„Keine Zeit!“

Dieser „geflügelte“ Spruch fliegt einem alleweil seit geraumer Zeit um die Ohren und ehe man sich versehen hat, ist der Absender schon aus dem Blickfeld verschwunden, hat das Telefon aufgelegt, antwortet auf keine Mails oder auf sonstigen Kanälen. Doch die so daher gesagte Floskel kann ja überhaupt nicht stimmen, denn jeder Tag, ob gestern, heute oder morgen, hat nun mal 24 Stunden und nicht weniger. Also, muss das mit der Zeit irgendwie anders zusammenhängen. Die Zeit ist jedenfalls nicht daran schuld, dass angeblich keine Zeit mehr da ist. Vor einigen Tagen hatte ich sogar mitten in der Woche Zeit für einen Ausflug nach Dresden. Menschen sah ich da kaum auf der Straße. Vermutlich hatten die alle auch keine Zeit, was mich in Corona-Zeiten allerdings schon etwas verwundert. Aber vielleicht standen sie alle am Testzentrum an. Man soll ja künftig nur noch mit einem negativen Testergebnis in einen Supermarkt reinkommen. Aber vermutlich ist in der heutigen schnelllebigen Zeit diese Information bei Erscheinen meiner Glosse schon längst Schnee von vorgestern. Wir leben ja gegenwärtig in einer Zeit, in der sich die Zeit selber überholen soll. Da gab es ja mal in der DDR so einen Spruch, manche Zeitgenossen werden sich bestimmt noch erinnern: „Überholen ohne einzuholen“. Das habe ich nie geschafft! Wie denn auch? Soll ich mich selber überholen? Mir kommt das vor, als wenn eine ständige Selbstoptimierung von einem gefordert wird. Der Neoliberalismus ist zählebiger als mancher vermutet. Dabei sollte der schon, nach Expertenmeinung, seit der letzten großen Finanzkrise das Zeitliche gesegnet haben. Aber vielleicht ist das in manchen Kreisen und Unternehmen noch nicht angekommen. Andererseits habe ich so das Gefühl, dass hier mit zweierlei Zeit gemessen wird. Wenn du was vom Finanzamt willst – das kann auch für die meisten anderen Behörden stehen –, dann haben die unendlich viel Zeit. Nur andersherum wird man mit einem knappen Termin belegt.

Aber vielleicht ist das mit der Zeit auch nur Einbildung. Fünf amerikanische Forscher haben jedenfalls herausgefunden, dass es völlig schnuppe ist, wie viel Zeit vergeht, die Hauptsache man hat dabei Spaß! Ein kleiner Trick ist aber schon dabei. Man muss den Menschen glauben lassen, dass er zehn Minuten Spaß hatte, obwohl nur fünf Minuten vergangen sind. Dann hat er fünf Minuten eingespart und genügend Zeit für eine andere sinnlose Arbeit, wie zum Beispiel für die Steigerung des Bruttosozialprodukts. Am Ende ist das mit der Zeit reiner Humbug. Nach den Vorstellungen der alten Philosophen aus der Aufklärung wie Fichte, Schlegel, Solger und Co. existiert das alle eh nur in unserem Bewusstsein und genau genommen existiert es gar nicht, zumindest nicht als materielle Substanz. Und für das Nicht-Materielle ist nach Novalis eh die Poesie zuständig, die sich in der Hauptsache mit der Darstellung des Gemüts beschäftigt. Über das Gemüt aber gab es zu allen Zeiten recht unterschiedliche Auffassungen. Heutzutage muss man den Eindruck gewinnen, dass überhaupt kein Platz für das Gemüt mehr da ist, so rammelt die Zeit.

Aber wir brauchen eigentlich nicht so durch die Zeit zu hetzen. Vermutlich ist, wie alles andere auch, die Zeit nicht endlos oder noch schlimmer, wir werden uns künftig ständig im Kreis drehen und kommen immer wieder dort raus, wo wir oder halt unsere Vorvorväter schon mal waren. Sie verstehen jetzt nur Bahnhof? Die EDV-Spezialisten werden vermutlich stumm mit den Köpfen nicken. Also, ich erkläre es gern. Im Jahre 2038 ist die Zeit zu Ende! Unsinn, werden viele jetzt denken. Keineswegs! Unsere Welt ist eine digitale Welt. Schalten wir oder irgendeine Kraft den Computer aus, gibt es uns nicht mehr. Über die digitalen Rechner wird heutzutage jeder Pups erfasst, auch die Zeit, Sekunde für Sekunde. Das Dumme aber ist, dass 2038 der Zeit-Rechner voll ist und keine Zeit mehr erfasst werden kann. Damit ist die Zeit zu Ende! Eine andere Lösung wäre, sie geht wieder von vorn los. Wir landen in gewisser Weise in einer Zeitschleife und kommen nach der Berechnung von Experten im Jahr 1901 heraus! Da wollen wir mal hoffen, dass dann nicht auch alle Annehmlichkeiten aus der heutigen Zeit verschwinden. Sollte sich aber der ganze Unsinn von damals wiederholen, sind wir ganz schön angeschmiert. Roosevelt, der Präsident der Vereinigten Staaten, hatte doch eine expansionistische Ader. Und die Deutschen haben damals bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China mitgemischt. Na gut, die Einführung des Frauenwahlrechtes in Norwegen, auf das die Deutschen noch 17 Jahre warten mussten, war ja keine schlechte Sache. Da hoffen wir mal lieber, dass die Spezialisten das Zeit-Problem besser als die Pandemie in den Griff bekommen, damit hier die Lichter nicht ausgehen und wir noch einige Zeit dranhängen können. Was sagte da immer meine Mutter: „Nimm dir Zeit und nicht da Leben.“.

Euer Motzi

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