Wie war das mit dem „Karlshof“? –

Spurensuche zu einem verschwundenen Anwesen auf Zitzschewiger Flur

Beim Kramen in diversen Bildbeständen blieb neulich mein Blick an einem alten Foto von Hellmuth Sparbert aus den 60er Jahren hängen, das den „Karlshof“, Mittlere Bergstraße 101, noch in bewohntem Zustand zeigt. Als in Radebeul-Ost Aufgewachsener bin ich eher selten bis ans andere Ende der Stadt gekommen, so dass ich zum „Karlshof“ und der Tatsache, dass er im letzten Jahrzehnt der DDR verschwand, nicht viel wusste. Manches an dem Vorgang erscheint aus heutiger Sicht ungewöhnlich, ja mysteriös, ein Grund mehr für mich, mit der Spurensuche zu beginnen. Ich ging ins Stadtarchiv, ergänzte und sortierte Bildmaterial, notierte die Eigentümerfolge und befragte Bekannte und Nachbarn des „Karlshofes“, sofern sie mit mir sprechen wollten. Mir wurde bald klar, dass das Anwesen weder baukünstlerisch noch geschichtlich von überragender Bedeutung war und dass Pragmatiker sagen werden: was weg ist, ist weg und erledigt. Trotzdem blieb ich an dem Thema dran, vielleicht auch um den Nachgeborenen den „Strauß Fakten“ zu bündeln, der heute noch greifbar ist!

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»Karlshof«, 1964

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Stich, um 1875

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Fotografie, um 1910

Am Anfang ein paar Jahreszahlen und Namen: der Besitznachweis im Archiv (Curt Reuter) beginnt 1790 mit Advokat Schaden aus Dresden, der westlich vom eingeschossigen Wohnhaus 1810 ein Nebengebäude errichten ließ. Die Zeit vor 1790 bleibt im Dunkeln, also auch der Bau des Wohnhauses, das den Charakter eines Winzerhauses gehabt haben dürfte. Ab 1832 besitzt das Grundstück mit Weinberg Johann Gottlieb Wölfer, der bereits 1835 alles an Carl Wiegand verkauft. 1843 erwirbt das Anwesen der Kaufmann Rudolf Thienemann (damals auch Besitzer des „Hohenhauses“) und verkauft es 1845 an Friedrich Wilhelm Kämpfe. Aber schon 1847 kauft der Arzt Dr. Albert Müller das Grundstück, zu dem jetzt Baum- und Rosenkulturen sowie Gewächshäuser gehören. Er gibt dem Anwesen den Namen „Karlshof“ zu Ehren seines Schwiegersohnes Carlo Chiapone und restauriert 1851 das Wohngebäude. 1853 wird als neuer Eigentümer Carl Gottlob Wackwitz genannt, der den „Karlshof“ 1858 an Johann Karl Wackwitz weitergibt. 1876 ist Constantin Klopffer Besitzer und lässt dem Wohnhaus ein Geschoss aufsetzen. Das zweigeschossige Haus hat jetzt ein Mansarddach, wie es die künstlerische Darstellung um 1875 zeigt. Auf dem früheren Weinberg wird nun eine Spargelplantage betrieben. Der folgende Eigentümer, G. von Beschwitz, veranlasst 1894 eine erneute Instandsetzung des Hauses sowie den Turmbau mit hoher Spitze und einen eingeschossigen östlichen Anbau. Damit erhält das Haus Villencharakter. 1897 besitzen Minna von Beschwitz und Ulrike Lehrbaß das Anwesen und verkaufen dieses 1910 Robert Sturm, der es seinerseits 1918 an Elise von Haugwitz (ab 1927 verwitwet) abgibt. 1917 wird zur Behebung von Wohnraumnot das Dachgeschoss in ein Satteldach mit südlichem Risalit geändert. 1941 werden die von-Haugwitz-Erben, die Schwestern Bertha (14.12.1882 – 22.07.1967) und Marie (19.07.1887 – 26.03.1967) als Eigentümer genannt. Das Adelsgeschlecht derer von Haugwitz tritt sowohl in Preußen mit hohen Offizieren und einem Minister als auch in Sachsen mit Landadel (u.a. Schloss Langburkersdorf bei Neustadt) in Erscheinung, soll aber hier, obwohl sie das Anwesen die längste Zeit besaßen, nicht näher untersucht werden. Die Eigentümerinnen des „Karlshofes“ führten als Adlige ein eher zurückgezogenes Leben, besonders in den Jahren nach 1945. Der hohe Turm muss wohl am Ende des 2. Weltkrieges von der heranrückenden Roten Armee beschossen worden sein, denn Bertha und Marie von Haugwitz stellten 1948 einen Bauantrag zur Reparatur von Sturm- und Beschussschäden, wofür in wirtschaftlich schwerer Zeit schließlich doch 900 Dachziegel bewilligt worden waren. Auf dem Sparbert-Foto von 1964 ist der Turm niedriger und mit Ziegeln eingedeckt zu erkennen. Meine frühere Kollegin in der Denkmalschutzbehörde, Ingrid Zschaler, erinnert sich an eine Begehung des „Karlshofes“ etwa Mitte der 70er Jahre zur Prüfung möglicher Denkmaleigenschaften des Anwesens – in der Kreisdenkmalliste von 1979 taucht aber die Adresse Mittlere Bergstraße 101 nicht auf, d.h., der „Karlshof“ hatte den Status Denkmal nicht erhalten.
Nein, ein Schloss war das Anwesen nie, eher ein Witwensitz für adlige Damen. Nach dem 2. Weltkrieg und bis zum Schluss mussten Mieter aufgenommen werden, wohl auch aus ökonomischen Gründen. Ob Bertha und Marie von Haugwitz einen Beruf ausgeübt hatten, war nicht zu ermitteln, wohl eher nicht. So könnten aber noch Erträge durch landwirtschaftliche Nutzung auf Flurstück 177/ Zitzschewig, z.B. mit Obst oder Gemüse, erzielt haben. Mit zunehmendem Alter der Schwestern dürfte es aber immer schwerer gewesen sein, sich „über Wasser“ zu halten. Im DDR-Alltag spielte ja Adel, abgesehen von berühmten Ausnahmen wie Manfred von Ardenne, kaum eine Rolle, so dass sie ein Außenseiterdasein führten. Mir wurde von zwei Seiten erzählt, dass die Kinder der Umgebung, auch aus Neucoswig, sich gern in Park und Garten tummelten, Äpfel klauten und den „feinen Damen“ Streiche spielten und sie ärgerten. Nach dem Tod der beiden Schwestern, die auf dem Friedhof an der Johanneskapelle begraben wurden, blieb das Haus bis etwa 1979 weiter von Mietern bewohnt, vermutlich staatlich verwaltet verfiel es zusehends. Eine vom Rat der Stadt Radebeul 1971 vorgeschlagene Übernahme des Gebäudes und Sanierung zu Betriebswohnungen für den VEB Glasinvest kam nicht zustande. Ab 1980 – um diese Zeit brannte es im Dachstuhl – stand das Haus leer. Die Frage, wann genau und warum es gebrannt hatte, konnte nie geklärt werden (auch die heutige Feuerwehr konnte rückblickend nicht helfen). Die von den adligen Damen bewohnten Räume wurden nicht wie in Erbfällen üblich von Verwandten offiziell beräumt. Lange noch standen und lagen Möbel, Bilder, Bücher und Hausrat, darunter auch schöne und wertvolle Stücke, rum und machten später einen verwüsteten Eindruck – wer davon etwas mitgenommen haben sollte, hat wohl tatsächlich etwas vor der Vernichtung gerettet! Anfang der 80er Jahre habe das zur Ruine neigende Haus dann eine russische Pioniereinheit gesprengt. In wessen Auftrag das geschah, konnte auch nicht geklärt werden, bekannt war aber, dass die GPG „Talkenberger Hof“ (gärtnerische Produktionsgenossenschaft) Interesse an der Nutzung des Geländes hatte.
Heute ist auf der östlichen Teilfläche eine gewerbliche Nutzung, hinter der die Straße begleitenden, alten Natursteinmauer erkennt man die Reste des ehemaligen Parks: eine Rosskastanie, Eiche, Schwarzkiefer und Lärche. Gebäude, Toranlage, Wege und ein Springbrunnen fehlen, dafür ist üppiger Wildwuchs von Robinie, Brombeere und Goldrute entstanden. In vergangenen Zeiten war der „Karlshof“ eine Landmarke für Reisende, die von Neucoswig kamen, ein adliger Wohnsitz mit angeschlossener landwirtschaftlicher Fläche, vielleicht auch eine Idylle in der Lößnitz – all das ist vorbei, der Versuch einer Wiederholung wäre Illusion!
Mich wundert nur, dass das Ödland „Karlshof“ scheinbar keinem gehört, die Schwestern hatten keine Kinder, aber wären nicht andere Verwandte aus dem von-Haugwitz-Stammbaum erbberechtigt gewesen? Des Öfteren musste ich mich in der Möglichkeitsform ausdrücken und ein paar Fragen unbeantwortet lassen – vielleicht kann mir von den Lesern jemand die genauen Daten des Brandes und des späteren Abbruchs mitteilen, das würde mich freuen. Ich hoffe dennoch, dass ich dem geschichtlichen Bild des „Karlshofes“ ein paar Konturen geben konnte, die eine plastischere Vorstellung des verschwundenen Anwesens ermöglichen.

Herzlich bedanken will ich mich bei den Damen des Radebeuler Stadtarchivs, bei Frau Elisabeth Aust, Frau Heike Funke, Frau Ingrid Zschaler, Herrn Karl Adam, Herrn Dr. Gerald Heres, Herrn Gerd Peschel und Herrn Reiner Roßberg – ich hoffe, dass ich keinen meiner Gesprächspartner vergessen habe.

Dietrich Lohse

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Ein Kommentar

  1. von Niebelschütz
    Veröffentlicht am Mo, 6. Okt. 2014 um 14:05 | Permanenter Link

    Sehr geehrter Herr Lohse, vielen Dank für ihre Mühe. Ernst Constantin Klopfer war der Ur-urgrossvater meiner Mannes. Er heiratete Henriette Neubert ( Tochter des Hofapotheker aus Leipzig),der Erbauer der Talutanlage auf dem Krapenberg. So langsam fügt sich das Puzzle zusammen. Herzliche Grüsse Friederike von Niebelschütz

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