Denkmalschutz – Denkmalpflege

„Guter Rat ist teuer“

villa-borstr-lohse_8-2000Was hat Niederlößnitz mit Paris gemeinsam? Gute Frage, wohl nicht allzu viel – Breitengrad, erste Erwähnung, Einwohnerzahl, Sprache –alles Fehlanzeige. Da hat neulich wieder einmal ein Gegenstand mein Interesse geweckt, der sich nacheinander an beiden Orten befunden haben soll.Auf der Südseite der Villa Borstraße 27 befindet sich u.a. eine Loggia mit Balkon, die auffallend kunstvoll gearbeitet, aber auch in einem besonders schlechtem Zustand ist. Wenn man Glück hat, kann man sie von der Meißner Straße aus sehen. Die Villa entstand durch An- und Umbauten aus einem kleineren Winzerhäuschen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Emil Hildebrandt, Teilhaber der Dresdner Firma Kelle & Hildebrandt, zog um 1895 nach Niederlößnitz, nachdem er das Anwesen zwischen Bor- und Meißner Straße vorher erworben hatte. Aus vorherigem Sommersitz war, wie in vielen vergleichbaren Fällen, ein dauerhafter Altersruhesitz geworden. Die Niedersedlitzer Firma Kelle & Hildebrandt beschäftigte sich in den frühen Jahren mit Eisenguss und Stahlbau (z.B. Schleusen- und Schachtdeckel sowie Gaslaternen) und spezialisierte sich später auf Brückenbau und Bühnentechnik. Nach 1945 wurde die Firma enteignet und u.a. die Gießereianlagen demontiert. Der verstaatliche Betrieb VEB Sächsischer Stahl-und Brückenbau baute z.B. 1984 die umfangreiche, neue Bühnentechnik für die Semperoper.
Auf der Weltausstellung von 1889 in Paris war Deutschland offiziell nicht vertreten, offensichtlich eine Reaktion auf den deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Einzelnen Firmen aus Deutschland war aber die Teilnahme an der Weltausstellung nicht verwehrt. So auch nicht der Firma Kelle & Hildebrandt, die eigens dafür eine kunstvolle Loggia mit Balkon entworfen und gebaut hatte. Nach der Überlieferung durch Nachkommen der Familie Hildebrandt wurde das Schaustück in Paris ausgestellt – ein exakter Nachweis durch Abbildung oder Katalog steht noch aus.
Neben dem mit seinen 300 m Höhe alles überragenden Eiffelturm hatte es also offenbar noch eine Reihe anderer Beispiele für den Umgang mit dem modernen Material Stahl gegeben. Bei unserem Balkon war neben den üppigen gründerzeitlich-neobarocken Formen das Besondere die Kombination verschiedener Metalle, wie Stahl, Eisenguss, Zink und Bronze, ohne dass es zu elektrostatischen Spannungen und langfristig zu Zerstörungserscheinungen einzelner Teile kommen sollte. U.a. wurde das so gelöst, dass zwischen Stahl/ Guß und Zink ein nicht sichtbares Brett eingefügt wurde.
Im Übrigen war 1889 der Eiffelturm unter den Franzosen stark umstritten. Er verschandele die schöne Stadt meinte u.a. der bekannte Schriftsteller Guy de Maupassant.  Dennoch ist er schon bald zum Wahrzeichen der Seine-Metropole geworden. Sicherlich wurde der Balkon auf dem Vorläufer der EXPO bewundert, aber bald stellten sich Probleme ein. So ließ sich das gute Stück weder in Paris noch zurück gekehrt in Dresden verkaufen. Der Preis zum einen und die stilistische Eigenart zum anderen dürften die Gründe gewesen sein. Emil Hildebrandt entschloss sich schließlich, Loggia und Balkon seinem Haus in Niederlößnitz anzufügen, obwohl hier schon Balkone vorhanden gewesen sein dürften und stilistisch die mit Schmuck überladene Konstruktion das Haus nun prägte. Über zwischenzeitliche Reparaturen ist nichts bekannt geworden.
Loggia und Balkon überdauerten fast 100 Jahre. Gravierende Probleme tauchten in den 70- er und 80-er Jahren auf, als das Haus staatlich verwaltet wurde und oft nur das Nötigste, und das war nicht unser Balkon, repariert werden konnte. Als man sich schließlich Ende der 80-er Jahre zu einer Reparatur entschließen wollte, erkannte man bald, dass dazu auch umfangreiche Neuanfertigungen einzelner Teile gehört hätten – die Kosten hätte die damalige Gebäudewirtschaft nicht übernehmen wollen. Rost griff um sich und vernichtete filigranes Ast- und Blattwerk, einzelne herabgefallene Teile konnten im Haus eingelagert werden, andere wurden Opfer der nun nicht mehr aufzuhaltenden Prozesse .Heute bietet sich ein Bild des Jammers und der Zerstörung – Loggia und Balkon sind längst nicht mehr benutzbar. Unter heutigen Bedingungen wäre eine restauratorische Instandsetzung einschließlich Ergänzung fehlender Teile keinesfalls unter 100.000 DM zu realisieren. Eine Summe, die auch für private Eigentümer unerschwinglich wäre, weil auch einige andere Werterhaltungsmaßnahmen an der als Kulturdenkmal erfassten Villa anstehen könnten.
Sicherlich sind die Arbeiten am Balkon als denkmalpflegerische Mehraufwendungen zu deklarieren und man würde versuchen, Denkmal-Fördermittel zu erlangen, eine Sicherheit auf Erhalt gibt es aber nicht. Ein anderer Weg wäre es, eine Stiftung zu finden, die sich an einer solch speziellen Aufgabe finanziell beteiligen könnte …
Heute eine Spezialfirma für diese Arbeiten zu finden, ist sicher leichter als 1989. Aber das Geld zu beschaffen(selbst bei Möglichkeit einer Förderung wird immer ein Eigenkapital des Eigentümers vorausgesetzt),  das letzten Endes in keinem Verhältnis zum Nutzen des Gebrauchsgegenstandes Balkon steht, ist der Knackpunkt. Also doch: Guter Rat ist teuer!  Nachdem die z.Zt. laufende Eigentumsfrage geklärt ist, wird man die anspruchsvolle Aufgabe systematisch angehen müssen, wenn man diese einmalige handwerklich-künstlerische Meisterleistung noch retten will. Man muss eine Dokumentation des Bestandes anlegen, einen planmäßigen Rückbau einleiten, Zeichnungen für den Wiederaufbau anfertigen, Sicherungen an der tragenden Konstruktion vornehmen und schließlich alle Zierelemente ein- und anfügen. Vielleicht muss man aber auch erkennen, dass es bereits „5 nach 12“ ist und diese Aufgabe an der Frage der Zumutbarkeit scheitert.
Aber ehe es so weit ist, sollten wir uns doch ein wenig anstrengen, für diese nicht alltägliche Aufgabe der Denkmalpflege noch eine praktikable Lösung mit dem Eigentümer zu finden.
Dietrich Lohse

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