Anti-Glosse

Außer Spesen, nix gewesen?

Das hätten wir uns zu Beginn des Jahres nicht träumen lassen, was sich so alles ereignen oder eben auch nicht ereignen würde. Eine Aufzählung von all dem Nichtstattgefundenen würde diesen Beitrag sprengen, deshalb fange ich gar nicht erst damit an. Teilweise war es so ruhig in Radebeul, dass man glauben konnte, die Einwohner sind alle ausgewandert. Ist natürlich Quatsch. Wohin auch? Amerika wie vor 150 Jahren kam ja wegen der aktuellen Lage dort nicht mehr in Frage. Da scheint nun auch der Lack vom „gelobten Land“ etwas abgeblättert zu sein.

Nun ja, Radebeul hat dieses Jahr auch keine all zu gute Figur abgegeben. Immer dieses „raus aus den Kartoffeln“ und wieder rein. Machen wir nun das Weinfest oder nicht…? Auf die Sache mit dem Kulturamtsleiterposten will ich nicht erst zu sprechen kommen. Darüber hatte sich die ganze Bundesrepublik gewundert. Mittlerweile ist da Ruhe eingezogen. Seit dem 1. September hat dieses Amt wieder eine stabile Führung erhalten. Lange genug hat es ja gedauert. Man kann sich aber gut vorstellen, dass der obersten Kulturfrau unserer Stadt ob der vielen Probleme nun der Kopf schwirrt.

Die Umfrage zum Verkehrskonzept in Radebeul-West um die Bahnhofstraße herum, ist ja auch nicht besonders gelungen. Von den drei zur Auswahl vorgelegten Varianten wollte keine so richtig passen. Am Ende blieb nur eine NULL übrig – ? Die Variante NULL! So zumindest soll sich die Mehrzahl der abgegebenen Stimmen bei der Umfrage entschieden haben. Also: nix ändern, alles so lassen wie es ist! Da mag man sich gar nicht ausmalen wie es ausgegangen wäre, wenn die Umfrage nicht in den Sommermonaten stattgefunden hätte. Man könnte also das Ergebnis mit dem Satz „Außer Spesen, nix gewesen“ zusammenfassen.

Dieses Jahr scheint überhaupt eine Zeit der Schlagwörter zu werden: Lockdown, Hotspot, Lebensart, Dritter Ort… Wie soll sich hier der Radebeuler noch zurechtfinden? Ein Glück, dass wir unsere Mauern haben… Mittlerweile sind ja die Infektionszahlen im Landkreis wieder angestiegen. Da ist die Landeshauptstadt noch besser dran. Haben wir etwa vor 25 Jahren da einen Fehler gemacht?

Apropos Lebensart… Warum dieses Jahr das Herbst- und Weinfest nicht Herbst- und Weinfest heißen durfte, hab ich auch nicht verstanden. Sie etwa…? Wein gab es doch genügend. Freilich strömten schon wegen der misslichen Wetterlage die Besucher nicht so wie gewohnt, und mit dem Theater wollte es aus bekannten Gründen auch nicht recht klappen. Die geliebte französische Gruppe vom letzten Jahr hat man erst gar nicht außer Landes gelassen. Dafür gab es diesmal viele Veranstaltungsinseln. Es sollen 19 an der Zahl gewesen sein. Die entferntesten lagen ca. sieben Kilometer voneinander entfernt. Da nahm der WEINHERBST, wie das diesjährige Fest genannt wurde, regelrecht sportliche Züge an. Aber die Besucher sahen es locker. Das fehlende Gedränge auf dem Anger vermisste kaum einer.
Auch wenn das Fest diesmal gewissermaßen außerhalb der offiziellen Wertung lief, so war ich schon etwas verwundert, dass zur 30. Veranstaltung der Auftakt von 1991 vom Kulturamt mit keiner Silbe erwähnt wurde. Es ist doch das Verdienst eben dieses Kulturamtes der Stadt, dass wir das Fest seither Jahr für Jahr feiern können. Ehre, wem Ehre gebührt! Für das in allerletzter Minute zusammengezimmerte Programm muss man allen Beteiligten Hochachtung zollen. In deren Haut hätte ich in diesen Tagen nicht steckt wollen. Allein schon die vielen zu erstellenden Hygienekonzepte würden mir die Haare zu Berge stehen lassen.
Eine Frage aber beschäftigt mich nun beständig: Was nun ist „Radebeuler Lebensart“? Ich bin noch nicht dahinter gekommen.

Vielleicht gehört Schloss Wackerbarth zur „Radebeuler Lebensart“. Neulich habe ich doch seit Jahren mal wieder die einstige kurfürstliche Anlage aufgesucht. Da war ein Gedränge! Alle Tische und Stühle besetzt! Dass daraus kein Schloss-Hotspot geworden ist, kann eigentlich nur am Wein gelegen haben. Der soll ja schon im Mittelalter gegen die Pest geholfen haben… Radebeuler habe ich aber dort verhältnismäßig wenige ausmachen können.

Wenn wir schon nicht nach Amerika können, holen wir ein Stück Amerika halt nach Radebeul, haben sich vermutlich die Stadtmütter und -väter gedacht. Also einen Teil, den „Dritten Ort“. Das muss ich erklären: In Radebeul-Ost wurde ein neuer Anlaufpunkt eingerichtet. Die Idee stammt aus den sozialen Bewegungen der USA in den1980er Jahren, als die Lage der Bevölkerung besonders in den größeren Städten schwierig war. Ob das Modell aber so einfach auf eine sächsische Kleinstadt übertragbar ist, noch dazu auf eine Gartenstadt wie Radebeul, bleibt abzuwarten. Sicher kann man einwenden, dass wir eigentlich auch kaum öffentliche Räume haben, die unentgeltlich genutzt werden können. Bedenken sollte man aber, dass dieser Radebeuler „Dritte Ort“ eher ein Ort für junge Menschen geworden ist, auch wenn er ein „Herrenzimmer“ besitzt. Wo…? Entschuldigung! Die Stadtbibliothek-Ost und die ehemalige Schalterhalle des Bahnhofs wurden mit neuen Möbeln versorgt. Nun kann man an Tischen sitzen, auf Sofas lümmeln, Kuchen essen, Filme sehen, Leute treffen und Kicker spielen – und alles auf Rädern. Lesen und Bücher ausleihen kann man auch, und nach der Webseite der Stadt zu urteilen, sollte man dort ebenfalls die künftigen Angebote zur Demenz- und Familienberatung wahrnehmen. Der „Dritte Ort“ möchte so zu einer besseren, offeneren, kommunikativeren und sozialeren Stadtgesellschaft beitragen.

Radebeul hat nun einen „Dritten Ort“. Wie es aber mit Kulturbahnhof weitergehen soll, ist mir dabei nicht so richtig klar geworden.

Euer Motzi

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