther-Bäume Sachsens (überwiegend Eichen und Linden) wurden aus Anlass des 400. Geburtstages des bedeutenden Reformators gepflanzt, so auch ein Baum auf dem Friedhof an der Brockwitzer Kirche. Eine Marmortafel trägt die Inschrift: Dr. Martin Luther 1483 ? 1883. Außerdem ist sie mit stilisiertem Eichenlaub verziert. Da die Gedenktafel bisher an einer mächtigen Linde stand, die jedoch viel älter erscheint, kommt gleich doppelter Zweifel auf. Gehören Baum und Tafel wirklich zusammen?

Die Luther-Tafel auf dem Brockwitzer Friedhof 2017

Meine Betrachtung soll aber der Linde gelten, die in Sörnewitz vor dem Handwerkerhof in einer kleinen Grünanlage steht. Auf einem großen Gedenkstein ist zu lesen, dass diese Luther-Linde 1917 gepflanzt wurde. Vor 100 Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerten somit die Sörnewitzer an das 400. Jubiläum der Reformation! Das Denkmal aus Sandstein wurde allerdings erst 1956 anlässlich der 750-Jahr-Feier des Ortes neu gesetzt und feierlich eingeweiht. Und genau damit begann offensichtlich die Coswiger Luther-Stein-Verwirrung.

Einweihung des neuen Gedenksteines in Sörnewitz 1956
Foto: Archiv Museum Coswig

Durch Zufall erfuhr ich, dass vor der Grundschule Mitte bei deren Generalsanierung 2005/2006 ein Stein gefunden wurde, auf dem etwas von Luther und 1917 stand. Für den Stein, der erkennbar nichts mit der Schule zu tun haben konnte, wurde ein neuer Standort gesucht. Respekt vor dem Namen Luther und ein gutes Auge hatten die aufmerksamen Bauarbeiter anscheinend, denn sie bewahrten ihn vorm Bauschuttcontainer. Da Luther ja etwas mit Kirche zu tun hatte, fragte man den damaligen Pfarrer, ob er sich einen Platz für den Luther-Stein vorstellen könne. Er schlug den ehemaligen Friedhof an der Alten Kirche in Coswig vor. Da steht er noch heute – unscheinbar und seiner einstigen Funktion beraubt.

Der Luther-Stein auf dem ehemaligen Friedhof an der Alten Kirche 2008

Wie aber geriet ein Stein von 1917 zu Ehren Martin Luthers an eine erst Ende der 1970er Jahre erbaute ehemals sozialistische Schule, die auch nicht Luthers Namen trug, sondern den des ersten Ministerpräsidenten der DDR Otto Grotewohl? Das interessierte mich schon sehr. Aufklärung darüber konnte der ehemalige Hausmeister der Schule geben, der eine ziemlich abenteuerliche Geschichte zu berichten wusste.

1980 sollte die 8. Oberschule Coswig Grotewohls Namen verliehen bekommen. Der damalige Direktor hatte die Idee, auf einem Stein eine Tafel mit dem neuen Schulnamen anzubringen. Dieser könnte dann feierlich enthüllt werden. Immerhin würde bei der Namensgebung der Sohn Otto Grotewohls anwesend sein. Man beschloss, einen passenden Stein zu organisieren – aber woher nehmen? Die Gedankenkette Stein – Steinbruch – Bosel wurde in die Tat umgesetzt, ein Auto und kräftige Männer organisiert. Bei Dämmerung machte man sich auf, um in besagtem Steinbruch nach einem geeigneten Stein Ausschau zu halten. Nach kurzer Zeit schien er schon gefunden, als brauchbar erachtet und an die Schule transportiert. Bei Tage besehen, entdeckte man jedoch eine dünne Inschrift im Granit: Luther-Linde gepfl. 1917. Nun war guter Rat teuer. Da sich der Stein außerdem als zu klein für den langen Namen des Namengebers erwies, wurde die Stein-Idee ganz verworfen.

Fazit der Aktion: Der mühsam beschaffte Stein wurde, um sich den Rücktransport zu sparen, neben den Haupteingang der Schule gestellt – mit der verräterischen Inschrift nach hinten. Dort blieb er quasi als unfreiwilliges Gestaltungselement unbeachtet bis zur Sanierung der Schule stehen.

Der Luther-Stein vor der damaligen Otto-Grotewohl-Oberschule um 1980
Foto: Archiv Museum Coswig

Blieb nur noch die Frage zu klären, wie der Stein mit solch einer Beschriftung in den Steinbruch gelangte? Die Vermutung liegt nahe, dass er bis zum Jahr 1956 auf die Luther-Linde in Sörnewitz aufmerksam machte. Die Aufstellung des größeren Gedenksteines mit der besser lesbaren Inschrift machte ihn überflüssig. Und so wurde er wohl ganz pragmatisch entsorgt: Stein zu Stein, also in den nahegelegenen Bosel-Steinbruch gebracht. Höchstwahrscheinlich kam er einst auch daher. Dort würde er noch heute vergessen liegen und von Grün überwuchert sein, wenn nicht vor 37 Jahren eine Coswiger Schule einen Namen erhalten sollte …

Eine Frage habe ich dann doch noch: Wäre es nicht schön, den alten Brauch wieder aufzunehmen, und anlässlich des nun 500. Reformationsjubiläums eine Linde in Coswig zu pflanzen? Ein Stein mit Tradition wäre ja bereits da!

Petra Hamann

Ein herzliches Dankeschön an alle, die zur Coswiger Luther-Stein-Entwirrung beitrugen. Besonders sei dem Coswiger Stadtarchiv, dem Karrasburg Museum Coswig und vor allem Herrn Rath mit seinem Insiderwissen gedankt.

Quellen
Sächsische Zeitung vom 8./9. Juli 2017, Schulgeschichte von Coswig, herausgegeben von Karrasburg Museum Coswig, 2005, Coswig in Sachsen, Sutton-Verlag, 2000

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