Schatten-Spiele
Ein fast Nacht-Deal
Gute Vorsätze gehören zum Jahreswechsel wie Spekulatius zum Weihnachtsfest, schon, weil sie immer auch spekulativ bleiben.
In diesem Jahr nun will ich versuchen, den zur Weihnacht traditionell kurzzeitig in den Vordergrund rückenden Gedanken der Nächstenliebe in den Prozeß der Vorsätzlichkeiten einzubeziehen und ihm so ein wenig Dauer zu verleihen. Das erfordert in erster Linie, fremdes Gedankengut nicht gleich abzulehnen, sondern jedem Menschen eine eigene Meinung zuzugestehen. Freilich kann das zu einer erheblichen Erweiterung der eigenen Toleranzgrenzen führen. Dies umso mehr, als seit ein paar Jahren eine Auffassung über den großen Teich schwappt, die Lügen als „alternative Tatsachen“ sieht, denen es ins Auge zu blicken gilt.
Der beste Ort für mich, Toleranzgrenzen auszutesten, ist das Wirtshaus meines Vertrauens. Dort, am Tresen, oder, wenns endlich wieder warm werden sollte, am Faß, wo der Geist über den Gläsern schwebt, finde ich die geeignete Atmosphäre. Vor allem hab ich einen neutralen Grund, die so geliebte Lokalität aufzusuchen.
Und richtig, kaum sitz ich aufm Hocker, kaum brennt die Kerze, kaum hab ichs Glas in der Hand, sitzt Georg neben mir.
Da kommt was auf uns zu, sagt er.
Mach langsam, sag ich, jetzt kommt erstmal ein Bier – und das kommt nicht nur, das be-kommt auch.
Lach nicht, sagt er, der Sturm kommende Nacht wird heftig.
Ja, die Extreme nehmen zu, falle ich wissend ein, liegt wohl am Klima und am CO² –
Quatsch nicht so grün daher, fällt nun er mir ins Wort, mit dem Klima hat das nichts zu tun.
In mir leuchtets auf: Toleranzgrenze, Toleranzgrenze – schon beginnt sie sich zu weiten (ich hoffe nur, Georg sieht mir meine Begeisterung nicht an).
Na ja, sag ich versöhnlich, der alte Erdball hat schon ganz andre Dinge überstanden; aber bis er richtig rund geschliffen ist und kein Berg mehr Schatten wirft, das kann noch dauern.
Ball ist gut, beginnt Georg –
Ich weiß, rede ich rasch dazwischen, die Form scheint nicht so ganz gelungen. So eiert das Ganze ein bißchen, das kommt von der Toleranz. Trotzdem kann schon noch von „Ball“ gesprochen werden…
Und wer hat dir gesagt, daß die Erde ein Ball ist?
Das ist Allgemeingut, sag ich, schon die alten Ägypter haben den Erdumfang bestimmt.
Bestimmt bestimmt, lacht Georg. Denkst du ich kenne die Mär von Eratosthenes und seinen Schatten-Spielchen nicht? Aber: Warst du dabei, als er seine Stäbchen setzte? Kannst du dich für die Rechnung verbürgen?
Lassen wirs gut sein, sag ich. Du läßt mir meinen Ball und ich laß dir deine Zweifel – prost. Paß aber auf, daß du nicht von der Platte geweht wirst, wenn demnächst der Sturm kommt.
Georg wird ernst.
Das wollte ich mit dir bereden, sagt er drauf. Die Leute haben Angst. Es gibt zu wenig Schutz vor Sturm, die reale Gefahr, verweht zu werden, nimmt stetig zu – und die Regierung unternimmt nichts, gar nichts. Er hält mir einen Zettel hin. Aufruf, lese ich und staune. Es geht darin tatsächlich um die „Notwendigkeit umfassender Maßnahmen zur Absicherung der Bevölkerung vor Sturmereignissen“. Unterschreib mal hier, sagt Georg.
Ich blicke tief ins Glas. Am Boden formen sich die Buchstaben D E A L. Ich kenne das Wort bisher nur im Zusammenhang mit kriminellen Machenschaften, aber zunehmend wirft der Begriff seine Schatten auch auf die große Politik … warum also nicht …
In Ordnung, sag ich – ich unterschreibe hier, und du hilfst mir im Gegenzug beim Klima …
Thomas Gerlach


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