Zum Abschied: Rückblick auf 35 Jahre Radebeul

von Ulfrid Kleinert

Ich freue mich darüber, dass „Vorschau und Rückblick“ mir angeboten hat, einen kleinen persönlichen „Rückblick“ auf 35 Jahre Radebeul zu schreiben.

Ich bin 1941 in Dresden geboren, nach der Flucht meiner Mutter ab 1945 in Westfalen aufgewachsen und seit Studienzeiten (ab 1962) jedes Jahr in Dresden (und Ostberlin) gewesen, aber bis 1989 immer an Radebeul vorbeigefahren. Von 1991 an lebe ich nun bis heute die längste Zeit meines Lebens zusammen mit meiner Frau Angelika und (bis 2003) unserem Sohn Tobias an einem Ort: erst in Radebeuls Karlstr. 4 als Mieter, dann ab 1999 in der Käthe-Kollwitzstr.17 als Haus(instandsetzungs)besitzer. Die Verbindung mit dem Diakonischen Werk Sachsen, das in Radebeul seinen Sitz hat, und die Gründung der Evangelischen Hochschule (ehs) in Dresden hatten uns hierhergeführt. Am Ende des 1. Semesters mit dem ersten Studiengang von 50 Sozialarbeits-Studierenden (es kamen halbjährlich 50 pro Studiengang dazu, bis es 800 waren) wurde ich im Januar 1992 in einem Gottesdienst in der Friedenskirche (FK) als Gründungsrektor verpflichtet; ich hatte bereits 20 Jahre zuvor in Hamburg die Ev. Fachhochschule des Rauhen Hauses mit aufgebaut.

Die ersten Jahre war ich von morgens bis abends fast täglich in der ehs, habe nur gelegentlich mal in der Dresdner Kreuzkirche, mal in der FK gepredigt. Das änderte sich kurz vor der Jahrtausendwende. Eine geregelte Frei-Zeit ließ jetzt Luft für lokales ehrenamtliches Engagement.

Ich ging da wöchentlich als Vorsitzender des Gefängnisbeirats und Vereinsgründer des „HAMMER WEG e.V.“ ins neu gebaute Dresdner Gefängnis am Hammer Weg. Und organisierte gemeinsam mit Pfarrer Wolfram Salzmann und Thomas Gerlach in der FK allwinterlich monatliche kulturelle und politische Abende unter dem Titel „(Nicht nur) Reden in Kötzschenbroda“. Von den meist sehr lebhaften und gut besuchten insgesamt 70 Abenden seien hier drei kurz skizziert: einer mit Gefängnisinsassen, einer mit Nikolaus aus Myra und einer mit den 7 Radebeuler OB-Kandidaten vor der Wahl 2000.

1. Acht Männer und Frauen kamen aus der Dresdner JVA (Justizvollzugsanstalt) zu uns in den mit Kreidestrichen als Gefängnistrakt ausgemalten Luthersaal. Sie berichteten uns von ihren Gefängniserfahrungen. Vier von ihnen waren rechtskräftig verurteilte Männer und Frauen, die anderen vier ehrenamtliche freie Mitarbeiter*innen des HAMMER WEG e.V. Am Ende konnten sich alle Besucher gut vorstellen, was alles im Gefängnis passiert. Keiner der Besucher aber war sich sicher, wer von den Gästen ein „Krimineller“ war, und wer nicht. Alle 8 waren als Menschen erkennbar geworden, mit denen man sich mal gut, mal weniger gut verstand. Der Berichterstatter der SZ vermutete deshalb, dass wir wohl nur „harmlose“ Straftäter eingeladen hätten. Tatsächlich aber waren auch Gefangene mit längeren Haftstrafen dabei. So zeigte sich, dass Straftäter Menschen sind wie andere auch, wenn man sich bemüht, sie etwas näher kennen zu lernen. In gut begleiteten „freien Formen des Justizvollzugs“ könnten viele diese Erfahrung zwar nicht mit allen, aber doch mit einer größeren Anzahl der heute Gefangenen machen. Die vielen Millionen Euro, die heute für große Gefängnisse ausgegeben werden, könnten da besser angelegt werden.

2. Am 6. Dezember 2002 kam Nicolaus von Myra in seinem Bischofsgewand nach Radebeul und erzählte aus seinem Leben: wie er es im 4. und 5. nachchristlichen Jahrhundert in Kleinasien geführt hatte. Und was ihm aktuell auf seinem Weg in die Lößnitz begegnet ist und was er da kritisch beobachtet hat. Seine Radebeuler Rede wurde so bekannt, dass sie auch die „Frankfurter Rundschau“ deutschlandweit abdruckte. Und das polnische Spiegel-Magazin, das die Radebeuler Rede in Warschau – selbstverständlich in polnischer Übersetzung – wiedergab. Zu einer aktuellen Neuauflage kam Nikolaus 22 Jahre später noch einmal nach Radebeul. Das war2024 zur 70. und letzten Folge von „(nicht nur) Reden in Kötzschenbroda“ – und ist jetzt in einem Heftchen des Radebeuler Notschriftenverlags nachzulesen.

3. Am Anfang unseres Jahrtausends kandidierten mal 7 Politiker für das Amt des OB von Radebeul. Sie mussten sich in zeitlich genau begrenzten kurzen Reden an einem Vor-Wahlabend im Luthersaal zu Fragen äußern, die ihnen von den Reden-Moderatoren gestellt wurden. Am Ende gewann Bert Wendsche die Rededuelle und zum ersten Mal auch die OB-Wahl – damals sehr zum Wohle der Stadt und als von den Grünen und der SPD unterstützter Kandidat, von denen er sich anschließend in Richtung CDU verabschiedete.

Über ein halbes Jahr danach erkundigten sich die Redenmoderatoren Gerlach, Kleinert und Salzmann beim neugewählten OB, wie es um sein im Luthersaal gegebenes Wahlversprechen stehe: er wolle doch dafür sorgen, dass Radebeul nicht nur Wein- und Wohnstadt sein, sondern auch wieder Friedensstadt werden solle. Das Gespräch wurde zur Geburtsstunde des Radebeuler Couragepreises. Zunächst sollte ein Verein als freier Träger für eine Friedensinitiative gegründet werden. Der sollte einen von der Stadt bezahlten Preis für besonderes Engagement vergeben. Auf Vorschlag des Vereinsmitglieds F.W. Junge wurde einvernehmlich der Name von „Friedenspreis“ in „Couragepreis“ geändert, weil es schon viele Friedenspreise gebe, aber nur wenige für mutiges Engagement im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. Auch sollte unterschieden werden zwischen einem mit 5000 € dotierten internationalen Preis und einem regionalen ohne Preisgeld. Beide Preise sollten in zweijährigem Rhythmus am 27. August verliehen werden. Denn am 27.8. 1645 wurde in Kötzschenbroda durch einen mutigen Waffenstillstand zwischen Sachsen und Schweden fast drei Jahre früher als andernorts der 30jährige Krieg couragiert beendet.

Der Verein hat bisher gute und weniger gute Erfahrungen mit seinen Entscheidungen für die internationalen Preisträger aus Russland, Belarus und Rumänien gemacht. Vor allem aber hat er seinem Namen keine Ehre gemacht, als er keine Courage hatte, interne Konflikte offen auszutragen. Vielleicht gibt es in diesem Jahr eine neue Chance, da mit dem Belarussen Maxim Znack zurzeit ein würdiger Kandidat im Gespräch ist. Znack war 2022 juristischer Verteidiger von Maria Kolesnikowa, die damals überall bekannt wurde, als sie bei Demonstrationen gegen den Wahlfälscher und Diktator Lukaschenko in Minsk mutig voran ging und ihre Hände mit den Zeigefingern zu einem Herz formte. Sie und ihr Anwalt Znack wurden daraufhin verhaftet und inhaftiert – bis ein Deal zwischen den Diktatoren Trump und Lukaschenko vor zwei Monaten beider Freilassung ermöglichte nach der Devise: ich unterstütze dich wirtschaftlich und du lässt politische Gefangene frei, damit ich vielleicht doch noch mal den Friedensnobelpreis erhalte. Die Freigelassenen leben nun in Litauen und Polen. Wer Znack kennenlernen möchte, lese sein im Berliner Suhrkamp-Verlag in deutscher Sprache erschienenes Gefängnistagebuch, das er „Zekamerone“ nennt.

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