Veränderungen gestalten in Zeiten des Wandels

Die katholische Gemeinde in Radebeul geht in einer größeren gemeindlichen Struktur auf

Dietrich Lohse hatte in seinem Beitrag im Heft 12/2017 darauf aufmerksam gemacht, dass im Oktober 2017 auf dem Grundstück der katholischen Kirche auf der Borstraße in Radebeul ein den Kirchbau überragendes Kreuz aufgestellt wurde, das die Wahrnehmbarkeit des Gotteshauses in der Öffentlichkeit seither verbessert haben dürfte. Denn tatsächlich war der 2001 geweihte moderne Bau für Ortsfremde bis dato nicht ohne Weiteres als sakraler Bau erkennbar gewesen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die eindeutige Markierung als Kirche ausgerechnet zu einer Zeit wirksam wird, in der die Bedeutung dieses Bauwerkes als Ortskirche und Zentrum der Radebeuler Christus König-Gemeinde einer bedeutenden Veränderung unterworfen ist. Insofern kann man das aufgestellt Kreuz auch als Zeichen einer Selbstbehauptung in einem Wandlungsprozess sehen, mit dem nicht nur die Radebeuler, sondern alle Katholiken im Bistum Dresden-Meißen seit 2013 konfrontiert sind. Was hat es damit auf sich?
Kurz gefasst sieht sich die katholische Kirche in ganz Deutschland gezwungen, auf den seit Jahren eklatanten Mangel an Priesternachwuchs (und in strukturschwachen Gebieten auch auf das Schrumpfen der Zahl an Gemeindemitgliedern) zu reagieren. Für die Radebeuler Katholiken bedeutete dies ganz konkret, dass seit dem Weggang des letzten Pfarrers im August 2015 kein eigener Seelsorger mehr vor Ort ist und somit das seit 1927 als Sitz eines festen Pfarrers fungierende, später lange auch eine als Gottesdienstraum genutzte Kapelle beherbergende Haus (das heutige Gemeindezentrum) einer wichtigen Aufgabe beraubt wurde. Denn ganz zweifellos ist die zuverlässige Präsenz eines Geistlichen am Ort eine zentrale Komponente im gemeindlichen Leben und eigentlich unentbehrlich für das gedeihliche und vertrauensvolle Miteinander zwischen einem Pfarrer und den Gemeindemitgliedern. Wie geht die Radebeuler Gemeinde mit dieser Situation um, welche Veränderungen sind geschehen und stehen noch an? Die wichtigste davon betrifft einen Prozess, der 2013 durch den damaligen Bischof Heiner Koch initiiert und inzwischen auch durch seinen Nachfolger Heinrich Timmerevers weiter verfolgt wird: benachbarte Gemeinden im Bistum müssen sich in sogenannten „Verantwortungsgemeinschaften“ zusammenfinden und das pastorale Leben gemeinsam neu gestalten. Dies ist ein für alle Beteiligten herausfordernder Prozess. Über Jahrzehnte etablierte Gewohnheiten (Gottesdienstzeiten) und Gewissheiten (Eigenständigkeit bei gemeindlichen Entscheidungen, feste Termine im Jahreskalender, Treffs von Gruppen und Kreisen etc.) standen bzw. stehen auf dem Prüfstand und müssen den neuen Bedingungen angepasst werden. Ganz konkret ist die Radebeuler Gemeinde zusammen mit denen in Coswig, Weinböhla, Meißen, Wilsdruff, Lommatzsch und Nossen (!) eine Verantwortungsgemeinschaft eingegangen, die aktuell nur noch zwei hauptamtliche Pfarrer mit Sitz in Coswig bzw. Meißen und einen Kaplan mit Sitz ebenfalls in Meißen aufweist.

Repro: B. Kazmirowski;

Hinzu kommen gegenwärtig noch zwei Gemeindereferentinnen in Coswig und Radebeul und eine Praktikantin. Das sind – angesichts einer konstant hohen Mitgliederzahl in Radebeul von ca. 1400 und etwa 4900 in der gesamten Verantwortungsgemeinschaft – sehr begrenzte personelle Ressourcen für eine so große Zahl an Gläubigen auf einer so ausgedehnten Fläche, die ein recht aktives Gemeindeleben pflegten und weiter pflegen wollen. Und die Vorgaben des Bistums sind nicht gerade ermutigend: bis 2025 sollen es nur noch zwei Priester und eine Gemeindereferentin sein. Abgesehen von den logistisch-organisatorischen Herausforderungen auf Seiten der Hauptamtlichen (Fahrwege, Absicherung von Präsenzen zu Anlässen wie Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Vorbereitung von Erstkommunionen und Firmungen, geistlichen Gesprächen etc.) gilt es für die Katholiken im Gebiet auch eine gemeinsame Identität über die bisherigen Gemeindegrenzen hinweg zu entwickeln. Und das ist sicherlich der schwerste Teil auf dem eingeschlagenen Weg, denn zwischen Radebeul und bspw. Nossen und Lommatzsch gab es in der Vergangenheit keinerlei Berührungspunkte, dazu sind die Orte in ihrer regionalen Ausrichtung und bevölkerungsspezifischen Zusammensetzung zu verschieden. Vertreter aus allen Ortsgemeinden und Hauptamtliche haben – unterstützt von einem aus der Kirchenverwaltung entsandten Prozessberater – in den letzten Monaten über die nächsten Schritte beraten und entschieden, dass im Juni 2018 eine neue Pfarrei mit einem neuen Namen gegründet werden soll. Allerdings wird der neue Name so neu nicht sein, denn vorgesehen ist, den Namen „St. Benno“ der bisher eigenständigen Meißner Gemeinde als Namen für die neue Großpfarrei zu nehmen. Diese Entscheidung hat Sinn, denn der Hl. Benno ist für die gesamte Region von überragender Bedeutung, wie nicht zuletzt die gut besuchte Ausstellung im Meißner Dom im letzten Jahr (Ein Schatz nicht von GOLD. Benno von Meißen – Sachsens erster Heiliger) gezeigt hat. Damit werden alle anderen sechs Kirchen in der Region sogenannte Filialkirchen werden, die allerdings ihren bekannten Namen behalten. Bereits in den letzten Monaten sind erste praktische Schritte erfolgt, mit denen die Idee des übergemeindlichen Ansatzes in die Tat umgesetzt wird. So haben sich etwa die Chöre aus Radebeul, Coswig und Weinböhla zusammengetan und werden künftig als ein Chor auftreten. Und am Morgen des Ostermontags trafen sich die Radebeuler Katholiken am Schloss Wackerbarth, um beim sogenannten „Emmausgang“ nach Coswig die biblische Erzählung, an die zu jenem Tag erinnert wird, im tatsächlichen Vollzug zu vergegenwärtigen.
Auch wenn für die meisten Leser von „Vorschau & Rückblick“ diese innerkirchlichen Veränderungen keine persönliche Bedeutung haben, so halte ich das Wissen darum dennoch für wichtig. Denn Kirchen und christliche Gemeinden sind Teil unserer unmittelbar erfahrbaren Kultur und bieten geistliche Heimat für viele Menschen. Und vielleicht sind es gerade Ihr netter Nachbar oder Ihre freundliche Nachbarin, die von diesen Veränderungen direkt betroffen sind.
Bertram Kazmirowski

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