Jung sind Jahr und Heide

Ein naheliegendes Neujahrsbegängnis

Kanzel am Tautzschgen-Hof

Zur fünften Neujahrswanderung seit Beginn der Streifzüge der Wanderburschen und -maiden des Sächsischen Heimatschutzes, verabredeten diese sich aus Rücksichtnahme auf zahlreich durchfeierte Silvesternächte erst gegen zehn Uhr an der Straßenbahnhaltestelle Forststraße. Dort wo die Grenze zwischen Radebeul und Dresden wirr zwischen Wegen, Häusern und Wald mäandriert, nimmt dieser erste Weg im Jahr längs des Saumes von Heide, Stadt und Hochland seinen Anfang. (Die Forststraße wurde unlängst vom Forst wieder als solche reklamiert und mit Pollern für Kraftfahrzeuge unpassierbar gemacht. Damit dürfte die Epoche des wilden Pendlerparkplatzes an der Tarifzonengrenze der Dresdner Verkehrsbetriebe beendet sein.) Wir schlängeln uns entlang der Kleingartenanlage über Verbindungspfade zum Abzweig des Eichgartenwegs vom Sternweg. Auf Meinholds Lößnitz-Karte von 1897 ziehen sich die historischen Wegmarkierungen der Heide, dieses jahrhundertealte Zeichen-Alphabet der Leseunkundigen, bis an die Leipziger Straße heran. Und in den zwischen 1780 und 1825 aufgenommen Meilenblättern von Friedrich Ludwig Aster ist tatsächlich ein Eichgarten vermerkt. Hinter dem Knick auf Höhe der nordwestlichen Schmalseite des Heidefriedhofs beginnt der Eichgarten seinem Namen auch Ehre anzutun. Fruchtbarerer Boden wurde vom Hang her angeschwemmt und ist von wertvolleren Gehölzen bestanden als sonst ringsum auf der sandigen Heide. Die Schweine können sich laben. Das Wild wird kirre. Seine Bahn trat auf der Wiese am Forsthaus zutage, wie uns die Benennung von 1578 als Bahnfelderwiese oder auf der Asterschen Karte als Bahnwiese nahelegt. Wir verlassen den Eichgartenweg, gehen auf jene Futterkrippe zu, an die Bertram Kazmirowski vor genau einem Jahr in dieser Zeitschrift seine sinnreichen Betrachtungen knüpfte. Bald gelangen wir zum leeren Bett des verlorenen Wassers. Der trocken gefallene Bach führte noch vor dreißig Jahren ganzjährig soviel Wasser, dass die geschicktesten Rodeler am Fuße des Katzenhuggel mit ihren Schlitten in die Eisdecke krachen konnten. Starkregen hat periodisch die Erosionsrinne nahe der Moritzburger Landstraße um ein Vielfaches vertieft. Ein Bericht in der Sächsischen Zeitung von 2017 kündigte Hochwasserschutzmaßnahmen mit Rückhaltebecken an, droht aber auch mit einem Kreisverkehr an der Baumwiese. Die Wiederherstellung eines natürlichen Bachlaufs mit Unterstützung eines Speichers an der unteren Grundstraße wäre sicher sinnvoll. Durch einen Kreisverkehr den historischen Verlauf des Augustuswegs, der schon durch die Autobahnauffahrt Hellerau gestört ist, ein weiteres mal zu brechen, wäre schauerliche Aussicht. Der Übergang zwischen Moritzburger Kleinkuppenlandschaft und der Dresdner und Laußnitzer Heidegebiete wurden hier im letzten Jahrhundert durch Flughafen, Industrieansiedlung und Autobahn auf eine Weise gestört, die dringend nach Heilung verlangt. Jeder weitere Stoß könnte dazu führen, dass die Heimat sich die längste Zeit schön gemacht hätte, und nur noch Geld für die Bauindustrie ihr im Haar glänzte. Aber diese könnte auch anders am Laufen gehalten werden. Die Römer haben ihren großen Autobahnring, den Grande Raccordo Anulare, unterhalb der Via Appia Antica einen Kilometer in einem Tunnel verschwinden lassen. Dort kann man dadurch vom Porta Appia auf dem antiken Pflaster ohne Hindernis in die kampanische Landschaft hineinwandern. Die Leipziger haben nach 1990 ihre innerstädtischen Wasserstraßen wieder freigelegt. Wunden verheilen auch wieder und Leben kehrt wieder. Vor etwa 45 Jahren noch, pflückte die Mutter des Autors auf der Baumwiese einen vielfarbigen Wiesenblumenstrauß. Heute sind dort höchstens noch einmal ein paar gelbe Tupfer von Hahnenfuß und Löwenzahn im eintönigen Grün anzutreffen.

Wie verabredet, schließen sich vorm geschlossenen Gasthof Baumwiese drei weitere Wanderburschen und drei Wandermaiden an. Das wird nicht der letzte Zustrom ein. Verboten viele sind wir heute. Wer erinnert sich noch an die Waldscheune mit dem Birkenreisig bevor der Augustusweg zum Waldmax abbiegt? Bereitwillig führten das uralt wirkende, zuweilen vor Ort anzutreffende Besenbinderpaar den neugierigen Kindern die Griffe ihres Handwerks vor. Davon gibt es keine Spur mehr, so wie auch die Entenpfütze unter der Gaststätte Waldesruh längst ausgetrocknet ist. Wir ziehen den Lößnitzweg, hier umgangssprachlich Weiße Mauer genannt, aufwärts, biegen hinter der Lindenhofwiese in Richtung Boxdorf hinauf übers Feld um durch den Lumpengrund bis an den Fuß der Deponie hinabzusteigen. Der Lindenhof, ein um 1660 zuerst erwähntes östlich der Baumwiese gelegenes Weingut, wurde seit 1912 als Lungensanatorium genutzt und am 14. Februar 1945 beim Bombenangriff auf Dresden zerstört, wobei zehn Patienten und vier Angestellte zu Tode kamen. Den oberen Abschnitt der Boxdorfer Grundstraße verfolgen wir bis zum Gallberg, wo wir an der Windmühle neben der Landmaschinenausstellung eine Rast machen, während der die Gattin eines Wanderfreundes mit deren zwei lieblichen Kinder zu uns stößt.

Über das offene Feld gehen wir hinüber nach Reichenberg, spazieren um die würdige Kirche, am alten Gasthof vorbei, längs durch das ganze Dorf, biegen in den Strakenweg ein, lassen in Wahnsdorf die Wetterwarte rechts liegen um den Straken unterhalb der Grauen Presse in Richtung der Mäuseturm-Ruine verlassen. Dann folgt die Probe aufs Exempel. Ein Dresdner Wanderfreund nämlich scheut am Tautzschgenhof vor dem, was der Radebeuler Wanderveteran einen fremdenfeindlichen Weg nennt. Dem öffentlichen Weg wurde ein massives Ziergitter derart sperrig aufmontiert, dass aus der Ferne kein Durchlass vermutet werden kann. Dabei vermag sich der Knabe mit dem Laufrad ohne abzusteigen durch die Sperre schlängeln. Mancher wird hier schon umgekehrt sein, ohne den Ausblick von den Albrechtsklippen auf das Elbtal genossen zu haben. An der waldseitigen Mauer des Tautzschgenhofs wird der Ballonstation für die Radiosonden gedacht. Ein Wanderfreund durfte als Knabe seinen Vater begleiten, der die Fuhre erledigte, mit welcher der dafür benötigte Wasserstoff aus dem erzgebirgischen Schwarzenberg herbeigeschafft wurde. Auf einer Ecke der Umfassung des Geländes befindet sich ein geräumiger Balkon, von dem es heißt, er soll einer von mehreren Punkten gewesen sein, von dem aus eine akustische Fernaufklärung feindlicher Bomberflotten stattgefunden haben soll. Ein ähnliches Bauwerk mit Zementdach ist über dem Steinbruch an der Mordgrundbrücke zu finden. Legende oder Tatsache? Wer weiß es? An der Blechburg können wir feststellen, dass das Wasserbassin unlängst ausgebessert wurde. Am Feldrand gehen wir wieder zum Graue-Presse-Weg, den wir bis zum Augustusweg hinabsteigen und über den Sternweg zurück zum Ausgangspunkt gelangen. Dabei kommen wir an Herzog Heinrichs Umwurf vorbei. Der war schon auf der Öderschen Karte von 1586 aufgezeichnet. Dort wo sich noch heute Diebsteig und Sternweg kreuzen, kippte 1539 der Schlitten von Heinrich dem Frommen, dem Vater der Kurfürsten Moritz und August, der im albertinischen Herzogtum die Reformation einführte. Es gibt Vorkommnisse, welche der Beschäftigung lohnen. Meist liegen sie weit in der Vergangenheit. Dahin wird sich einst auch dieser legendäre Spaziergang entrücken mit dem das neue Jahr seinen guten Morgen erlebte. Neunzehn Sachsen, Wiener, Schlesier und Lombarden beiderlei Geschlechts im ersten bis achten Jahrzehnt ihres Lebens stehend, können es bezeugen, wie von hier und heute eine neues Jahr ausgegangen ist und sie dabei gewesen sind. Das fängt ja gut an.

Sebastian Hennig

www.wanderburschen-des-sachsischen-heimatschutzes.jimdosite.com

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