Radebeuler Miniaturen

Schweigen im Walde
(für T.)

Ein Regen nach langer Dürre: ein Regen.
Der Wald atmet auf. Die Blätter weiten sich, es grünt das Grün, wies grüner nicht grünen kann. In nicht enden wollendem Rauschen rinnt das Wasser von Blatt zu Blatt, läuft es in Strömen die Stämme hinab und gibt der Erde ihr Teil und den Büschen und Gräsern. Und dann, in der plötzlich zurückehrenden Stille steigt der Wohlgeruch frischen Wassers vom Boden auf.

Ohne weiter auf die Blicke der Neugierigen zu achten, steigt Susanna aus dem Bade, aufrecht, stolz und schön. Und wie am ersten Tag tritt sie unters Blätterdach, das Schweigen zu atmen, das Schweigen im Walde. Die daraus wachsende Stille, weiß sie, ist ein Geschenk des Himmels.
Hinter einer Birke bemerkt sie das Einhorn, das versonnen lächelnd ein paar Blätter rupft, plötzlich aber zu zwei Pilzen erstarrt und sich unters Laub drückt. Unerhörtes geschieht: Ein Selbstgesprächler frequentiert den Waldweg. Ein flaches Kästchen waagerecht vorm Gesicht führend rekapituliert er offenbar die jüngste Beziehungskrise auf so eindringliche Weise, daß vom Einhorn bald nur noch ein moosgrüner Belag zu sehen ist: Ja, sag mal, was denkst du dir denn eigentlich, hallt es durch die Bäume, das ist doch wohl … also ich fasse es nicht … denke nur nicht … laß mich doch mal ausreden … Es wird laut im Wald, wenn Häusliches zwischen die Bäume gekippt wird … nun fang doch nicht schon wieder damit an … ja, ja, ich bin allein … allein, allein, allein … Alte Autoreifen oder Kühlschränke können nicht störender sein.
Langsam kehrt der Frieden zurück.
Das Einhorn versucht ein paar frisch ergrünte Blätter und Gräser, Susanna atmet tief die frische Waldluft. Doch schon hallt eine Gebrauchsanweisung vom Waldweg herüber. Ein Spätpubertierer, nicht viel jünger als der Selbstredner von eben, vertieft sich lautstark in ein Problem, das ein Partner vermutlich auf der Unterseite der Erdscheibe mit einem technischen Gerät hat: unten, ja, unten links… nee, warte mal, doch, unten links erscheint jetzt ein Batten, ja, ein Batten, da gehst du drauf, hasdu, gut, ja, auf den Batten, und dann Doppelklick, sag ich doch, Doppelklick … Der Rufer hat kein Kästchen vor sich in der Luft schweben, er hat weiße Stäbchen in den Ohren stecken, die ihn davor schützen, den Gesang der Vögel hören zu müssen. So hat er die Hände frei zum Gestikulieren… und dann geht da ein Fenster auf, ein Fenster, ja am Bildschirm nicht im Zimmer, das zieht doch … Die Stimme verklingt in der Ferne. Ein Mensch, denkt das Einhorn, wie stolz das klang. Susanna lächelt dazu, hat aber schon eine Mädchenstimme im Ohr, die ihrer besten oder allerbesten oder jedenfalls Freundin erzählt, was wieder mit der Mama, den Jungs, dem Papa, den blöden Lehrern, wieder den Jungs, dem kleinen Bruder, noch mal der Mama und abermals den Jungs … so los ist und was ich dir unbedingt noch erzählen muß.
Stolz und schön aber völlig ermattet steigt Susanna ohne auf die Blicke der Neugierigen zu achten am Abend ins Bad. Das Einhorn ist bei der vergeblichen Suche nach dem Schweigen im Walde verloren gegangen.
Thomas Gerlach

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