Ein Kapitel Technikgeschichte in der Niederlößnitz

 

– Der Gießmannsche Tunnel –

Wenn man die Burgstraße, die dann in einen Wanderweg übergeht, aufwärts steigt, nimmt man in der Kurve ein Geräusch wahr, das an die Betätigung einer Wasserspülung eines WC erinnert – aber da ist weit und breit keine Toilette. Was ist das, spukt es hier vielleicht?

Der Tunnel ist fertig, 1878 Foto: Sammlung Teuser

Das Geräusch von fließendem Wasser, was wir bei dem Spaziergang hören können, ist der Rest einer im 19. Jh. sinnvollen Bewässerungsanlage. Als Erbauer gilt Ernst Louis Gießmann, ein Weinbergsbesitzer und Unternehmer in Niederlößnitz, den Weinberg neben der Burgstraße hatte er von seinem Vater, Traugott Leberecht Gießmann geerbt. Ihm gehörten auch Weinberge unterhalb der Friedensburg und die Friedensburg selbst. Sein Bruder Max dagegen war Eigentümer des Badhotels (heute Burgstraße 2), einem Gebäudekomplex in den besten Zeiten mit Badegelegenheiten, Restaurant und Hotel.

Entgegen der verbreiteten Meinung anderer Winzer glaubte E. L. Gießmann, dass er seine Weinstöcke bewässern müsse. Vielleicht wollte er dadurch mehr Ertrag und damit mehr Gewinn aus seinen Weinbergen herausholen, als andere Winzer der Lößnitz. Aber woher sollte Gießmann Wasser bekommen, ein öffentliches Wassernetz gab es in Kötzschenbroda frühestens seit 1889, wie am neben der Burgstraße befindlichen Wasserhochbehälter zu lesen ist. Gießmann fand Wasser etwas entfernter am Geländeeinschnitt längs des Kiesgrubenweges, da wo es kleine Fischteiche und auch Schwarzes Teich gab. Doch das Problem war, dass ein massiver Bergrücken, auf dem später der Wasserturm errichtet werden sollte, dazwischen lag. Er löste das Problem auf elegante, aber nicht ganz billige Art, er ließ durch das Bauunternehmen K. E. Dietrich und Spezialisten aus Italien von 1876-78 einen Tunnel durch das Massiv bauen. Das in der Lößnitz anstehende Gestein ist vorwiegend Syenit und bei der Länge des Tunnels von 368m Länge dürfte viel Geld und Schweiß geflossen sein! Ob beim Tunnelbau auch Bergleute aus Freiberg beschäftigt waren, ist nicht belegt und kann nur vermutet werden. Der Tunneleingang im Waldpark ist etwas schwerer zu finden als der Ausgang, er liegt oberhalb von Schwarzes Teich. Das gemauerte Eingangsbauwerk erinnert ein wenig an die Eisenbahntunnel aus dem 19. Jh., nur ist hier alles etwas kleiner.

Tunnelausgang, im Dezember 2020 Foto: D. Lohse

Die Tunnelstrecke hat leichtes Gefälle (ca. 5m auf 368m Länge) vom Eingang bis zum Ausgang an der Burgstraße und hat eine Höhe von ca. 2m und eine Breite von 1,2m – man könnte darin laufen, aber Gitter versperren den Eingang und Ausgang. Das Ausgangsbauwerk ist ähnlich, aber etwas aufwändiger mit Sandsteinzinnen (die Friedensburg hat ebensolche Zinnen) gestaltet, wohl weil hier mehr Leute vorbeikamen.

Außer dem Oberflächenwasser, was früher in einem nicht mehr sichtbaren, offenen Graben in den Tunneleingang geleitet wurde, kam auf der Strecke des Tunnels noch von der Decke und den Wänden abtropfendes Bergwasser dazu. Was man heute in einem Schacht an der Burgstraße noch fließen hört, dürfte also das Bergwasser sein. Ich vermute, dass im Tunnel das Wasser in einem Gerinne dem Ausgang zu floss, also nicht verrohrt war. Nur so konnten beide Wasserarten zusammen abgeleitet werden.

Tunneleingang, nahe »Schwarzes Teich« im Dezember 2020 Foto: D. Lohse

Ob die von Gießmann gewünschte bessere Weinernte durch die Bewässerung eingetreten ist, ist nicht überliefert. Wenn ja, dann war die Freude aber bald vorbei, denn die Reblaus beendete ab 1885 auch auf Gießmanns Weinbergen Wachstum und Erträge. Ein Strang der Wasserleitung vom Ausgang ab versorgte noch eine Weile das tiefer gelegene Badhotel mit Brauchwasser – eine Trinkwasserqualität des Tunnelwassers dürfte m.E. nie nachgewiesen worden sein. Die durch die Gebr. Ziller 1871 errichtete Friedensburg hatte wegen der Höhendifferenz nie Wasser aus dem Tunnel bekommen. Heute dient der Tunnel als ideales Fledermausquartier noch dem Naturschutz und zeigt im Inneren Tropfsteinausbildungen.

Der Tunnelausgang und sein Umfeld wurde 2009 durch das Gartenamt der Stadt Radebeul in Stand gesetzt und mit einer Infotafel für Wanderer und Interessierte versehen. Neben Fakten zum Tunnel verweist die Tafel auch auf den Froschkönig und einen Herrscher des unterirdischen Reiches. Letzteres erscheint mir etwas zu mystisch, vielleicht sehen Kinder das etwas anders. Ich würde bei dem Bauwerk einfach von einer gelungenen ingenieurtechnischen Leistung des 19. Jh. sprechen, die aber nur die kürzeste Zeit nutzbringend war, Herr E. L. Gießmann hat wohl „Minus“ bei dem Projekt gemacht.

Es wundert mich, dass der Gießmannsche Tunnel m.E. bisher keine Berücksichtigung in der Radebeuler Denkmalliste gefunden hat.

Dietrich Lohse

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2 Kommentare

  1. jens bergner
    Veröffentlicht am Mi, 7. Apr. 2021 um 13:30 | Permanenter Link

    Hallo, das Mundloch in der Burgstraße wird als Denkmal in der Radebeuler Denkmaltopografie auf S. 88 beschrieben (Erfassungsstand 2005). In der mir vorliegenden Denkmalliste 2008 ist es jedoch nicht mehr aufgeführt. Muss also spätestens zu diesem Zeitpunkt aus der Liste geflogen sein oder wurde fälschlich in die Topografie aufgenommen. Dafür gibt es meiner Kenntnis nach aber kein Geld zurück auf den Kauf der Denkmaltopo.

    Auch das Mundloch im Goldenen Wagen ist nicht in der Denkmalliste aufgeführt, auch nicht die Quelltöpfe der ehemaligen Strakenwasserleitung oder die auf öffentlichem Grund liegenden Borne im Zitzewiger Bergland. Sie stehen wohl nur implizit unter trinkwasserrechtlichem Schutz.

  2. jens bergner
    Veröffentlicht am Mi, 7. Apr. 2021 um 14:11 | Permanenter Link

    Im Wikipedia-Artikel “Gießmannscher Tunnel” finden sich noch ein paar Fotos von 2012 aus dem Inneren (so weit der Blitz von den damals offenen Eingängen beidseits bis ins Innere vordrang. So auch ein oberer Abzweig nach Osten, vermutlich Richtung Friedensburg). MfG

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