„Zwischen Pitti und Stern Meissen“

Kindheit in Sachsen als szenische Collage von Esther Undisz im Rahmen von 30 Jahre Mauerfall

Szene mit Theresa Winkler, Matthias Avemarg, Felix Lydike, Julia Vincze (v.l.) Foto: R. Jungnickel

Neben mir sitzt eine junge Frau vom Lessing-Gymnasium in Hoyerswerda. Ihre Eltern sagt sie, finden ihre Interviews mit Zeitzeugen aus der ehemaligen DDR gut und wichtig: „Auch, wenn ihre Biografie eine andere ist.“ Beteiligt waren außerdem an den 50 Zeitzeugenberichten, die als Grundlage für die Collage dienten, Schüler aus der Oberschule Schmiedeberg und dem Lößnitzgymnasium in Radebeul.
Die persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen in einem „untergegangenen Land“ sind Ausgangspunkt für die Inszenierung von Esther Undisz. Dargeboten von vier Schauspielern der Landesbühnen. Sie reichen von der jungen Frau vom Lande (Julia Vincze), die, wegen zu schwerer Arbeit und weil sie nicht lernen durfte von zu Hause weglief, wiedergebracht wurde und ihre Kindheit im Rückblick bis auf Ausnahmesituationen als belastend empfunden hat.
Erinnert wurde, beinahe malerisch, an die soziale Situation im Neubau der Vorzeigestadt Hoyerswerda. Kindergarten, Schule, Betreuung und viele Spielplätze mit glücklichen Kindern und ausreichend Wohnraum standen nach Zeitzeugenberichten zur Verfügung und Arbeitslosigkeit gehörte zu den Fremdwörtern dieser Generation. (Theresa Winkler)
Kritikpunkt war ebenfalls die Wehrerziehung in den Schulen, die Mitte der 80er Jahre eingeführt wurde. Besonders die Kirchen in der DDR liefen dagegen Sturm. Es vertrug sich in keinem Falle mit dem christlichen Motto: „Schwerter zu Pflugscharen.“ Manch ein Jugendlicher, der das Abzeichen sichtbar trug, wurde von der Stasi (Staatssicherheit) vorgeladen, gespielt von Felix Lydike. Von seinen Eltern, die einen Friseurladen hatten, berichtete Matthias Avemag. Er hatte als Kind und Jugendlicher alles was man zum Leben braucht. Allerdings gab es keine Luxusartikel. Im Lebensmittel-Exquisit gab es Ananas nur an Feiertagen. Die Kehrseite der Medaille: Er bekam jahrelang von seinem Vater Prügel, die er bis heute nicht vergisst. So wollte er seine eigenen Kinder nicht erziehen. Was ist eine „Natoplane“? Ein Traummantel aus Nylon der 70er Jahre, den mancher Mitschüler mit den heiß begehrten Westpaketen bekam. Bei anderen Jugendlichen mussten die Eltern für das gleiche Produkt tief in die Tasche greifen.
Berichtet wurde auch, dass man in der ehemaligen DDR gelernt hat, aus „Stroh Gold zu spinnen.“ Theresa Winkler stellte Erfindungen wie z.B. Ketten aus Tütensuppen und Hagebutten vor, die sie mit ihren Freundinnen bastelte.
Die einzelnen Beiträge sind mit Motiven aus dem Abendgruß getrennt und mit dem damaligen Kultsong von Nina Hagen „Du hast den Farbfilm vergessen“ unterlegt. Ein Stück Kulturgeschichte spiegeln die „Pioniere“ und die Jugend bei der FDJ (Freie Deutsche Jugend) wieder. Die christlichen Kirchen bildeten mit Junger Gemeinde und Konfirmation den oftmals substanzielleren Gegenpol. Schüler, so wurde berichtet, die aus christlichen Elternhäusern kamen, hatten es allerdings nicht immer einfach, die Balance zwischen Kür und Pflicht in der Schule zu finden.
Die Ausstattung zur Produktion „Zwischen Pitti und Stern Meißen“ stammt von Tilo Staudte und als Mitarbeiterin für Textfassung zeichnet Odette Bereska.
Eine gelungene Uraufführung, die vom Publikum mit anhaltendem Beifall bedacht wurde.

Ein Gespräch, zu dem das Regieteam um Ester Undisz im Anschluss der Inszenierung einlud, ermöglichte den Zuschauern ihre eigene Eindrücke zu schildern.

Angelika Guetter

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