Radebeuler Miniaturen

400 Jahre Haus Möbius

IX Haus und Sehnsucht

Noch heute ergreift mich, wenn ich, von Osten her die Winzerstraße entlangkommend, nach der letzte Kurve den Giebel des alten Hauses erblicke, jenes Gefühl des Geheimnisses, das mich als Acht- oder Zehnjährigen durchdrang, und ich spüre wieder meine Beine, als hätte ich zwei Stunden Fußmarsch hinter mir.
Zwei lange Stunden nämlich mußten wir laufen damals, wenn wir von Hellerau aus die Verwandtschaft „in der Lößnitz“ besuchen wollten. Großmutters Elternhaus in der Karl-Liebknecht-Straße war von wiederum deren Großvater gebaut worden, nachdem Johann David Götze das alte Winzerhaus nicht seinem Sohn, sondern einer Tochter vererbt hatte (vgl. Juli-Heft). Jetzt belebte die Tante mit ihrer Familie dort das Haus und den Garten. Im Gegensatz aber zu unserer kargen Felskuppe auf der Höhe brachte dieser Garten reichlich Frucht. Manchmal sind wir sogar mit dem Handwagen gekommen und allemal reich mit Früchten beladen am Abend wieder heimgekehrt. Kistenweise gab es Äpfel und Birnen, besonders gut erinnere ich mich an die saftige Gute Luise. Die Birnen wuchsen damals noch am Straßenrand. Später wollte die Früchte wegen der Bleibelastung niemand mehr, so daß sie meist unter rollenden Pneus frisch gepreßt im Rinnstein versickerten. Heute stehen Kastanien dort …
Dann gab es Gurken und Bohnen im Überfluß, manchmal auch schon – was mich damals besonders schreckte – sauer eingelegt, und was sonst der Garten hergab. Damals, vor 60 – 65 Jahren waren das die reinsten Wohltaten. Heute würde angesichts der Frischkost aus Übersee kein Mensch mehr wegen ein paar Straßenbirnen mehrere Stunden mit einem klappernden Leiterwagen durch die Lande ziehn.

Ralf Uhlig, 1979, privat

Von unserem Haus auf der Höhe aus querten wir die Autobahn in der Nähe des alten Gasthofs „Zum letzten Heller“ und tauchten in die Junge Heide ein. Der Gasthof, auch damals schon lange geschlossen, galt als einer der ältesten Dresdens und weckte natürlich das Interesse von uns Jungs. Mehr als einmal haben wir uns an seinen verstaubten Scheiben die Nasen platt gedrückt und davon geträumt, eines Tages, „wenn wir groß sind“ hier einzukehren. Das Gehöft ist bald darauf im Vorfeld eines Ulbricht-Besuchs in Dresden abgerissen worden. Vorbei an Olterteich und Oltersteinen, die auch ihre Geheimnisse bargen, gelangten wir ins Tal des Verlorenen Wässerchens, ließen die alte Sprungschanze links liegen und stiegen schließlich die Schlucht zur Besenbinderei hinab. Von da zur Baumwiese wars nur noch ein Katzensprung. Am Augustusweg hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen und der Wagen rollte leichter. Es war damals noch kein Problem, auf der Straße zu laufen …

Thilo Hänsel, 1982, privat

An der Winzerstraße war das Gröbste geschafft und wenn wir nachm Gradsteg die letzte Kurve nahmen, leuchtete uns der alte Giebel entgegen. Nun noch zwei Kurven und wir waren am Ziel.
Der Anblick des alten Hauses hat nicht nur Johannes Thaut inspiriert. Auch Ralf Uhlig und Thilo Hänsel griffen zu Stift und Papier. Und die Träume, die wir beim Anblick träumten, sind, wie eingangs erwähnt, unvergessen. Das vermögen nur alte Häuser: Sie erzählen dem der sehen oder eben träumen kann, die Geschichten ihres Lebens. (Der Traum, hier einmal mit Frau und Kindern einzuziehen, war damals noch nicht dabei …). Natürlich hatten wir keine Ahnung, wie eng das Haus mit unserer eigenen Herkunft verknüpft war, nur die Großmutter sagte manchmal wichtig: das hat auch mal uns gehört …
War der Wagen voll beladen, gings zurück. Da leuchtete uns, wie heute noch, die alte breite Bogentür entgegen, gleichsam ein letzter Gruß, der den beschwerlichen Weg mit Geschichten etwas leichter machte.

Thomas Gerlach

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