100 Jahre Museum Hoflößnitz, Teil 5

Der Hoflößnitzverein, der im letzten Teil vorgestellt wurde, mag finanziell auf tönernen Füßen gestanden haben. Sein Verdienst, dieses Wahrzeichen der Lößnitz mit Spendenmitteln eben noch rechtzeitig vor dem Verfall gerettet zu haben, bleibt aber ein Ruhmesblatt der frühen sächsischen Denkmalpflege. Praktisch geschrieben wurde es unter der fachlichen Leitung des Architekten Emil Högg (1867–1954), der 1911 auf den Lehrstuhl für Raumkunst und Ingenieurbaukunst der Technischen Hochschule Dresden berufen worden und seit 1912 in Radebeul ansässig war. Als noch im selben Jahr am Lusthaus die Gerüste fielen, machte sich in der Lößnitz freilich Unmut breit – statt eines »Schlosses« stand da plötzlich, seiner äußeren Zierden beraubt, nur noch ein überdimensioniertes einfaches Winzerhaus… In einem lesenswerten Artikel für die ›Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz‹ (3. Bd., H. 2, S. 64–66) wurde diese Fehleinschätzung durch einen ungenannten Verfasser, sehr wahrscheinlich Högg selbst, unter Anführung stichhaltiger Argumente richtiggestellt. Aus Platzgründen sei hier nur eine Kurzzusammenfassung dieses Beitrages angeführt (erschienen in der Wochenschrift ›Kunstchronik‹, Leipzig, N. F., 24. Jg., Nr. 22, Sp. 299f.), der ursprünglich den Titel trug:

»Der Umbau des Hoflößnitz-Schlößchens«
Emil Högg, heißt es dort, habe die ihm gestellte Aufgabe der Erhaltung und Wiederherstellung des Bauwerks »in ausgezeichneter Weise im Sinne moderner Denk­malpflege gelöst. Er hat alle Zutaten, die angeblich zur Verschönerung des Schlößchens vor kaum einem Dutzend Jahren dem Bau angefügt worden waren, beseitigt und den alten Zustand wiederhergestellt. Eine solche unnütze und ganz stilwidrige Zutat war ein blechernes Türmchen, das viel zu schwer für den Dachstuhl war, daher die Sparren durchgedrückt und die ganze Dachfläche eingebogen, da­mit aber dem Regen dauernden Eintritt verschafft hatte. Eine zweite solche Zutat war der Putz, mit dem man das alte Fachwerk zugedeckt hatte. Eine dritte war die ganz sinnlose, häßliche Terrassenbrüstung nebst einer geschweiften Freitreppe, die man vor 13 Jahren an der Gartenseite angelegt hatte. Nachdem alle diese Verballhornungen und Fälschungen gefallen sind und das Schlößchen wieder in­stand gesetzt worden ist, hat das Gebäude ein ganz anderes, nämlich sein ursprüngliches Aussehen zurückge­wonnen: es ist wieder ein schmuckes, stattliches Wein­berghaus mit Fachwerk geworden, in der Weise, wie es im 17. Jahrhundert erbaut worden ist.«

Das Lusthaus der Hoflößnitz vor und nach der Sanierung 1912, Foto: Archiv Hoflößnitz

Der Beitrag endete mit einem in dieser Serie schon mehrfach erklungenen Wunsch: »Hoffentlich finden sich nun auch bald die Mittel, das reizende, alte Bauwerk zu einem Weinbergs-Museum auszugestalten.« Diese Hoffnung war damals jedoch gerade wieder auf die sprichwörtliche lange Bank gerückt, denn der Verein stand in Er­mangelung eines wirtschaftlichen Konzepts ein Jahr nach Gründung bereits vor der Insolvenz. Der Finanzbedarf war unter- und die Spendenbereitschaft deutlich überschätzt worden. Aus der Lößnitz gingen zwar einzelne Schenkungen von Museumsobjekten ein, aber keinerlei größere Geld­spenden, und im Bauverlauf auftretende Defizite konnten nur mit Darlehen der Oberlößnitzer Sparkasse überbrückt werden.
Dass diese gewährt wurden und das ganze Projekt nicht den Bach hinab ging, ist dem Oberlößnitzer Gemeindevorstand Bruno Hörning zu verdanken. 1913 übernahm dieser im Verein das Schatzmeisteramt, und als sowohl der neue Vereinsvorsitzende Dr. Artur Brabant wie auch sein Stellvertreter Oberst v. Kretschmar 1914 in den Krieg zogen, lastete alle Verantwortung auf ihm. Als die Gläubiger drängten, entschied Hörning sich dafür, der »Hinwurstelei« ein Ende zu setzen und das Konkursverfahren einzuleiten. Um zu retten, was zu retten war, legte er dem Gemeinderat von Oberlößnitz eine vertrauliche Denkschrift vor, die den Ankauf des Grundstücks empfahl und zwei Szenarien skizzierte: Man könnte die Immobilie maximal ausnutzen, das Grundstück parzellieren und verkaufen und das Schlösschen als »zufälliges Überbleibsel« behandeln. Er favorisiere aber die »ideale Seite«: Als Eigentümerin könnte die Gemeinde die Nebengebäude und Weinbergsflächen vermieten bzw. verpachten und im Schlösschen z. B. eine Konditorei mit Weinschank einrichten lassen. Das zusammengetragene Museumsgut ließe sich im alten Pressraum des Pressenhauses präsentieren, zu dem der Konditor den Schlüssel erhielte. Am 14. April 1915 beschloss der Gemeinderat, dieser Empfehlung folgend, den »Erwerb aus idealen Gesichtspunkten« für 105.000 Mark, was der Summe der Verbindlichkeiten des Hoflößnitzvereins entsprach, also weit unter dem inzwischen gestiegenen Wert, und verabschiedete in der gleichen Sitzung ein »Ortsgesetz zum Schutze und Erhaltung des Schloßgrundstückes ›Hoflößnitz‹ sowie dessen Umgebung gegen Verunstaltung«. (Fortsetzung folgt.)
Frank Andert

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