Laudatio zur Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka

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Reinhard Zabka erhält den Kuinstpreis von OB Wendsche Foto: M. Förster

Sehr geehrter Herr Wendsche, lieber Herr Zabka, liebe Frau Zabka,
sehr geehrte Festgäste, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

ich danke für die Ehre, anlässlich der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka eine Laudatio sprechen zu dürfen. Meine kurze Rede besteht aus drei Teilen.
1. Das Museum
1980 kauft Zabka eine alte Landarbeiterkate in Babe, einem Dorf im abgeschiedenen brandenburgischen Rhinluch. In diesem Künstlerhaus „erträumt“ er das Lügenmuseum als eine Wunderkammer mit skurrilen Objekten, die wie ein kleiner Wanderzirkus auf Wagen und Schlitten umherziehen.
1990 ist das Lügenmuseum dann tatsächlich in der Welt. Und heute ist es hier in Radebeul- Serkowitz.
Das Lügenmuseum spielt mit Wahrheit und Täuschung in einer Welt der Illusion. Eine Besucherin hat das Lügenmuseum einmal als „Wunderhaus“ bezeichnet. Die Kunst- und Wunderkammer des 17./18. Jahrhunderts mit Gefundenem aus aller Welt und aller Zeit ersteht hier immer wieder neu. Alles ist zum Staunen: Ungesehenes, Unerhörtes, Nie Gekanntes. Menschengemachtes und Naturalien werden zu hintersinnig-sinnigen oder auch sinnfreien Objekten, die sich bewegen, die Geräusche und Klänge von sich geben, die leuchten, blinken und funkeln, die rattern, ruckeln, zuckeln oder leise klingeln, wie eigensinnige Wesen oder von solchen bewohnte Gehäuse.
Das ist schon außergewöhnlich und vor allem: erfrischend und inspirierend. Insofern war der brandenburgische Museumsverband immer stolz auf „sein“ Lügenmuseum in Gantikow: Als 1995 dem Verbandsvorstand der Aufnahmeantrag vorgelegt wurde, in dem es hieß: Emma von Hohenbüssow, 122 Jahre alt – ein Abbild zeigte ein italienisches Zwerghuhn – beantragt die Mitgliedschaft für das von ihr 1884 gegründete Lügenmuseum. Da sprang der Leiter des Potsdamer Naturkundemuseums auf: „Hühner können keine 122 Jahre alt werden!“ Schallendes Gelächter, die Aufnahme in die Museumscommunity war besiegelt. Wir haben es nie bereut, sondern im Gegenteil immer Freude an unserem Mitglied Lügenmuseum gehabt. Denn wir brauchen solche Museen, die mit Leichtigkeit Gedanken und Gefühle freisetzen und Neugier wecken.

2. Wanderschaft
Die Wanderschaft zieht sich wie ein Roter Faden durch die Biografie des Lügenmuseums.
In Babe 1990 gegründet, zog es sieben Jahre später nach Gantikow und wiederum 14 Jahre später nach Radebeul. Traut man der mathematischen Reihe, wird es hier wohl 28 Jahre lang bleiben und dann weiterwandern.
Die Wanderschaft wohnt auch den Kunstwerken selbst inne: Oftmals sind es mobile Objekte, auch Reiseattribute wie Koffer, Wanderapotheken oder Wanderschuhe (Fontane!). Sie erzählen Geschichten von glücklichen Überfahrten oder Schiffbrüchen, wie Märchenerzähler unserer Lebensreise. Eine wundersame Form nehmen sie als begehbare Labyrinthe an. Labyrinthe leiten durch Irrungen und Wirrungen zur Mitte. Als ich 2009 das „Labyrinth der Wende“ in der St.-Marien-Kirche in Frankfurt/Oder sah, das Zabka zusammen mit anderen Künstlern gebaut hatte, war ich wie bezaubert. Aus banalen Obstkistenbrettern und Palettenholz (rosa angestrichen, Brandschutzfarbe!) hatte er ein fragiles Gebilde geschaffen, das wie selbstverständlich durch das Kirchenschiff mäanderte und den Fluss der flanierenden Menschen begleitete. Auch den Dachboden des kleinen Stadtmuseums in Eberswalde verwandelte er 1989 zeitweise in ein Labyrinth der Erinnerung: Die Menschen waren fasziniert. Diese Labyrinthe existieren nur für kurze Zeit. Unter offenem Himmel gehen sie schließlich furios in Flammen auf. Werden und Vergehen.
Die Wanderschaft prägt auch das Leben des Künstlers Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow: geboren 1950 in Erfurt als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen, entwickelt er sich ab 1968 schnell zum Oppositionellen. Seine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt: Er darf Erfurt nicht verlassen, muss sich wöchentlich bei der Polizei melden. Die Bewegung der evangelischen Kirche von unten bietet zeitweise Heimat, auch Freunde, mit denen er eine fiktive Kommune gründet. Er will ausreisen, aber sein Ausreiseantrag wird abgelehnt. Er verlegt seinen Wandertrieb in Kopf und Hand und beginnt zu malen. Zieht 1976 nach Berlin und teilt sich mit seinem künstlerischen Freund Albrecht Hillemann ein Atelier, sie experimentieren mit Siebdruck und bauen Skulpturen aus Fundsachen. Seit Mitte der 80er Jahre geht es los mit Straßenfesten, Straßenkunstaktionen, illegalen Veranstaltungen. Zabka hat nun sein eigenes Atelier, er macht mit beim Bödikerclub im Friedrichshain, gründet den „Club ohne Raum“, entwickelt sich zum subversiven Kunstjudoka. Während einer kurzen Zeit als Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR beteiligt er sich – mit anderen randständigen Künstlern – an einer Bezirkskunstausstellung am Alexanderplatz, und an weiteren Ausstellungen in Berlin, Dresden und Frankfurt/Oder. 1985 nimmt er an einer Personalausstellung  teil, die vom Evangelischen Kunstdienst organisiert wird, und stellt im Treppenhaus des Berliner Doms seine Installation „Götzen – Ismen – Fetische“ auf. 35.000 Besucher sehen das. Wenn er sich am Ende der DDR an Ausstellungen beteiligen durfte, dann nicht, weil die Staatsvertreter liberaler wurden, sondern weil sie die Übersicht verloren hatten,  wie ein Beobachter einmal feststellte. Sie merkten, dass seine Kunst subversiv war, konnten aber das Subversive darin nicht richtig dingfest machen.
Nach 1989 kann er endlich zum Weltkünstler werden, der er eigentlich immer schon war.
Die lange erträumte Reise nach Bali ist die Initialzündung für seine nunmehr globalen Aktivitäten. Von seinem Basislager Lügenmuseum aus zieht er durch die Welt. Er stellt in Indonesien, Thailand, Burma, Italien, Frankreich und auf den Philippinen aus und veranstaltet dort gemeinsam mit lokalen Künstlern soziale Kunstaktionen im öffentlichen Raum. Inspirationen aus anderen Weltgegenden bringt er nach Deutschland zurück, zum Beispiel auf den Neumarkt in Dresden, wo sich im vergangenen Sommer zum ersten Mal die „WuKaMenta“ niederließ, eine künstlerische Interaktion mit Menschen im öffentlichen Raum.

3. Das Ziel der Reise
Zabkas Kunst kreist um Menschheitsthemen: das Rätsel, das Geheimnis, die Erinnerung, die Illusionen des Lebens und die Beseeltheit der Welt, und nicht zuletzt die Heiterkeit, die Freude.
Kürzlich konnte ich das live verfolgen. Zabkas Installationen waren zu Besuch im Berliner Martin-Gropius-Bau (Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“). Ich habe die Besucher im Gropius-Bau beobachtet. Sie bildeten in der betreffenden Raumecke einen kleinen Pulk, schauten, staunten, lächelten, hielten inne. Hielten lange inne. Hielten sehr lange inne. Sie zeigten alle Merkmale konzentrierter Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit der Betrachter als das Ziel des Museums.
Die künstlerische Reise führt am Ende in den Geist und in das Herz der Betrachtenden.
Und da kommen Sie an. Dafür danke ich Ihnen, Herr Zabka, und ich gratuliere Ihnen herzlich zu  Ihrer heutigen Ehrung.  (gekürzte Fassung)

Susanne Köstering
Radebeul, am 15. 10. 2016

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