Über den Tellerrand geblickt

Besuch eines technischen Denkmals der sächsischen Eisenbahngeschichte in Oberau

Bild: Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Companie, Transpress-Verlag Berlin, 1981


Der Begriff Tellerrand ist hier bezogen auf den Wirkungskreis unserer Vorschau, also die Orte Moritzburg, Radebeul, Cossebaude und Coswig, gelegentlich noch Radeburg und Weinböhla, Orte, wo die Vorschau ausgelegt und gelesen wird, bzw. wo unsere Themen angesiedelt sind. Wird das über-den-Tellerrand-Schauen eine Ausnahme bleiben, wenn ich Oberau besuche, das drei Dörfer hinter Weinböhla liegt? Vielleicht wäre auch ein Blick auf das Wasserschloss Oberau interessant gewesen, aber dieses Thema kann man besser darstellen, wenn es etwas Neues zur Sanierung desselben zu berichten gibt.

Bild: D. Lohse


An Oberau vorbei führen die wichtigen Eisenbahnstrecken Dresden – Leipzig und Dresden – Berlin ein paar Kilometer als parallele Linien mit wenig Abstand bis sie sich dann trennen. Die ältere Leipziger Strecke wurde 1839 fertiggestellt und war damit die erste deutsche Fernbahnstrecke – die allererste Strecke Nürnberg – Fürth (1835) war ja nur wenige Kilometer lang. Ob einen Tunnel zwischen Oberau und Gröbern zu bauen, ein Wunsch des sächsischen Königs Friedrich August II war, oder ob die Ingenieure der Leipziger Strecke einen besonderen technischen Kick verleihen wollten, wage ich nicht zu entscheiden. Der 1838 begonnene Tunnel durch einen eher unspektakulären Hügel wurde schließlich 513m lang. Die wesentliche Arbeit verrichteten über 600 Bergleute aus Freiberg, indem auf der Tunnelachse zunächst vier senkrechte Schächte abgetäuft wurden, von denen dann in der Tiefe waagerechte Strecken vorgetrieben wurden, bis der Tunnel durchgängig war. Anschließend wurde die Tunnelwölbung mit Sandsteinquadern ausgekleidet. Die beiden Tunnelöffnungen erhielten gestaltete Portale, jedes mit zwei auf gesetzten Pylonen. Am 7. April 1839 wurde die zunächst eingleisige Strecke (Platz für das 2. Gleis wurde vorbereitet und 1840 realisiert) der Leipzig-Dresdner-Eisenbahngesellschaft, einem Privatunternehmen, feierlich mit der dampfbetriebenen Lok „Saxonia“ und teils offenen und geschlossenen Wagen eröffnet. Zunächst bestand auf der Ostseite des Tunnels sogar ein Bahnhof, der Bahnhof Oberau. Er lag auf der Böschung und hatte Treppen bis zu den Gleisen. Diese ungünstige Lage führte aber schon bald zur Aufgabe dieses Bahnhofs. Aus heutiger Sicht würde man an der Stelle sicherlich keinen Tunnel bauen, für damalige Verhältnisse aber sollte man im Tunnelbau eine beachtliche technische Leistung, wenn nicht gar eine Sensation erkennen. Die Züge zwischen Dresden und Leipzig und umgekehrt rollten fast 100 Jahre nach Fahrplan durch den Oberauer Tunnel. Dann traten erste Probleme auf, als sich einzelne Steine aus der inneren Ausmauerung lösten, die Loks und Wagen größer geworden waren und deshalb neue Bauvorschriften zum Lichtraumprofil für Eisenbahntunnel beschlossen wurden, nach denen der Oberauer Tunnel nun zu eng wäre. Ab 1933 wurde die Durchfahrt gesperrt und der Tunnel abgebaut, wobei 360 000m³ Gestein zu bewegen waren.

Die Jahreszahl 1933 klingt nach einem politischen Zusammenhang, was aber durch die og. sachlichen Gründe ausgeschlossen werden kann. Ab Oktober 1934 fuhren die Eisenbahnzüge wieder planmäßig, jedoch nun in einem Geländedurchstich unter freiem Himmel. Nach 1945 musste dann eine Spur der Bahnstrecke im Zuge von Reparationsleistungen gegenüber der damaligen Sowjetunion abgebaut werden. Die volle Zweispurigkeit der Strecke konnte erst in den späten 60er Jahren wiederhergestellt werden. Seit 1970 bestand dann die Möglichkeit die Bahnstrecke Dresden-Leipzig mit von Elektro-Loks gezogenen Zügen zu befahren. Immer wenn ich mit einem Zug auf dieser Strecke durch den Einschnitt gefahren war, dachte ich an die Geschichte des verschwundenen Oberauer Tunnels und hatte mir vorgenommen, einmal den ehemaligen Tunnel zu besuchen, also als Fußgänger über die Brücke (Straße von Gröbern nach Radeburg) zu laufen und das Tunneldenkmal genauer anzuschauen. Ja, auf der Nordböschung des Einschnitts steht etwa in der Mitte der Tunnellänge ein beim Abbruch des Tunnels geborgener alter Pylon von einer der Einfahrten. Das Denkmal (in der Denkmalliste des Landkreises Meißen verzeichnet) mit von der Bahn aus sichtbarem großen Sachsenwappen im Sockel, was ich erstmals am Ostersonnabend sah, erinnert sowohl an den ursprünglichen Tunnel als auch an den Abbruch desselben 1933/34. Wer sich für sächsische Eisenbahngeschichte interessiert, kennt die Fakten und Hintergründe des Oberauer Tunnels natürlich, dem Rest der Radebeuler sei der geschilderte Ausflug nach Oberau durchaus empfohlen. Auf der besagten Brücke über dem Einschnitt stehend, wird man aber leider vergebens auf die Durchfahrt der alten Lok „Saxonia“ von Andreas Schubert warten!

Dietrich Lohse

Quellen:
1. Werte unserer Heimat „Lößnitz u. Moritzburger Teichlandschaft“, Bd. 22, Akademie Verlag Berlin, 1973
2. Die Leipzig-Dresdner Eisenbahn-Companie, Udo Becher, Transpress-Verlag Berlin, 1981
3. Landkreis Meißen – seine Städte u. Dörfer, Landschaft, Geschichte, Aktuelles, Günter Naumann Kreissparkasse Meißen, 1998

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