Rathausbau anno 1892-1894

Am Rathaus der ehemaligen Gemeinde Niederlößnitz wird schon einige Zeit gebaut, und ein Ende der Arbeiten ist noch nicht abzusehen. Nun konnte man kürzlich in der Sächsischen Zeitung lesen, daß auch am Dachstuhl noch erhebliche Mängel zu beheben sind. Dazu sei rund eine Million erforderlich, und eine Million sei bereits investiert. Dabei kam mir die Frage, was wohl der Neubau einst gekostet haben mag. Das müßte doch in einer Akte zu finden sein. Aber – kaum’ zu glauben eine Akte „Rathausbau“ fand sich nicht, dafür brachte ein Aktenstück „Königsplatz“ die Lösung – denn sie enthielt die gesuchten Angaben zum Bau, und natürlich zum Baugelände. Schon seit 1890 hatte man sich im Gemeinderat mit der Frage beschäftigt, ob man ein Rathaus bauen solle oder nicht, denn es gab Für und Wider abzuwägen; auch die Einwohner trugen nicht unwesentlich dazu bei, daß im Januar 1892 endlich der Beschluß dafür gefaßt wurde. Über das geeignete Baugelände war man sich schneller einig geworden, und hatte im Oktober 1891 verschiedene Flurstücke (am späteren Königsplatz) von dem Dresdner Stadtrat Herrn Liebe, käuflich erworben – zum Preis von nur 7988,- Mark. Das war pro Quadratmeter der Baustelle je 3,- Mark, und 0,65 M für den Platz. Auf das am 25.August 1892 eingereichte Baugesuch folgte am 17. September die Genehmigung der vom Baumeister Neumann in Niederlößnitz vorgelegten Pläne. Dieser führte den Bau auch aus. Die Grundsteinlegung konnte schließlich am 2. Juni 1894 stattfinden. In die Kapsel wurde unter anderem eine Stiftungsurkunde eingelegt, und der Gemeindevorstand, Herr Herz, führte in seiner kurzen Rede aus: „…ich glaube, es ist hier der beste Ort, alles, was wir gegen den Rathausbau hatten, mit hineinzugraben in den Grundstein“. Seine drei Hammerschläge begleitete er mit den Worten: „Grundstein halte aus, Friede sei im Haus! Wohlergehen blühe fort, Segen unserem Ort!“. Nachdem auch alle Gemeinderatsmitglieder ihre guten Wünsche mit Hammerschlägen bekräftigt hatten, beschloß man diese einfache Feier. – Schon wenige Wochen später, am 15. August 1894, berichtet die Kötzschenbrodaer Zeitung von der „Hebefeier“ (dem Richtfest), bei der der Zimmererpolier, Herr Reck, die Festrede hielt, und alle Anwesenden das Innere des Hauses (so weit möglich) besichtigen konnten. Mit Musik begaben sich dann alle zum „Heiteren Blick“, wo ein geselliges Beisamensein das Fest beendete. In den ersten Monaten des Jahres 1895 wurde der „höchst geschmackvolle Bau” (wie die Zeitung schreibt) fertig, so daß die Geschäftsräume am 1. April in Benutzung genommen werden konnten, gemäß Beschluß ohne große Feier.
Soviel zur Baugeschichte. Und die Kosten? Wie hoch waren sie? Aus den vielen Posten hier nur einige: der Rohbau 41415,- M, die Heizungsanlage 2849,- M, Tischler und Glaserarbeiten 3567,- M, Malerarbeiten 1 971,- M, die Badeinrichtung 270,- M, elektrische Beleuchtung 1 110,- M, die Turmuhr 700,-M usw., gesamt 57 724,- M. Dazu kamen weitere 11 511,-M für Mobiliar, Straßenbau und Platzanlage vor dem Rathaus. Da man aber die erste Etage für jährlich 1020,- M, die zweite Etage für 300,- M und die Räume im Souterrain für 120,- M vermietete, konnten die für das aufgenommene Darlehen zu zahlenden Zinsen zum großen Teil damit gedeckt werden. – Freilich war damit noch nicht alles geschafft. Der „Königsplatz“ sollte durch gärtnerische Anlagen gestaltet werden. Den Auftrag erhielt der Gärtnereibesitzer Gustav Pietzsch in Oberlößnitz. Es mußten aber erst viele Furen Muttererde aufgebracht werden, ehe Herr Pietzsch seine wohl durchdachte Anlage verwirklichen konnte. Seine Bedingung war, das ganze mit einem Zaun zu um geben, damit die Pflanzen sich ungestört entwickeln konnten. In späteren Jahren fand hier die vom Gemeinnützigen Verein veranstalteten „Promenadenkonzerte“ statt, die sich großer Beliebtheit erfreuten, Auf Anregung der Bevölkerung wurden 15 Bänke aufgestellt, die aus einem Legat des Herrn Direktor Brunn in Niederlößnitz bezahlt wurden, Das Bild zeigt uns den Königsplatz mit dem Rathaus um 1899. Mächtige Bäume sind aus den damals jungen Stämmchen geworden, und manche Veränderung wurde im Laufe der bei nah 100 Jahre vorgenommen, ebenso wie das Haus seit 1943 an deren Zwecken dienen mußte. Wenn es nun bald wieder unter einem festen Dach sicher auf sei nem alten Grundstein stehen wird, ist das allen an der Wiederherstellung des Hauses Beteiligten zu danken.

Lieselotte Schließer

 

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