Sieben Jahre im Zeichen der Integration Geflüchteter in Radebeul

Das Bündnis Buntes Radebeul unterstützt seit 2013 das Ankommen in Radebeul

Als sich 2013 ein Gruppe junger und älterer Menschen fand, um vor allem im Wohnheim auf der Kötitzer Straße mit Lern- und Freizeitangeboten für ein Stück Ankommen zu sorgen, hätte wohl keiner der Beteiligten gedacht, dass der Verein, der sich kurze Zeit später aus der Initiative gründete, schon bald zum Bild von Radebeul gehören sollte.

Bei der Gründung des Bündnisses stehen vor allem die Bewohner des Heimes auf der Kötitzer Straße im Fokus aller Bemühungen. Das bleibt auch so, als 2015 viel mehr Flüchtlinge nach Radebeul kommen und in der Hauptsache im dortigen Heim untergebracht werden. Der Bedarf beflügelt, viele neue Mitglieder stoßen in dieser Zeit zum Verein und bringen sich mit großem Engagement in verschiedenste Projekte ein. Viele Ideen werden geboren, um die „neuen“ Radebeuler beim Ankommen zu unterstützen. Von Sprachkursen am Nachmittag, über Nähkurse oder Hausaufgabenbetreuung für die Jüngsten bis zu Plauderrunden im Heim, um den Ankommenden immer wieder Gelegenheit zu geben, die deutsche Sprache zu sprechen, das Angebot ist so breit und umfassend wie nie zuvor. Die Mitglieder und Unterstützer bringen sich ein, wo sie können, um in Radebeul eine Willkommenskultur zu gestalten. Dabei kann sich der Verein immer auch auf ein breites Netzwerk in und um Radebeul verlassen. Gemeinsam mit Partnern werden viele Vorhaben entwickelt und umgesetzt. Eines dieser Beispiele ist das „Kochen kunterbunt“, das durch Mitarbeitende der Landesbühnen Sachsen ins Leben gerufen und hoffentlich nach Corona wieder zum Leben erweckt wird.

Ausflug ins Stadtmuseum Radebeul Foto: Bündnis Radebeul

2014 machte der Verein mit einem ganz besonderen Projekt auf sich aufmerksam. Die beiden Vereinsmitglieder Stephanie Kerkhof und Sophie Ruby geben gemeinsam mit dem Bunten Radebeul das Kochbuch „Mit der Kochkunst ins Herz“ heraus. Als Zeichen der Dankbarkeit waren die beiden schon oft von Flüchtlingen bekocht worden. Es waren immer Momente, in denen sie gemeinsam ins Gespräch gekommen sind oder – wenn die Sprachbarriere doch einmal zu hoch war, einfach ein schönes Beisammensein genossen haben. Beim gemeinsamen Kochen kann man sich oft, ohne viele Worte, näher kennen lernen. Dabei entsteht die Idee, gemeinsam mit den Flüchtlingen am Herd zu stehen und von ihnen zu lernen, wie sie ihre landestypischen Gerichte zubereiten. Und nicht nur das. Sie erzählen über ihre Herkunftsländer. Es entsteht ein Kochbuch gemixt mit Herdgeschichten, die Nachfrage ist so groß, dass es bereits eine 2. Auflage gibt.
Eine vergleichbar große Aufmerksamkeit erfahren die Radebeuler Flüchtlinge 2015 durch das Projekt „Mein unruhiges Herz“ in Kooperation mit dem Stadtmuseum Dresden und der Landeszentrale für Politische Bildung. In einem mehrtägigen Workshop entstehen 18 „Bilder der Migration“, die eindrucksvoll die Gefühlswelt der Geflüchteten wiedergeben. In den Bildern werden Fluchtgeschichten oder auch traumatische Erlebnisse in den Herkunftsländern sichtbar. Die Bilder werden im Anschluss noch ein halbes Jahr im Stadtmuseum Dresden ausgestellt.
Bereits 2015 wurde im Heim eine erste Fahrradwerkstatt aufgebaut, um einerseits die vielen gespendeten Fahrräder gemeinsam mit den Heimbewohnern wieder fahrtüchtig zu machen und ihnen damit ein Stück Mobilität abseits von der Nutzung des ÖPNV zu ermöglichen und ihnen andererseits auch die Möglichkeit zu geben, sich sinnvoll zu beschäftigen, ist doch der Alltag, wenn man keine Arbeitserlaubnis hat, vielfach trist und eintönig. Als im Frühjahr 2016 das Heim aufgrund eines technischen Defektes abbrennt, sucht der Verein nach Ersatz. Gemeinsam mit der Stadt Radebeul wird im Laufe des Jahres 2016 eine Alternative auf dem Rosa-Luxemburg-Platz gefunden. Als Ende 2017 das Heim wiedereröffnet wird, entscheidet man sich, an beiden Standorten weiter zu machen. Gemeinsam mit dem ADFC und vielen Freiwilligen betreibt das Bündnis diese beiden Fahrradwerkstätten. Der Zuspruch an beiden Orten ist ungebrochen. Um diese auch in Zukunft weiter betreiben zu können, ist die Mithilfe von Menschen gefragt, die Lust am Schrauben und Basteln haben. Die Fahrradwerkstatt am Rosa-Luxemburg-Platz öffnet von Frühjahr bis Herbst immer montags und samstags ihre Pforten, die im Heim ist in den wärmeren Monaten immer dienstags geöffnet.
Das Bündnis erfährt im Laufe der Jahre viel Unterstützung durch die Radebeuler. Ein herausragender Höhepunkt ist die Aktion der Friedenskirche, die anlässlich des Weihnachtsfestes 2014 unter dem Motto „Flüchtlinge sind uns willkommen“ zur Spende in Höhe des Begrüßungsgeldes, das DDR-Bürger 1989 erhielten, auffordert. Die Aktion ist ein Riesenerfolg. Das Geld wird vor allem dazu verwendet, Deutsch-Sprachkurse, die in der Anfangszeit weder durch das Bundesamt für Migration und Flüchtling (BAMF) noch durch die Ausländerbehörden finanziert werden, zu unterstützen. Diese Aktion zeigt dem Verein, dass viele Radebeuler die Arbeit und vor allem dem Zweck des Vereins gegenüber sehr positiv aufgeschlossen sind.
Ein Projekt des Vereins, das seit der Gründung läuft, ist das sogenannte „Mitgänger-Projekt“. Mehr als 20 Mitglieder und Nichtmitglieder unterstützen Flüchtlinge und Menschen mit Migration bei Behördengängen und Fragen das Alltags, die für Menschen mit Sprachbarrieren oft eine große Herausforderung darstellen. Der Alltag gestaltet sich vielfach so, dass Anträge gemeinsam angeschaut werden, Behördengänge gemeinsam gemacht werden, beim Verstehen von amtlichen Schreiben geholfen wird, Miet- oder Telefonverträge durchgeschaut werden oder eben einfach beim Alltag unterstützt wird. Das klingt simpel, ist aber in der Regel sehr zeitaufwendig. Denn was für unser einen normal und einfach ist, gestaltet sich für Flüchtlinge aufgrund der Sprache oder verschiedener kulturellerer Gegebenheiten doch vielfach kompliziert. Viele Ehrenamtliche haben vor ihrem Einsatz als Mitgänger selten Berührungspunkte mit den unterschiedlichen Aufenthaltsregelungen gehabt. In der Praxis tauchen aber gerade bei diesen Themen immer wieder Fragen auf.
Die Arbeit des Bündnisses hat sich heute, sieben Jahre nach Gründung, verstetigt. Wie bei allen Vereinen gibt es Höhen und Tiefen. Das Engagement ist in vielen Projekten – von denen hier nur wenige Beispiele genannt sind – ungebrochen. Doch auf lange Sicht, werden mehr helfende Hände gebraucht, um Projekte wie Mitgänger, Deutschnachhilfe, Unterstützung von Auszubildenden oder die Fahrradwerkstätten auch über 2020 hinaus mit ganzer Kraft betreiben zu können. Neben den vielen einzelnen Projekten will sich der Verein in Zukunft noch stärker auf das Thema Willkommenskultur und die Begegnung mit verschiedenen Kulturen fokussieren. Dazu plant der Verein aktuell eine Reihe von Buchlesungen und Begegnungsmöglichkeiten für alle Radebeuler.
Damit der Verein noch besser nach außen wirksam werden kann, wird aktuell die Internetseite neugestaltet. Wer Lust und Zeit hat, sich im Bündnis Buntes Radebeul zu engagieren, ist jederzeit willkommen.

Susanne Herrmann und Angelika Richter
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Kontakt: info@buntes-radebeul.de

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