Ein guter Platz

Matthias Kratschmer vorgestellt

Der Grafikdesigner Matthias Kratschmer ist ein angenehm zurückhaltender Mensch. Seine „Produkte“ hingegen sind im Radebeuler Stadtraum kaum zu übersehen. Die Plakathalter am Straßenrand mit dem werbenden Spruch „Ein guter Platz“ werden nicht nur von den Autofahrern mehr oder weniger bewusst wahrgenommen. Die Absicht hinter der städtischen Aktion ist unschwer zu erkennen. Dem wilden Plakatieren wollte man eine praktikable Alternative entgegensetzen.

Foto: D. Flechtner

Wer die Lößnitzstadt fußläufig erkundet, wird an verschiedenen Objekten quadratische Plaketten in den Farben des Radebeuler Stadtwappens, weiß-rot-grün, bemerken. Das Motiv erinnert an strukturierte Weinterrassen, wohl auch in Anspielung auf Karl Kröners Essay „Die Lößnitz-Gestalt und Wirkung einer Landschaft“. Wer diese Plakette erhält, gehört zu den Favoriten der Radebeuler Bauherrenpreisverleihung. Auch die Piktogramme mit der stilisierten Weintraube zur Kennzeichnung der Radebeuler Wein-Wanderweg-Routen wurden von Matthias Kratschmer gestaltet. Was so klar und schlüssig wirkt, ist das Ergebnis eines sorgfältigen Entwicklungsprozesses.
In enger Zusammenarbeit mit der Landschaftsarchitektin Katrin Rudloff entstand aus einer Gestaltungsidee für den Kreisverkehr an der Stadtgrenze zwischen Radebeul und Coswig ein markanter Blickfang. Wo hingegen die Städtepartnerschaftsbänke im Rathausareal vermutlich nur wenigen Menschen aufgefallen sein werden. Ihr Schöpfer selbst bezeichnete sie als DatenBänke. Was auch immer er damit gemeint haben mag
Einige Lebensstationen des Radebeuler Grafikdesigners Matthias Kratschmer sollten hier Erwähnung finden. Geboren wurde er 1952 in Gera. Mit der Familie zog er 1963 nach Radebeul, besuchte zunächst die „Gelbe Schule“ (heute OS Kötzschenbroda), später die „Uhrschule“ (heute GS Kötzschenbroda). Das Bootshaus befand sich in unmittelbarer Nähe und der 11-jährige Schüler entdeckte für sich den Rudersport, welchen er bis heute betreibt. In der Gruppe der über 70-jährigen (1000-Meter-Strecke) wurde er 2024 Deutscher Meister im Einer-Rudern und 2025 Europameister im Doppel-Vierer. Dass er die Broschüre zum 100-jährigen Bestehen des Bootshauses gestaltete, scheint nahezu folgerichtig.

Foto: M. Kratschmer

Später erlernte er den Beruf eines Maschinenschlossers, studierte an der TU Dresden Maschinenbau, arbeitete im Kraftwerksanlagenbau in der Bau- und Montagetechnologie und als Laboringenieur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Von 1982 bis 1987 absolvierte er ein Fernstudium für Produktgestaltung (heute Industriedesign) in Halle an der Burg Giebichenstein. Danach war er bis zu dessen Auflösung als Formgestalter am Institut für Luft- und Kältetechnik tätig. Schließlich wagte er im Jahr 1992, nicht ganz freiwillig, den Schritt in die Selbständigkeit. Seit 1995 ist er Partner im Büro H-Design. Das H steht für den Firmengründer Wolfgang Hartig. Arbeitsschwerpunkte sind Produktentwicklung, Industrie- und Grafikdesign. Die Referenzliste ist lang. Zur Ausstellung “Nützliche Ästhetik“ präsentierten sich im Jahr 2002 beide Designer mit Beispielen ihrer Produktpalette in der Radebeuler Stadtgalerie.
Besonders mit der Kultur- und Werbegilde Altkötzschenbroda entwickelte sich ab 2000 eine fruchtbare Zusammenarbeit. Zahlreiche Informations- und Werbeerzeugnisse, die danach für verschiedene Vereine und Institutionen entstanden sind, tragen Matthias Kratschmers Handschrift. Alle einzeln aufzuführen, würde jedoch diesen Beitrag sprengen.
Mit zwölf Titelbildern wird uns der Grafikdesigner durch das Jahr 2026 begleiten. Die erläuternden Texte hierzu schreibt er selbst und gewährt einen differenzierten Einblick in das Metier seiner Zunft.
Zum Zeichnen ist Matthias Kratschmer verstärkt in der Coronapandemie gekommen. So begann er am 11. März 2020 mit einem grafischen Tagebuch, welches er bis heute führt. Gespiegelt werden Eindrücke und Befindlichkeiten des jeweiligen Tages. Das fertige Werk stellt er abends in seinen Status bei Whats App. Seitdem sind weit über 700, zum Teil colorierte Zeichnungen entstanden, in der Regel Unikate, die von ihm mitunter digitalisiert und weiterbearbeitet werden.
Seine grafischen Blätter sind keine gegenständlichen Abbilder. Linien und Strukturen fügen sich zu seltsamen Gebilden. Die bemerkenswerte Akkuratesse in der Ausführung erfordert Konzentration und eine ruhige Hand. Florale und konstruktive Elemente scheinen auf surreale Weise zu verschmelzen. Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, ist ein umfangreiches Werk an freien grafischen Arbeiten entstanden, die den Designer nicht verleugnen.
Eine vielseitige Werkauswahl zeigte er 2024 zum Thema „Struktur und Farbe“ in einer Zahnärztlichen Gemeinschaftspraxis. Bereits 2025 folgte eine weitere Personalausstellung in der Lößnitzbar unter dem Motto „Meine grafischen Tagebücher von 2021–2025“. Mehrfach beteiligte er sich an den Themenorientierten Sommerprojekten der Stadtgalerie und den Gemeinschaftsaktionen „Kunst geht in Gärten“. In diesem Zusammenhang, sind auch seine ersten plastischen Kunstobjekte entstanden.

Übrigens hat sich auch für Matthias Kratschmer „ein guter Platz“ gefunden. Die Lößnitzstadt wurde für ihn zum anregenden Lebensmittelpunkt, was nicht zuletzt in seinem künstlerischen Schaffen zum Ausdruck kommt.

Karin (Gerhardt) Baum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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