Ein neuer, stiller Brunnen in Oberlößnitz

»Bilz-Denkmal« an der Kreuzung Augustusweg und Eduard-Bilz-Straße

»Bilz-Denkmal« an der Kreuzung Augustusweg und Eduard-Bilz-Straße Foto: D. Lohse

Der Schnittpunkt der heutigen Straßen Augustusweg und Eduard-Bilz-Straße weitet sich etwas, so dass hier ein kleiner Platz entstanden ist. Die längste Zeit war er namenlos, zwischen 1908 und 1919 nannten ihn die Oberlößnitzer aber Königsplatz (in Erinnerung an den Besuch und festlichen Empfang des sächsischen Königs Friedrich August III 1908 an dieser Stelle) und nun soll der Platz Bilzplatz heißen und an den ehemals hier wirkenden Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz erinnern.
Gestaltungen hatte dieser Platz schon in den verschiedensten Formen. Die Gebr. Ziller erlagen 1871 dem allgemeinen Siegestaumel (Deutschland hatte gerade Frankreich besiegt) und errichteten hier auf einem gemauerten Plateau eine Viktoria, gemeint die Siegesgöttin, also eine Siegessäule. Wie viele um diese Zeit in Radebeul aufgestellte Verschönerungselemente (Figuren, Tiere oder Vasen) soll auch die Viktoria samt Säule aus der Produktion der Charlottenburger (heute Berlin) Manufaktur Otto March gestammt haben. Man darf den Zillers durchaus unterstellen, dass sie sich mit dieser Verschönerung auch bessere Verkäufe der Villen in der Sophienstraße (heute Eduard-Bilz-Straße) erhofften. Die Viktoria wurde beschädigt und baufällig, so dass sie 1907 abgetragen werden musste. Damit liegt der Abbau deutlich vor 1919, als dann das Abkommen von Versailles den Deutschen den Abbau von Siegessäulen zum Krieg von 1870/71 vorschrieb. Nach og. Königsbesuch erfolgte die nächste Platzumgestaltung: ein runder Springbrunnen umgeben von halbhohem Grün durch einen oben mit Bögen verzierten Eisenzaun eingefriedet. Ich gehe davon aus, dass nach 1945 keine Fontäne mehr funktionierte und das Brunnenbecken mit Erde gefüllt und, wenn es die Stadtkasse zuließ, auch mit Blumen bepflanzt wurde. An dieses Bild erinnere ich mich, weil es eine Zeit lang an meinem Schulweg lag. So um das Jahr 2000 hatte dann der Bilz-Bund die spontane Idee den verödeten Platz mit einem Gedenkstein für F. E. Bilz zu bereichern. Leider hatte dieser Stein die Form eines Grabsteins und ich musste mehrmals Radebeulern und interessierten Touristen erklären: nein, hier wurde Bilz nicht begraben! Die Planung der Neugestaltung des Platzes von 2015 verzichtet auf diesen Stein, wofür ich dankbar bin.
Ehe wir die einzelnen Gestaltungselemente betrachten, möchte ich darstellen, dass diese erneute Umgestaltung auf einem „breiten Fundament“ steht. Selbstverständlich ist die Stadtverwaltung als Grundstücksbesitzer zentral beteiligt, hinzu kommt der „Verein für Denkmalpflege und neues Bauen“, der sich auch an anderen Stellen Radebeuls, so zB. am Fontäneplatz (Dr.-Schmincke-Allee), für ältere Platzgestaltungen engagiert hatte, der Bilz-Bund und schließlich auch einige Bürger, die in der Nähe des Platzes wohnen, und sich finanziell beteiligten, so dass sie nun mit Fug und Recht von „ihrem Platz“ sprechen dürfen. Die Gesamtkosten beliefen sich um 100 000 €. Die Anlage wurde Mitte Juni 2017 feierlich eröffnet.
Die neue Gestaltung nun knüpft hier und da an ältere Ideen der wechselvollen Platzgeschichte an ohne das Alte kopieren zu wollen – das ist ein Ballanceakt, der mir aber letzten Endes geglückt zu sein scheint. Da ist die Idee, am Halbrund des Grundrisses des Platzes festzuhalten, hinzu kommt die Höhendominante (Figur auf Säule), die zugleich Blickfang ist, wenn man die Eduard-Bilz-Straße heraufkommt und schließlich die Einbeziehung von Wasser in die Gestaltung. Was ist nun aber anders? Das äußere Halbrund hat mit dem stillen Wasserbecken in der Mitte eine Erwiderung der Form bekommen. Die weibliche Figur auf der glatten, „nicht korinthischen“ Säule will keine Viktoria, die über wen auch immer gesiegt zu haben glaubt, sein, sondern sie will eher an Bilz erinnern, der in seiner Werbung für das Sanatorium eine junge Dame bemüht hatte, die die Bewegung an der frischen Luft (erinnernd an den Bilz’schen Dreiklang. Licht, Luft, Wasser) darstellte. Dass diese nun mehr als zwei Arme hat, ist der künstlerischen Freiheit des Berliner Künstlers Roland Fuhrmann geschuldet, der so und mit Lichtreflexen auf dem glänzenden Metall Bewegung darstellen will. An ein anatomisches Wunder oder eine Missgeburt muss man nicht denken! Die landschaftsgärtnerische Gestaltung stammt von Dr. Grit Heinrich, in Radebeul keine Unbekannte mehr. Und wie ist das Wasser neu eingebunden? Ein von Sandstein gebildetes flaches (kleine Kinder dürften nicht ertrinken) Becken wird von einem oberen Überlauf gespeist und tritt am unteren Rand wieder aus – die Brunnengestaltung entspricht so dem natürlichen Gefälle des Geländes und strahlt Ruhe aus, die eventuell vorbeikommende Wanderer von zwei Sandsteinbänken aus erleben können, wenn sie wollen. Je ein dem Halbrund folgender Heckenstreifen grenzt die Ruhebänke vom mäßigen Verkehr auf der Eduard-Bilz-Straße ab. Der Bilz-Bund hat sich noch mit einer besonderen Idee, einem Trinkbrunnen, eingebracht.

Detail der Skulptur

Detail der Skulptur Foto: D. Lohse

Hier kann per Knopfdruck an einer kleinen Sandsteinsäule eine bestimmte Menge sauberes Wasser empfangen werden. Wahrscheinlich wollte man „mit der Zeit gehen“ und hat mit der Bilz-Gedenktafel ein elektronische System gekoppelt, wo man sein eigenes Smartphone (so man eins hat) anschließen und die ganze Bilzgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen abhören kann. An der Stelle hätte man vielleicht sparen können. Aber alles andere der Neugestaltung finde ich gut gelungen und soweit ich beim Vorbeigehen oder –fahren feststellen konnte, wird es auch von anderen gern angenommen.
Diese konzertierte Maßnahme hat etwas durchaus Neues, Modernes und Vorzeigbares hervorgebracht, das das Sprichwort – viele Köche verderben den Brei – ad absurdum führt. Und nun kann Radebeul-West wieder fragen: und wann kriegen wir so was Schönes? Ja, es könnte vielleicht einmal der Rosa-Luxemburg-Platz oder auch der Ziller-Platz werden.
Dietrich Lohse

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