Glosse

Patriachat für alle oder Der kleine Friede

Zugegeben, ich war ein verdammt elender Macho, und wenn es nicht nach meinem Willen ging, rastete ich sowas von aus, da will man gar nicht hindenken. Lange ging es ja auch mit meiner kleinen Familie – Pluto, mein Zwergschnauzer, Kuschelmäuschen, meine Frau, und mir – ganz gut. Wenn ich pfiff, waren sie gleich zur Stelle und meine Wünsche wurden auch prompt erfüllt: Pluto verschwand unterm Sofa, Kuschelmäuschen holte das Bier aus dem Kühlschrank und der „kleine Friede“ war wieder hergestellt. Das mit dem großen Frieden wollte aber bisher nicht so recht klappen. Da werde ich wohl noch selber das Flüsschen Bug überschreiten müssen…!

Aber irgendwann wollte das in meinem kleinen bis dahin trauten Heim nicht mehr so richtig harmonieren. Zwar lief scheinbar alles wie gewohnt ab: Pluto holte die Zeitung und das Essen stand immer noch pünktlich bereit. Aber der Zwergschnauzer wedelt nicht mehr so freudig erregt mit seinem Schwanz und Kuschelmäuschen stellte den sächsischen Sauerbraten stumm auf den Tisch!

Zunächst dachte ich an eine Laune, wie sie halt Frauen immer mal wieder haben, wenn sie unpässlich sind. Aber als der Zustand nach drei Monaten immer noch derselbe war, bin ich ins Grübeln gekommen. Irgendetwas schien in der Luft zu liegen. Wie ich mir aber auch den Kopf zermarterte, ich fand es nicht heraus. Schließlich habe ich es nicht mehr ertragen, meinen Pluto und mein Kuschelmäuschen so leiden zu sehen.

Was macht man in so einem Fall? Man erinnert sich an seine alten Kumpels und geht in die Kneipe. Warum ich darauf nicht schon eher gekommen bin, kann ich heute nicht mehr verstehen. Früher traf ich mich mit den Kumpels mindestens dreimal in der Woche. Meine Güte, haben wir da einen gucken lassen…! So schnell hat sich mit uns keiner angelegt. Nun ja, seit ich Pluto und Kuschelmäuschen habe, bin ich halt etwas ruhiger geworden…

Die Kumpels jedenfalls haben mir dann tatsächlich aus der Patsche geholfen. Bei zehn Glas Bier hat man sich ja viel zu erzählen. Schließlich kam das Gespräch auf die Weiber, die auch nicht mehr wie früher seien und die Geleichberechtigung. Da schoss es mir wie ein Blitz durchs Gehirn. Ich hoch vom Barhocker und ab nach Haus, unterwegs noch schnell an einem Zigarrengeschäft gehalten.

Und so habe ich mich vor einem halben Jahr zu einem radikalen Schnitt entschlossen, der meine, Plutos und Kuschelmäuschens Welt total auf den Kopf gestellt hat. Ich habe die Insignien meiner Macht – Auto, Bierkasten, Zigarre und Bild – feierlich an Pluto und Kuschelmäuschen übergeben! Die nahmen sie freudig im Empfang. Nur an die Zigarren wollte meine Frau zunächst nicht so richtig ran. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles.

Ja, liebe Leser, man muss auch bereit sein, mit alten Gewohnheiten zu brechen, wenn man in der neuen Zeit bestehen will. Bei uns jedenfalls haben jetzt alle Familienmitglieder ein Recht auf das Patriarchat. Wir wechseln alle halben Jahre! So sichern wir den „kleinen Frieden“ und die Harmonie in der Familie, meint

Euer Motzi

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