Zwischen Welten

Grafische Malerei von Anne-K. Pinkert in der Stadtgalerie

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘ …“ (Marx, Das Kapital)

Der Eröffnungssatz des Kapital ist in den hundertfünfzig Jahren seit seinem Erscheinen stets von allen übersehen worden. Es geht nämlich aus ihm hervor, daß andere Gesellschaften, andere Welten ganz anderen Reichtum haben: Reichtum des Geistes etwa, Reichtum des Herzens oder der Seele.

Anne K. Pinkert »Beschwörendes Gespräch«, 2000, Lithographie


Es ist eine Art von Reichtum, wie ihn Anne-Katrin Pinkert in unserer Welt vergeblich sucht. Deshalb findet sie auch, wie sie selbst sagt, kein Zuhause auf dieser Erde, auf der alles, was es gibt, der Boden unter den Füßen, das Licht der Sonne, das Wasser, die Luft und selbst der Platz, auf den ein Menschenkind sein Haupt bettet, längst zur Ware erklärt wurde. Die Welt ist aufgeteilt, ist fortgegeben, wie Schiller es ausdrückte, der Kaufmann nahm, was seine Speicher fassen und für die Künstlerin blieb mal eben noch im Himmel ein gelegentliches Plätzchen frei.

Und dieser Himmel ists, der Annes Seele mit diesem anderen Reichtum füllt, der nun in klaren Farben aus ihr herausdrängt. Es ist, als wolle die Farbfülle das Unbehagen vergessen machen, das Fremdsein auslöschen, das die Malerin für die Welt und in ihr empfindet. Dennoch ist es da, und Anne hat auch nicht vor, es zu verleugnen: zu genau kennt sie aus ihrer therapeutischen Arbeit die Abgründe des Lebens. So froh die Farben scheinen, sie künden keine heile Welt. Nein, es sind Prophetien die zeigen, wie die Welt vielleicht gemeint war, bevor Händler und Diebe sie verhökerten. Es sind Anklänge an Reichtümer von Gesellschaften, die nicht dem Tanz ums Goldene Kalb verfallen waren und die von uns, die wir uns für die Besseren halten, obwohl wir nur die scheinbar Stärkeren sind, von der Erde getilgt wurden.
Anne sucht ihre Bilder nicht, sie findet sie. Wenn sie ins Atelier kommt, sind die Bilder schon da. Still liegen sie auf den Papieren und harren ihrer Entdeckung. Und wenn die Malerin dann mit Kreide oder farbigen Tuschen die Konturen abfragt, die etwa beim Aufkleben oder Befeuchten entstanden sind, da treten sie plötzlich hervor, da zeigen sie sich. Wenn ich die Bilder nicht sehe, sagt Anne, kann ich nicht malen.

Anne K. Pinkert »Zufriedensein«, 2016, Mischtechnik


Da ist dann das leere Blatt nichts als eine weiße Fläche, als trüge es die Ödnis der Welt. Es folgen zähe, bildlose Stunden, bis der erste Vulkan sich wieder zeigt, seine Gluten in den leuchtenden Himmel schleudert und mit seinem Ausbruch erneuten Raum schafft für Noahs gerettete Lebenswelt und Frauen zu tanzen beginnen bevor sie wieder eintauchen in die Vielfalt der Schöpfung.

Anne hat auf der Burg in Halle-Giebichenstein Malerei und Grafik studiert und konnte zwischenzeitlich sogar ein Semester bei Elke Hopfe an der HfBK in Dresden einschieben. Ihrem Diplom in Halle hat Anne dann in Dresden ein Aufbaustudium für Kunsttherapie angeschlossen, das es ihr bis heute ermöglicht, ihren Neigungen entsprechend und unabhängig von der Kunst ihren Alltag zu bestreiten.

In den grafischen Werkstätten hat Anne ihre Liebe zum Steindruck entdeckt. Ihre Lithographien zum finnischen Nationalepos Kalevala waren Bestandteil ihrer im Jahr 2000 angefertigten Diplomarbeit.

In dieser Ausstellung markieren sie den Beginn des Reifeprozesses einer Künstlerin, der auch nach siebzehn Jahren noch nicht abgeschlossen sein kann. Sie sind vom spannungsreichen Geschehen des Mythos geprägt und von der hier artikulierten Sehnsucht nach Aussöhnung der Geschöpfe untereinander und mit der Welt. Diese Sehnsucht ist das eigentliche Thema aller dieser Arbeiten.

Was bedeutet nun aber, hören wir die Besucherin fragen, der Fisch, der die Frau küßt?

Die Antwort ist denkbar einfach: er bedeutet den Fisch, der die Frau küßt in einer Gesellschaft, in der weder Frau noch Fisch Gefahr laufen, zur Ware erklärt zu werden. Für mich ist er Ausdruck der Sehnsucht nach einer Welt, in der mehr und anderes im Mittelpunkt steht, als eine ungeheure Warensammlung.

Thomas Gerlach

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